Projekte der assoziierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Magie des Authentischen

Das Nacherleben von Krieg und Gewalt im Reenactment

Ulrike Jureit

Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig wurden im Oktober 2013 nicht nur die zu solchen Anlässen üblichen Gedenk- und Jubiläumsfeierlichkeiten abgehalten, am historischen Ort unweit des Dorfes Warau fanden sich auch mehr als 6.000 Laiendarsteller aus 26 Nationen ein, die das historische Gefecht vor etwa 35.000 Zuschauern als mehrstündiges Reenactment nachspielten. 1813 hatten dort schätzungsweise 600.000 Soldaten aus ganz Europa die bis dahin verlustreichste Schlacht in der Geschichte mit mehr als 120.000 Toten geschlagen. Das Spektakel zweihundert Jahre später war ein voller Erfolg. Anders als in den USA oder in Großbritannien hatte es in Deutschland noch nie ein vergleichbares Historienspiel gegeben. Zudem erhielten die Organisatoren von Kennern der internationalen Reenactment-Szene Bestnoten für die exzellente Schlachtenchoreographie, für die detailgenauen Kostüme und Waffen sowie für die historische Authentizität des dargestellten Kampfgeschehens. Trotz der enormen organisatorischen Herausforderungen war die reinszenierte Völkerschlacht für viele Besucher und Aktive ein absolutes Highlight: Das Nachspielen von Krieg und Gewalt hat mittlerweile auch in Europa Hochkonjunktur.

Das, was in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Leipzig und Großgörschen, sondern auch in Waterloo, Gettysburg und Stalingrad nachgestellt wird, verweist auf soziale Phänomene, die als "Living History" international enorme Popularität erlangt haben. Hierbei steht vor allem das körperlich-sinnliche Nacherleben von Geschichte im Mittelpunkt. Ob es die berühmt-berüchtigten Mittelaltermärkte sind, auf die selbst verschlafene Provinzstädtchen nicht mehr meinen verzichten zu können, oder das allseits beliebte Wikingerlager, das mittlerweile auch als mehrwöchiger Selbsterfahrungstrip für ausgelaugte Top-Manager angeboten wird ‒ Geschichte will zunehmend erlebt, gefühlt und körperlich wahrgenommen werden. Dieser Trend mag erstaunen und viele auch irritieren – wissenschaftlich erforscht wurde er bisher wenig.

Das Forschungsprojekt versteht Reenactment als eine gegenwarts- und akteursbezogene Form der Geschichtsaneignung und untersucht das Nachstellen von Krieg und Gewalt als globales Phänomen eines öffentlichen Gebrauchs von Geschichte. Im Unterschied zu anderen Formen der Geschichtsaneignung zielt Reenactment auf die individuelle wie kollektive Vergegenwärtigung historischer Handlungsabläufe im emotionalen Erlebnis. Der Reenactor will sich durch authentifizierte Kontexte und detailgetreue Ausstattungen der historischen Erfahrung szenisch und körperlich annähern. Er folgt dabei zwar einem gewissen Drehbuch, der Ablauf ist aber keineswegs fest definiert. Dadurch ergeben sich unweigerlich Gestaltungsspielräume und Handlungsoptionen, so dass im "Eifer des Gefechtes" tatsächlich der Eindruck zu entstehen scheint, Handelnder in einem historisch-gegenwärtigen Geschehen zu sein. Die rituell geprägte Wiederholung erweist sich als eine Form der Erinnerung, die Geschichte eben nicht kognitiv zu verstehen sucht, sondern sinnlich erfahrbar machen will.

Für das Forschungsprojekt ist dabei entscheidend, dass das spielerische Nacherleben von Krieg und Gewalt die Paradoxie der simulierenden Geschichtsaneignung in signifikanter Weise offenbart, denn schließlich setzt das Kriegsspektakel voraus, den emotionalen Kern der historischen Kriegserfahrung zu verfehlen. Reenactment stellt sicherlich eine spezifische, der professionellen Historiographie eher suspekte Erinnerungsform dar, als kulturelles Phänomen verweist das ritualisierte Spiel indes gerade auf das steigende Bedürfnis einer Gesellschaft nach sinnlich erfahrbarer Vergegenwärtigung ihrer eigenen Geschichte.

(Stand Oktober 2016)