Das Fotoatelier Biella - eine kleinstädtische Anpassungsgeschichte

[Translate to Englisch:] 2003 werden bei einer Wohnungsräumung in Gunzenhausen mehrere Kartons mit spektakulärem Inhalt entdeckt: 882 Glasnegativplatten und 81 Rollfilme mit 2451 Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus, angefangen bei den frühen 1930er Jahren bis zur amerikanischen Besatzung.

Die Urheberinnen der Bilder sind rasch identifiziert. Die Aufnahmen stammen aus dem Fotoatelier Biella, das dort seine Wohn- und Geschäftsräume hatte. Die Katalogisierung gestaltet sich jedoch schwierig, da keine weiteren Dokumente, wie zum Beispiel Inventarlisten oder Auftragsbücher, erhalten sind. Erst durch akribische Nachforschungen in Zeitungsarchiven und bei den Nachkommen von Zeitzeugen durch den Gunzenhäuser Stadtarchivar können die Bilder Ereignissen und Personen zugeordnet werden.

Heute befinden sich die Porträts Gunzenhäuser Nationalsozialisten, Juden und Zwangsarbeiter samt Aufnahmen des »Hitlerdenkmals«, der Frankentage und vieler Parteiveranstaltungen im Stadtarchiv Gunzenhausen und bezeugen den verhängnisvollen Wandel, den diese fränkische Kleinstadt schneller als viele andere vollzog.



[Translate to Englisch:] Im Dezember 1918 zieht das frischgetraute Ehepaar Curt und Wilhelmina Biella nach Gunzenhausen und übernimmt das ehemalige Fotoatelier Georg Hemmer. Curt Biella war während des Ersten Weltkriegs Fotograf bei der Luftschiffwaffe und Wilhelmina hatte das Handwerk bei ihrem Vater gelernt.

Neben der Atelierfotografie ist Curt Biella auch als Fotoreporter unterwegs, produziert Postkarten und verkauft in seinem Ladengeschäft Filme und anderes Zubehör. In der wirtschaftlich schwierigen Zwischenkriegszeit ergreift er jede Gelegenheit, um Kunden zu gewinnen. Schon früh fotografiert Curt Biella bei Jubiläen und Vereinsumzügen und bietet seine Bilder der Stadtverwaltung an. Auf diese Weise knüpft er Kontakte zu den Nationalsozialisten und profitiert später von ihren Verordnungen, wie der Einführung der Kennkartenpflicht für Juden. Er selber wird 1935 Mitglied der NSDAP.

Am 6. Juni 1938 stirbt Curt Biella überraschend und Wilhelmina Biella übernimmt die Geschäfte ihres Mannes. Unterstützung erhält sie von ihren beiden Töchtern Olga und Vera, die ebenfalls ausgebildete Fotografinnen sind. Auch von der Stadt kommen weiterhin offizielle Aufträge.

Weder Wilhelmina noch ihre Töchter treten jemals der NSDAP bei, was sich nach Kriegsende als Vorteil erweist, da sie sofort und ohne Entnazifizierungsverfahren für die amerikanischen Besatzungsbehörden arbeiten können. 1946 müssen die Gunzenhäuser straßenweise bei den Biellas vorstellig werden, um sich für die neuen Kennkarten fotografieren zu lassen.

Die Biellas haben sich vermutlich als Handwerker und Dienstleister verstanden. Die Motive der Bilder sind Indiz dafür, dass sie keinerlei dokumentarischen Anspruch an ihre Arbeit hatten, denn die Aufnahmen zeigen nie die Abgründe des Nationalsozialismus. So sind keine Aufnahmen der Biellas bekannt, die die Zerstörung der Synagoge oder den Pogrom am Palmsonntag 1934 zeigen, obwohl die Familie die Ereignisse hautnah miterlebt haben muss.

Wilhelmina Biella stirbt am 11. April 1983 in Gunzenhausen. Fünf Jahre später meldet Vera Biella das Fotoatelier ab. Die vermutlich ausgelagerten Kartons geraten im Nebengebäude in der Hensoltstraße 3 in Vergessenheit.

[Translate to Englisch:] Bildnachweise
Die Bildnachweise beziehen sich auf das Stadtarchiv Gunzenhausen, Repertorium XXV (Bildsammlung), Sammlung Biella. Abb. 1-5: Glasplatten 15/1, 40/8, 13/12, 1/8, 17/4