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Hamburger Edition: Eroberungen
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Projekte der assoziierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

An allen Fronten

Der Umgang mit sexueller Gewalt im Zweiten Weltkrieg

Regina Mühlhäuser

Die Vorstellung, bei sexueller Gewalt handele es sich um ein klar eingegrenztes Phänomen, das in jedem kriegerischen Konflikt dem gleichen Muster folge, ist weit verbreitet. Jüngere Forschungen zu unterschiedlichen Kriegsschauplätzen deuten dem gegenüber darauf hin, dass es sich bei dieser Form von Gewalt um ein heterogenes und polymorphes Phänomen handelt.

Sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten nimmt verschiedene Formen an – z.B. erzwungene Nacktheit, sexuelle Folter, Vergewaltigung, sexuelle Versklavung, Zwangsprostitution oder erzwungene Schwangerschaft –  und wird in unterschiedlichem Ausmaß und variierender Intensität ausgeübt. Die Gewaltakte können unterschiedlichen Funktionen dienen, etwa im Rahmen von ethnischen oder politischen Säuberungsaktionen, als kollektive Bestrafung oder opportunistisch bedingte Einzeltaten. Je nach Akteurskonstellation weisen die Taten unterschiedliche Bedeutungen auf, so ist die Vergewaltigung von Frauen einer feindlichen Gruppe anders konnotiert als sexuelle Gewalt innerhalb des eigenen Kollektivs. Sexuelle Gewalttaten richten sich überwiegend gegen Frauen und Mädchen, aber auch Männer und Jungen können Opfer werden.

Am Beispiel des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit werden in dem Projekt das regelhafte Auftreten dieses Phänomens wie auch die Besonderheiten in spezifischen Konfliktsituationen untersucht. Welche Faktoren  – nationale, kulturelle und religiöse Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität, die Organisationsform der militärischen Akteure, die Art der Kriegsführung oder die spezifischen historischen Vorerfahrungen – bedingten Ähnlichkeiten und Unterschiede bei der Ausübung dieser Form von Gewalt? Auf welche Weise wurde sexuelle Gewalt von Soldaten, Militärführung, Opfern, deren Vertrauenspersonen oder zivilgesellschaftlichen Instanzen thematisiert oder beschwiegen?

1) Zwischen 1932 und 1945 errichteten japanische Soldaten, Geschäftsleute und lokale Kollaborateure in den besetzten Gebieten Asiens ein Netz von 2.000 soge-nannten "comfort stations", in denen rund 100.000 Frauen und Mädchen – zumeist aus der japanischen Kolonie Korea – sexuell versklavt wurden. Die Militärführung unterstützte das "comfort station"-System, um die Soldaten an die Armee zu binden und die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten einzudämmen. Eine Vielzahl der Frauen starb an den Folgen der Gewaltanwendung in den "comfort stations", andere wählten angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung den Freitod.
Auch für Frauen und Mädchen in den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion gehörten die Angst vor sexueller Folter und Vergewaltigung zum Kriegsalltag. Mit ähnlichen Motiven wie bei der japanische Armee versuchten die Führungen von Wehrmacht und SS - durch die Einrichtung von Sanierstuben und medizinisch kontrollierten Bordellen sowie durch das Verteilen von Kondomen - Einfluss auf die Sexualpraktiken ihrer Männer auszuüben. Diese Maßnahmen unterschieden sich allerdings deutlich von dem System der japanischen "comfort stations".
Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu verstehen, wird in dem Projekt der Umgang mit Sexualität in der Vorkriegsgeschichte Japans und Deutschlands, insbesondere der Umgang mit Frauenhandel und Prostitution untersucht.

2) Auch alliierte Soldaten verübten während des Kriegs und in der Nachkriegszeit sexuelle Gewalttaten. So sahen sich z.B. ehemalige "comfort women" der japanischen Armee nach Kriegsende mit alliierten Soldaten konfrontiert, die die "comfort stations" weiter betrieben. In Europa richteten die alliierten Soldaten sexuelle Gewalt nicht nur gegen deutsche Frauen, sondern auch gegen Frauen aus den ehemals von den Deutschen besetzten Gebieten, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren.
In diesem Teil des Forschungsprojekts gilt der britischen Armee, die bisher kaum erforscht worden ist, das zentrale Augenmerk. Die Quellen deuten darauf hin, dass sich britische Soldaten auf dem europäischen Kriegsschauplatz ganz anders verhielten als auf dem asiatischen.

Der Einsatz von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten ist ein politisch umkämpftes Feld, das hoch emotionalisiert und erotisiert wird und von unterschiedlichen nationalen und internationalen Interessen durchsetzt ist. Daher wird auch untersucht, wie, wann und von wem diese Historie seit 1945 in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen thematisiert oder beschwiegen wurde.

(Stand April 2013)