Chronik

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1918

  • Wilhelmina und Curt Biella ziehen nach Gunzenhausen und übernehmen das Fotoatelier Georg Hemmer.

 

1919

  • Die jüdische Kultusgemeinde Gunzenhausens wehrt sich in einer öffentlichen Bekanntmachung gegen den Vorwurf, Juden hätten die regierungsfeindliche spartakistisch-bolschewistische Bewegung finanziell unterstützt.
  • Olga Appolonia, die erste Tochter der Biellas, wird geboren.

 

1923

  • Gründung der NSDAP- und der SA-Ortsgruppe Gunzenhausen.
  • Vera Lucia, die zweite Tochter der Biellas, wird geboren.

 

1924

  • Gunzenhausen feiert sein 1100-jähriges Bestehen.
  • Bei der Gemeinderatswahl werden drei Nationalsozialisten in den Stadtrat gewählt.

 

1926

  • Neben der NSDAP zählt Gunzenhausen jetzt zehn weitere »völkische« sowie rechte Vereine mit jeweils einer Ortsgruppe.

 

1927

  • Der parteilose Dr. Heinrich Münch wird einstimmig zum Ersten Bürgermeister Gunzenhausens gewählt. 1932 wird er der NSDAP beitreten.

 

1928

  • Unbekannte schlagen die Fenster der Synagoge ein.

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1929

  • Auf dem jüdischen Friedhof werden 18 Grabsteine umgestürzt und zum Teil zerstört.

 

1930

  • Die jüdische Gemeinde richtet einen ständigen Wachdienst für ihre Einrichtungen ein.
  • Jüdische Geschäfte werden immer häufiger boykottiert und angegriffen.
  • Eine Gymnasiastin beschuldigt den jüdischen Lehrer Arnold Kurzmann, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Er wird vor Gericht freigesprochen.
  • Johann Paulus Appler, der spätere Erste Bürgermeister Gunzenhausens, wird NSDAP-Kreisleiter.

 

1931

  • Appler gründet die SS-Ortsgruppe Gunzenhausen.
  • Gauleiter Julius Streicher besucht zum wiederholten Mal Gunzenhausen.
  • Junge Nationalsozialisten überfallen den jüdischen Geschäftsmann Joseph Guggenheimer.

 

1932

  • Die Synagoge und das Judenbad (Mikwe) werden renoviert.
  • Im Altmühl-Boten werben Anzeigen vermehrt für »Hitler-Artikel«, wie z. B. SA-Hosen, SS-, SA-, HJ-Mützen und Parteiabzeichen.
  • NSDAP-Anhänger des benachbarten Dorfes legen am Südhang des Hesselbergs ein weithin sichtbares Hakenkreuz aus weißen Kalksteinen.
  • Bei der Reichspräsidentenwahl verzeichnet die NSDAP in Gunzenhausen einen Zuwachs von über 40 Prozent. Zwischen 67 und 77 Prozent der wahlberechtigten Gunzenhäuser stimmen für Hitler.
  • Der erste Bürgermeister Heinrich Münch tritt der NSDAP bei und ist fortan ein glühender Verehrer Hitlers.
  • An einer Kundgebung mit Adolf Hitler im extra errichteten Doppelzelt nehmen mehrere tausend Menschen teil.
  • Der Rektor des Diakonissenmutterhauses Henholtshöhe Pfarrer Ernst Keupp unterzeichnet seine Neujahrsgrüße bereits mit »Heil Hitler«

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1933

  • Appler wird NSDAP-Reichstagsabgeordneter.
  • Der Marktplatz Gunzenhausens wird in Adolf-Hitler-Platz umbenannt.
  • Gunzenhausen weiht unter großem Beifall das »Denkmal der nationalen Erhebung« (im Volksmund »Hitlerdenkmal«) ein.
  • SA-Leute umstellen das in der Nähe gelegene Schloss Ellingen und führen Fürst Wrede in Fesseln ab.
  • 100 Nationalsozialisten versammeln sich vor jüdischen Häusern und Geschäften und fordern lautstark »Schutzhaft« für die Juden Gunzenhausens.
  • Die Gerberstraße wird in Julius-Streicher-Straße umbenannt.

 

1934

  • 25. März, der Blutpalmsonntag. 700 bis 1500 Personen ziehen marodierend durch Gunzenhausen, dringen in Wohnungen jüdischer Bewohner ein, misshandeln sie und sperren 29 Männer und sechs Frauen in das Gefängnis. Dabei kommen Jakob Rosenfelder und Max Rosenau ums Leben.
  • Die New York Times berichtet über den Pogrom.
  • Auf dem Hesselberg wird der 2. Frankentag mit Julius Streicher und Hermann Göring gefeiert.
  • SA-Führer und Reichsminister ohne Geschäftsbereich Ernst Röhm besucht Gunzenhausen.
  • Appler wird Zweiter Bürgermeister.
  • Der Steueramtmann und SA-Obersturmbannführer Karl Bär lässt den jüdischen Bankier Justin Gerst wegen angeblicher Bilanzunstimmigkeiten in Schutzhaft nehmen.
  • Kurt Bär, Neffe von Karl Bär und Rädelsführer des Blutpalmsonntags, erschießt den jüdischen Gastwirt Simon Strauß und verletzt dessen Sohn Julius schwer.
  • Nach dem Röhm-Putsch spitzt sich auch in Gunzenhausen der Konflikt zwischen SA und NSDAP zu. Kurt Bär wird all seiner Ämter enthoben und das Berliner Innenministerium befiehlt, die SA in Gunzenhausen mit Polizeigewalt am Singen des Horst-Wessel-Liedes zu hindern.
  • Julius Streicher besucht das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe.

 

1935

  • Curt Biella wird Mitglied der NSDAP.
  • Als der Erste Bürgermeister Heinrich Münch nach einer Blinddarmoperation stirbt, tritt Appler auf Anregung Julius Streichers seine Nachfolge an.

 

1936

  • Die »Heldengedenkstätte für die Toten des Weltkrieges und der Bewegung« wird eingeweiht. keiner der fünf jüdischen Gefallenen wird auf dem Epitaph erwähnt.

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1938

  • Das Geschäft der Guggenheimers wird verkauft und arisiert, wie auch weitere jüdische Läden und Häuser in Gunzenhausen.
  • Curt Biella stirbt mit knapp 48 Jahren, seine Frau Wilhelmina führt das Fotoatelier weiter, später mit Unterstützung ihrer Töchter Olga und Vera.
  • Die Kennkartenpflicht für Juden wird eingeführt.
  • Appler zwingt die Israelitische Kultusgemeinde zum Verkauf der Synagoge und des jüdischen Schulhauses.
  • Erste Reichspogromnacht am 9. November: Die SA Gunzenhausen befiehlt die Niederbrennung der Synagoge, was der Feuerwehrmann Wilhelm Braun verweigert, vermutlich, weil die Stadt ihren eigenen Besitz nicht zerstören will.
  • Zweite Reichspogromnacht am 17. November: Appler fordert die Gunzenhäuser per Zeitungsanzeige auf, sich vor der Synagoge zu versammeln und dem Abriss der beiden Zwiebeltürme beizuwohnen.

 

1939

  • Die lokale NSDAP-Führung meldet nach Berlin, dass Gunzenhausen judenfrei sei.
  • Die Stadtverwaltung plant die Einrichtung eines sogenannten Judenarchivs und erwirbt zu diesem Zweck im Fotoatelier Biella ein Fotoalbum und eine Anzahl Fotos jüdischer Gunzenhäuser.

 

1940

  • Die Biellas fotografieren polnische Zwangsarbeiter_innen aus erkennungsdienstlichen Gründen.

 

1942

  • Auch sowjetrussische Arbeitskräfte werden jetzt in Gunzenhausen eingesetzt.
  • Die Firma Loos errichtet auf ihrem Werksgelände eine hölzerne Baracke für die »Ostarbeiter«.

 

1943

  • Ausländer müssen ab sofort das grüne Arbeitsbuch mit sich führen. Die Passbilder dazu liefert das Fotoatelier Biella.

 

1944

  • Menschen aus 24 Nationen halten sich jetzt in Gunzenhausen auf. Die meisten sind Flüchtlinge oder Zwangsarbeiter_innen.

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1945

  • Die amerikanische Armee nimmt Gunzenhausen ein.
  • Die Amerikaner verhaften Appler nach den Kriterien des »automatic arrest« und bringen ihn in das Internierungslager Hersbruck.
  • J. D. Salinger wird als Angehöriger des CIC Detachment CAF 10 in Gunzenhausen stationiert.

 

1949

  • Appler muss sich wegen des Kaufs der Synagoge vor Gericht wegen räuberischer Erpressung verantworten. Er wird freigesprochen.

 

1981

  • Die Synagoge wird abgerissen.

 

1983

  • Wilhelmina Biella stirbt in Gunzenhausen.

 

1988

  • Vera Biella meldet den Betrieb des Fotoateliers ab.

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2003

  • Entdeckung der Sammlung Biella während der Wohnungsräumung des ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses der Familie Biella in der Hensoltstraße 3.

 

Bildnachweise
Abb 1: Stadtarchiv Gunzenhausen, Zeitungssammlung, Altmühl-Bote
Abb 2: Stadtarchiv Gunzenhausen
Abb 3: Stadtarchiv Gunzenhausen, Repertorium XXV, Bildsammlung (Postkartensammlung)
Abb 4: Stadtarchiv Gunzenhausen
Abb 5: Stadtarchiv Gunzenhausen, Repertorium XXV (Bildsammlung), Sammlung Biella, Rollfilm 33/3
Abb 6: Stadtarchiv Gunzenhausen