Projekt

Die Geburt des Staates aus dem Geist der Metropole

Eine ideengeschichtliche und planungssoziologische Untersuchung der Staatsbildung in Argentinien, Australien und Kanada

Wolfgang Knöbl

Im Zentrum des Projekts steht das Verhältnis von Staat – Metropole – (Hinter-)Land. Der historisch-soziologische Vergleich widmet sich der Geschichte Argentiniens, Australiens und Kanadas und hier insbesondere dem Zusammenhang von Staatsbildung und Metropolenentwicklung im Zeitraum von etwa 1770-1945: Wie war das Verhältnis dieser export-orientierten agrarkapitalistischen Gesellschaften mit ihren sich früh herauskristallisierenden Metropolen wie Buenos Aires, Sydney/Melbourne, Toronto/Montreal zum agrarischen Hinterland und dann eben auch zur Frontier? Drei Dimensionen stehen im Mittelpunkt:

1. Zunächst wird untersucht, wie mit ihren national und regional unterschiedlichen liberalen Tönungen die intellektuellen Debatten über die Beziehung  Staat – Metropole – (Hinter-)Land geführt wurden. Aufschlussreich hierfür ist, wie sich die metropolitanen Intellektuellen zur ländlichen Bevölkerung an der Frontier verhielten: So spielten beispielsweise in der Geschichte Argentiniens bis ins 20. Jahrhundert sowohl Zivilisierungsideen hinsichtlich der indigenen wie auch hinsichtlich der aus Europa stammenden und oft noch dem spanischen Kolonialerbe verbundenen Landbevölkerung eine wesentliche Rolle. Man ging davon aus, dass die für notwendig erachtete Einwanderung etwa aus Nordeuropa und die mit ihr einhergehende Urbanisierung zur gewünschten Zivilisierung der "wilden" Landbevölkerung führen müssten.
Was bedeutet all dies für die Entwicklung und Ausprägung der nationalspezifischen Liberalismen und inwieweit war das europäische liberale Denken mit seinem höchst autoritären Umgang mit ‚anderen‘ Ethnien prägend?

2. Eine eher politisch-soziologische oder planungssoziologische Frage ist die nach den infrastrukturellen Integrationsformen. Wie haben sich Gesellschaften, in denen es einen starken Gegensatz zwischen Metropole und Hinterland gab, entwickelt? Es ist davon auszugehen, dass die Integration in Argentinien anders verlief als in Kanada und Australien, die beide, im kulturell-politischen Rahmen des britischen Empire, von Direktiven aus London abhängig waren. Doch auch zwischen den beiden britischen Siedlerkolonien dürften sich die jeweiligen infrastrukturellen Integrationsformen – nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Weltmarkteinbettung ihrer Metropolen – deutlich voneinander unterschieden haben. In diesem Zusammenhang sind dann Ideen der (staatlichen) Planung und der Implementation dieser Pläne von besonderem Interesse, welche die von den Metropolen ausgehende Durchdringung des Raumes anleiten sollten: Wann und unter welchen Umständen erfolgte die beabsichtigte und dann eventuell auch durchgesetzte Inklusion peripherer ländlicher Regionen über infrastrukturelle Maßnahmen, die vom Eisenbahn- und Kanalbau bis hin zur Errichtung eines Telegraphen- und Telefonnetzes reichten?
Die im lateinamerikanischen Raum im 19. Jahrhundert vorherrschenden positivistischen Planungsideen werden ebenso Gegenstand der Analyse sein wie die sich an kanadischen oder australischen Universitäten ausbildenden neuen Disziplinen und Expertengruppen, die planerisches Wissen zur Verfügung stellten.

3. Politisch-soziologisch und polit-ökonomisch zugleich ist schließlich die Frage, ob, wie und wann die jeweiligen sozialen Klassen, ihre politischen Vertreter und Intellektuellen auf die Umstellung der jeweiligen nationalen agrarischen Exportökonomien hin zu eher industriellen Produktionsweisen gedrängt haben. Entwicklungssoziologische und polit-ökonomische Arbeiten haben ja auf die möglicherweise entscheidenden Differenzen zwischen den zumeist als erfolgreich betrachteten Wegen Australiens und Kanadas und dem vermeintlich gescheiterten Weg des argentinischen Wirtschaftssystems aufmerksam gemacht. Die Analyse der Debatten und Entscheidungen der jeweiligen nationalen Akteure gerade vor dem Hintergrund der Frage nach dem Verhältnis von Metropole und Frontier/Hinterland sollte aber nun neue und vor allem vergleichende Einsichten erlauben und damit den Blick der bisherigen zumeist klassentheoretischen Analysen erweitern.

(Stand September 2015)