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Machtverschiebungen im Finanzkapitalismus

Zur politischen Ökonomie von Buchhaltungsstandards

Aaron Sahr

Entgegen ihrem Ruf als Paradebeispiele für Pedanterie und Langeweile sind Accountingstandards als Kristallisationszonen gesellschaftlicher Machtverhältnisse für die Analyse kapitalistischer Wirtschaft entscheidend. Das Berechnen und Aufschreiben von Preisen, Zahlungen, Vermögen und Schulden wurde lange als Routinen bloßer Abbildung ökonomischer Wirklichkeit verklärt, an die allenfalls Kriterien bürokratischer Genauigkeit und mathematischer Richtigkeit anzulegen wären. In Wahrheit ist die Praxis der Rechnungslegung kein passiver Spiegel ökonomischer Prozesse, sondern konstituiert wirtschaftliche Vollzugswirklichkeit.

Nur ein als Vermögen oder Schuld notierter Wert kann als Ware auf Märkten gehandelt, als Gewinn verbucht und an Aktionäre ausgezahlt, aber auch kontrolliert und besteuert werden. Werte sind demnach vornehmlich als geschrieben Werte in formellen Wirtschaftsprozessen existent. Diese Einsicht vieler jüngerer Arbeiten der Kalkulationssoziologie ist besonders für die sozialwissenschaftliche Beforschung und Theoretisierung des Finanzsystems relevant, haben die hier hergestellten Produkte – Geld, Kredite, Derivate und Kapital – doch letztendlich keine andere Substanz als ihre Registrierung in den Bilanzen von Gläubigern und Schuldnern.

Die Prozeduren der Produktion ökonomischer Waren durch das "Schreiben von Wert" (Uwe Vormbusch) sind dabei hoch variabel. Skripte, Grenzen und Ausnahmen werden auf nationaler und internationaler Ebene ständig neu verhandelt, weil schon vermeintlich geringe Modifikationen geltender Accountingprinzipien weitreichende Konsequenzen für die Profitabilität von Investitionsstrategien und ganzen Wirtschaftszweige haben können.

In diesem Projekt werden jüngere und jüngste Machtverschiebungen in der politischen Ökonomie der Buchhaltung (political economy of accounting) und deren Folgen studiert. Die Chiffre der "politischen Ökonomie" verweist auf die Annahme eines Zusammenhangs zwischen (gesellschaftlicher) Autorität und (ökonomischer) Profitabilität. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive blickt man sowohl auf die Agenten sich wandelnder Wertschöpfungsprozesse, als auch auf die Profiteure und Verlierer jener Veränderungen. Hier spielt die Praxis des Accountings eine entscheidende Rolle, haben doch Veränderungen von Verfahren der Rechnungslegung unmittelbare Auswirkungen auf die Rentabilität von Produkten, Geschäftsmodellen und Wertschöpfungsketten.

Die Entscheidungsgewalt über Prozeduren und Bedingungen, nach denen Finanzwerte "geschrieben", und damit: produziert werden dürfen, wurde in den vergangenen zwei Dekaden neu arrangiert. Diese (1) Machtverschiebungen werden in regional und sektoral vergleichender Perspektive aufgearbeitet, (2) auf die Frage nach den ökonomischen und sozialen Effekten veränderter Verfahren und (3) den soziopolitischen Bedingungen ihrer Resilienz hin analysiert.

(Stand September 2015)