Projekte der assoziierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Nacktprotest

Eine Geschichte der Provokation zwischen Zivilisationsgewinn und Schamverlust

Karin König, Wolfgang Kraushaar

Kaum etwas scheint einfacher zu sein, als sich die Kleidung vom Leib zu reißen, um sich in (aller Öffentlichkeit) nackt zu zeigen. Schließlich hat ja jeder, wie der amerikanische Soziologe Erving Goffman einmal festgestellt hat, seinen Körper immer dabei. Doch was so simpel erscheint, ist alles andere als selbstverständlich. Denn wer den eigenen Körper in seiner Ungeschütztheit und Unmittelbarkeit zu präsentieren bereit ist, der begibt sich auf ein komplexes, mit Tabus und Vorurteilen überaus beladenes, ja vermintes Feld – das der Nacktheit insgesamt. Und wenn dieses zunächst so einfach, weil angeblich "natürlich" erscheinende Phänomen mit dem des Protests verknüpft wird, dann kommt es zu einer Zuspitzung, ja Dramatisierung und Potenzierung eines solchen Aktes. Der Begriff Nacktprotest und das ihm zugrundeliegende Phänomen selbst sind insofern äußerst voraussetzungsvoll. Um sich ein angemessenes Bild von diesem, in mancher Hinsicht neuartigen Protestphänomen zu machen, ist es erforderlich, die ästhetischen, die zivilisatorischen sowie die mentalitäts- und gesellschaftshistorischen Implikationen genauer herauszuarbeiten.

Nachrichten über Protestaktionen von Nackten stellen spätestens seit den publikumswirksam kalkulierten Auftritten der ukrainischen Frauengruppe Femen eine Art Selbstläufer in den Massenmedien dar. Dieses Phänomen wird allgemein als eines der jüngeren Moderne assoziiert. Tatsächlich jedoch läßt es sich bereits im Alten Testament nachweisen. Alles andere als zufällig rührt es an religions- wie zivilisationshistorische Fragen grundsätzlicher Natur. Jede Gesellschaft hat für sich das Verhältnis zwischen Nacktheit und Scham immer wieder aufs Neue zu klären. Was aber geschieht, wenn das Schamgefühl in der Konsum- und Mediengesellschaft auf dramatische Weise abnimmt? Handelt es sich dann wirklich noch, wie oft behauptet, um einem Zugewinn an individueller Freiheit? Und werden Protestaktionen von Nackten letzten Endes nicht obsolet, weil ihr Provokationscharakter damit ohnehin so gut wie entfällt?

Um diese Fragen angemessen erörtern zu können, wird die Geschichte des Nacktprotests in den Kontext der zivilisationstheoretischen Kontroverse zwischen dem Ethnologen Hans Peter Duerr und dem Soziologen Norbert Elias gestellt.
Für Elias, der den Zivilisationsprozess als einen sich über Jahrhunderte hinweg abspielenden, gleichzeitigen Wandel von Persönlichkeits- und Sozialstrukturen beschreibt, rücken bei zunehmender Affektkontrolle und Ausbildung von Selbstdisziplin die Scham- und Peinlichkeitsschwellen immer weiter vor.
Duerr hingegen meint, dass Peinlichkeit und Scham bereits zur Zeit des Mittelalters stark ausgebildet gewesen seien. Er vertritt die genau entgegengesetzte These, dass eine niedrige Schamschwelle ein besonders hohes Maß an Zivilisierung voraussetze und gelangt deshalb zu dem Schluss, dass der zunehmende Verlust an Schamgefühlen mit einer Zunahme an individuellen Freiheitsmöglichkeiten korrespondiere.
Im Spannungsfeld dieser beiden konträren Interpretationslinien wird das Für und Wider der jüngsten Nacktproteste diskutiert und deren seismographischer Stellenwert für ein Verständnis der Gegenwartsgesellschaft herausgearbeitet.

(Stand März 2014)