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Sexuelle Makrogewalt

Laura Wolters

Ziel des Dissertationsprojekts ist es, die besondere Eigendynamik zu entschlüsseln, der sexuelle Gewalt im Krieg folgt.

Sexuelle Gewalt richtet sich im Kriegsfall zumeist gegen Frauen und Mädchen. Sie wird als explizite Waffe gegen die Zivilbevölkerung im Kriegsgebiet wahrgenommen. Der theoretische Diskurs wertet sexuelle Gewalt als strategisch eingesetzte Kriegswaffe und betrachtet den Frauenkörper als weiteren Kriegsschauplatz (u.a. Farwell, Bergoffen). Aus dieser Sichtweise ergeben sich vorwiegend instrumentelle Erklärungsmuster zum Vorkommen von sexueller Gewalt im Krieg. Dieser Ansatz war und ist von großer Bedeutung, z.B. für das Verständnis des Genozids in Ruanda, des Bosnienkrieges und vor allem für die internationale Ahndung von Kriegsverbrechen. Dennoch droht die Fokussierung auf die instrumentelle Dimension zu einer Rationalisierung und Vernachlässigung des eigentlichen Gewaltaktes zu führen. Die Narration vom männlichen Täter und weiblichen Opfer (die in einem Großteil der Fälle zutrifft) nimmt vielen Erklärungsansätzen von Beginn an die Möglichkeit, andere Geschlechterkonstellation in der Analyse zu berücksichtigen.

Sexuelle Makrogewalt wird in dem Projekt zunächst einmal als gemeinschaftlich ausgeübte sexuelle Gewalt durch Kombattanten und Kombattantinnen verstanden. Sie ist durch das Verhältnis zwischen Opfer, Täter und einer dritten Instanz bestimmt, die als militärische Führung in unterschiedlichem Maße Einfluss auf die Ausübung der Gewalttaten nimmt. Diese Figur des Dritten ist in der Gewaltforschung als Bystander ein etablierter Untersuchungsgegenstand. Als Befehlshaber kommt ihr darüber hinaus eine weitere Bedeutung zu, die für das Verständnis sexueller Gewalt im Krieg zentral ist: Die militärische Führung befürwortet oder verbietet sexuelle Gewalt aus normativen, praktischen oder strategischen Gründen. Neuere Untersuchungen verweisen jedoch darauf, dass bei aufgeweichten Hierarchien die Aushandlungsprozesse in kleineren Einheiten und auf den unteren Befehlsebenen einen wesentlichen Einfluss auf die Ausübung sexueller Gewalt haben (Wood 2010, Cohen 2013). Als Reaktion auf den Disziplinverlust muss die Kommandoebene ihrerseits reagieren, sodass die Dynamik militärischer Gewalttaten durch die wechselseitige Interaktion von drei Akteuren geprägt ist.

Den Ausgangpunkt der Untersuchung bildet daher das Verständnis von Makrogewalt als triadische Konstellation. Mit der Theoretisierung des Dritten soll das Konzept von sexueller Makrogewalt geschärft werden, um Hinweise darauf zu erhalten, warum aus dem umfangreichen Repertoire von Gewaltformen so häufig das der sexuellen Gewalt gewählt wird. In welchem Verhältnis stehen sexuelle und andere Gewalt überhaupt zueinander? Und wer wird wie zum individuellen Täter?

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Täter, Opfer und Drittem sind nur dann zu verstehen, wenn die sozialen Ordnungen bedacht werden, die diese Beziehungen prägen. Im Anschluss an die drei Akteure wird daher nach Institutionen, Praktiken und Normen zu fragen sein, die das Leben im Kriegszustand organisieren und die das massenhafte Vorkommen von sexueller Gewalt begünstigen. Hier ist zum einen der Einfluss des militärisch-organisatorischen Rahmens auf die Gewaltpotenziale der Kombattanten zu untersuchen. Zum anderen wird nach den lokalen Institutionen und Normen gefragt, die die jeweilige Gesellschaft – und die soziale Beziehung zwischen den Akteuren – bestimmen.  Zentral sind insbesondere jene Normen, die die Sexualität und das Geschlechterverständnis betreffen und ihre Transformation im Verlauf des Konflikts bzw. mit Fortschreiten der sexuellen Gewalt. Die Wechselwirkung zwischen sozialer Ordnung und Gewalt wird im Kontext sexueller Gewalt besonders deutlich, denn insbesondere diese Form der Gewalt entsteht niemals aus dem Nichts, sie entwickelt sich innerhalb bestehender sozialer Ordnungszusammenhänge und wird diese wiederum in Zukunft beeinflussen.