Projekt

Improvisation, Solidarität, Kollektivität

Das Vergemeinschaftungsproblem in der offenen Gesellschaft

Ulrich Bielefeld

Die Gesellschaften der ersten Moderne waren am Dispositiv der Disziplin
orientiert. Sie setzten auf Ordnung und Hierarchie, auf die Herstellung
von Eindeutigkeit, von klaren Zugehörigkeiten zu Nationen, Klassen
und Rassen und von festen Bindungen. Die Einzelnen und die Kollektive
sollten sich am Maßstab rationalen und interessengeleiteten Handelns
messen, die Angst vor den irrationalen Massen war vom Wunsch nach
Überschaubarkeit geprägt, der Freiheit des Marktes stand die Ordnung
des Staates und der Fabrikdisziplin gegenüber und die gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen fanden zwischen eindeutig bestimmbaren Gruppen
und objektiv definierbaren Interessen statt.
Nach 1945 wurde das Muster der Vergesellschaftung allmählich folgenreich
verändert.

Der Begriff der Freiheit wurde politisch, kulturell und lebensweltlich
zum Leitbegriff. Befolgen als Handlungsseite der Disziplin und Einverständnis
als Teil des Gehorchens reichen im neuen Modus der Vergesellschaftung
nicht aus. Freiheit als Muster der Vergesellschaftung erweist
sich als höchst voraussetzungsvolles Herrschaftsmodell. In ihm geht es
um Aneignung und Beteiligung, um Entwurf und Gegenentwurf, um
die genaue Regelkenntnis, deren Interpretation und Weiterentwicklung
bei situativer Unsicherheit, um Improvisation. Entstehung, allmähliche
Durchsetzung und Kosten dieses Vergesellschaftungsmodus und Handlungstypus sollen dargestellt und analysiert werden.

(Stand April 2014)