Charles S. Maier
Das Politische in der Ökonomie: Zur Machtvergessenheit der WirtschaftswissenschaftIn Zeiten wirtschaftlicher Probleme kehrt die politische Ökonomie, als eine alternative Herangehensweise an das ökonomische Denken, in Politik und Geschichte zurück. Sie ist eine Methode für stürmische Zeiten und ist deshalb seit der Finanzkrise, die 2008 begann, wiedererwacht, wie schon einmal in den 1970er Jahren. Die politische Ökonomie impliziert, dass Produktionsfaktoren – insbesondere Kapital und Arbeit – nicht nur eingesetzt und belohnt werden bis zu dem Punkt, an dem ihre abnehmende Grenzerträge gegen Null gehen, sondern auch gemäß der kollektiven Stärke, die ihre jeweiligen Produzenten kontrollieren können. Gesellschaftliche Belohnungen – Löhne und Gehälter und die Preise der Vermögenswerte – werden auf einem Marktplatz bestimmt, der nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch ist. Macht zählt. Es gibt Wahlmöglichkeiten.
Adam Tooze
Diesmal ist es wirklich anders: Amerikas »Große Rezession« im Spiegel der GeschichteDie gegenwärtige ökonomische Krise ist ein Ereignis von historischer Bedeutung. Aber was bedeutet das? In Europa ist die Krise vor allem vor dem Hintergrund der europäischen Integration und der damit verbundenen Spannungen zu sehen. In den Vereinigten Staaten wird sie als nationales Narrativ erzählt. Dieser Aufsatz erörtert eine Reihe von zentralen Beiträgen zu der Debatte in den USA – von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, George Akerlof und Robert Shiller und von Raghuram Govind Rajan – um das Koordinatensystem an Möglichkeiten freizulegen, innerhalb dessen die Krise historisiert worden ist. Man betrachtet die Krise als lediglich eine weitere typische Offenbarung der perversen menschlichen Natur. Sie wird als ein Moment der Keynesschen Offenbarung aufgefasst. Oder sie wird als Teil eines strukturierten Entwicklungsprozesses gesehen, der den amerikanischen Traum in Frage stellt. Der Text zeigt dann, wie Paul Krugman, einer der einflussreichsten Kommentatoren der Krise, alle drei Möglichkeiten eingesetzt hat, um seine Intervention aufzuladen. Diese Flexibilität verleiht Krugman eine enorme rhetorische Kraft. Die daraus resultierenden Aporien werden jedoch von Krugman dadurch aufgelöst, dass er regelmäßig in einen alarmierenden ökonomischen Nationalismus verfällt. Angesichts des Aufstiegs Chinas ist es fraglich, ob diese Art der Historisierung der Krise im 21. Jahrhundert lange überleben kann.
Peter Fritzsche
Seien wir realistisch! Über harte und weiche FaktenAngesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Krise der politischen Legitimität sehen sich Menschen weltweit mit dringenden »Tatsachen« konfrontiert, die das Vertrauen in der Nützlichkeit von Beschreibungen der Gegenwart unterminieren. Bedrohliche materielle Bedingungen stellen die Architektur der Geisteswissenschaften in Frage, insbesondere ihre Betonung der Mehrdeutigkeit, Ironie und Polyvalenz. Dennoch bleibt die Idee des »Realen« politisch aufgeladen, besonders in Krisenzeiten. Die Unerbittlichkeit der Tatsachen führt nicht zur Unerbittlichkeit der Interpretation. Letztlich können und sollen die »weichen« Werte der Kulturanalyse nicht ersetzt werden durch die »harten« Umrisse einer ökonomischen oder »realistischen« Erklärung. Gleichzeitig sollen die Geisteswissenschaften selbst der Gefahr widerstehen, mitschuldig zu werden an der Fragmentierung gemeinsamer Werte oder der Auslöschung der Vorstellung von gemeinsamen Deutungen und Mythen.

