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Die Gesellschaft der Bundesrepublik

Projekt

Dienstleistungsarbeit - generalisierte Nivellierung oder entgrenzte Differenzierung?

Friederike Bahl, Philipp Staab

(Stand April 2010)

Das Projekt beschäftigt sich mit den arbeitsgesellschaftlichen Konsequenzen der Tertiarisierung der Wirtschaft in der Bundesrepublik. Es hat zum Ziel, Dienstleistungsarbeit jenseits der Konstatierung reiner Pluralisierungsbefunde tiefenscharf, empirisch und theoretisch zu erschließen.

Mit dem Wandel der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft waren zu Beginn, also in den 1950er Jahren, große Hoffnungen verbunden: Weg vom Fließband - hin zum Menschen war das Motto. Damals hieß es, Dienstleistungen seien die Wegbereiter einer Humanisierung der Arbeit; statt der bisherigen routinegetragenen Tätigkeiten an der Maschine sei die Dienstleistungsarbeit interaktiv, sie funktioniere im direkten Gegenüber mit dem Kunden. `Wissen' werde darüber hinaus zum neuen axialen Prinzip der Gesellschaft, das die Produktion steuere, Abläufe perfektioniere und flexible Spezialisierung zum Substitut stupider Monotonie mache. Prognostiziert wurde eine neue Sinnhaftigkeit von Arbeit, die persönliche Autonomie und erfolgreiches Selbstunternehmertum ebenso zur logischen Folge habe, wie die sukzessive Zähmung des technischen Fortschritts. An die Stelle der kollektiven Abhängigkeiten der Industriegesellschaft trete in der Dienstleistungsgesellschaft ein Primat individualisierter Wahl. Interaktivität und fachliche Spezialisierung versprächen zudem sichere, weil rationalisierungsresistente Arbeitsplätze und damit die Rückkehr der Vollbeschäftigung. Die Dienstleistungsgesellschaft wurde zur Hoffnung auf ein neues Gleichgewicht, in Form einer stabilen "tertiären Zivilisation" (Fourastié 1954).

Spätestens seit Ende der 1990er Jahre hat sich in der Bundesrepublik der wirtschaftliche Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft vollzogen und ist ein beschäftigungspolitisch tragendes Konzept.
Die Arbeitsmarktreformen der frühen 2000er Jahre setzten klar auf Dienstleistungen als Substitut verloren gegangener Industriearbeitsplätze. Kreativität und Unternehmergeist der Einzelnen sollten etwa im Konzept der sogenannten Ich-AGs beschäftigungspolitisch wirksam werden. Noch im Bundestagswahlkampf 2009 versuchte SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier mit dem ehrgeizigen Plan zu punkten, bis 2020 zwei Millionen qualifizierte Stellen im Gesundheitswesen, der Pflege und der Kreativwirtschaft zu schaffen. Die Fokussierung auf die beschäftigungsfördernden Aspekte der Tertiarisierung kann auch unter Schwarz-Gelb als ungebrochen gelten. Nach dem politischen Machtwechsel lud das Ministerium für Bildung und Forschung im April 2010 zur achten Dienstleistungstagung ein, die unter dem Motto "Mit Dienstleistungen die Zukunft gestalten" stand.
Wenn man streng quantitativ bilanziert, so ist den politischen Ambitionen bisher zwar nicht die erhoffte Vollbeschäftigung gefolgt, der bundesrepublikanische Arbeitsmarkt ist aber immerhin von einer beachtlichen Stabilität gekennzeichnet. Heute findet sich dort eine deutliche Dominanz von Dienstleistungstätigkeiten: Gut Zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiten gegenwärtig im tertiären Sektor.

Gleichzeitig stellt Dienstleistungsarbeit das bundesrepublikanische Arbeitsmarktregime vor erhebliche Herausforderungen. Mit Konzepten wie "Selbstunternehmertum" und "Post-Korporatismus" hat die Soziologie den durch eine wuchernde Destandardisierung geprägten Wandel der Arbeitswelt zu beschreiben gesucht. Empirische Befunde gehen dabei meist in Richtung arbeitsgesellschaftlicher Variationen einer "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas).
Bereichsspezifisch werden subjektivierte Entgrenzungsphänomene ebenso konstatiert wie makrosoziologische, funktionale Kopplungseffekte zwischen Tertiarisierung und Beschäftigungsentwicklung. Mal bedeutet Dienstleistung die Befreiung aus repetitiver Routine, mal überwiegt die Betonung belastender Eigenverantwortung. Mal ist sie ökonomisches Nullsummenspiel, mal ein Multiplikator funktionaler Differenzierung. Die Ebenen der subjektiven Wahrnehmungen der Beschäftigten, der strukturellen Bedingungen ihrer Tätigkeiten und der makrosoziologischen Effekte für die Arbeitswelt stehen dabei häufig eigentümlich gesondert nebeneinander.
Dabei ist gerade die Welt der Dienstleistungsarbeit von drei spezifischen horizontalen Differenzierungskriterien geprägt, die sowohl auf makrosoziologische Strukturmomente, als auch auf veränderte Individualbiographien verweisen. Denn erstens geht mit dem Wachstum des Dienstleistungssektors die Expansion weiblicher Erwerbsbeteiligung einher. Dies hat nicht nur Folgen in Form gesellschaftlicher Debatten um die Ermöglichung eben jener weiblichen Erwerbsbeteiligung (Betreuungsfragen von Kindern etwa). Es stellt auch eine spezifische Herausforderung für Personalmanagement und -führung, sowie für Kooperationsarrangements auf horizontaler Ebene dar. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Differenzierungskriterium: Dienstleistungsarbeit bedeutet ethnische Heterogenisierung. Von IT-Dienstleistern, in deren Arbeitsumfeld Englisch zur Amtssprache wird, bis hin zu den Belegschaften `einfacher´ Dienste: Kommunikationsermöglichung wird im Zeichen steigender Diversität zu einem zentralen Feld betrieblicher Handlungszwänge. Drittens finden sich spezifische Individualisierungsmomente nicht zuletzt in der Frage der Rolle von Zertifikaten und Qualifikationen. Denn die flexiblen Arbeitsprofile von Dienstleistungen verunmöglichen häufig die Standardisierung von Wissen und Fähigkeiten. In den horizontalen Teams des Dienstleistungsgewerbes trifft dann nicht selten autodidaktisch orientierte auf zertifikationsaffine Professionalisierung. Betrieblicher Status muss daher immer neu in der Interaktion der Angestellten ausgehandelt werden.

Hier tut sich ein Panorama veränderter Betrieblichkeit auf, die es theoretisch zu erläutern gilt. Das Projekt befasst sich mit den zentralen branchenübergreifenden Bereichen konsumorientierter, distributiver, sozialer, aber auch produktionsbezogener Dienstleistungsarbeit. Untersucht wird die Entstehung und Stabilisierung von Handlungspraktiken in der konkreten Arbeit zwischen Lebensverläufen, Gruppenbezügen und Organisationskontexten. Gefragt wird nach hybriden Formen von Subjektivität, veränderten Vergemeinschaftungslogiken und betrieblichen Organisationsformen in einer pluralistischen Arbeitswelt.
Damit steht das Projekt in explizit industriesoziologischer Tradition. Allerdings bedarf das klassische industriesoziologische Forschungsprogramm - im Zuge der Tertiarisierung der Arbeitswelt - einer Reformulierung. Im Zeichen unterschiedlicher Pluralisierungsdynamiken kann es sich nicht auf den Generalisierungsvorschuss der klassischen Industriesoziologie berufen. Zugleich darf es deren theoretischen Anspruch nicht aufgeben. Es gilt die zentralen Fragen nach der Gestalt der Arbeitsformen, dem Charakter betrieblicher Organisation und den Gesellschaftsbildern der Beschäftigten neu zu stellen.
Dienstleistungsarbeit folgt einer anderen Logik als die klassische industrielle Arbeit. Eine phänomenologische Erschließung und Beschreibung von Tätigkeitsprofilen und Handlungsvollzügen ist daher angezeigt. Wie sehen Perfektionsgrade konkreter Arbeitsvollzüge unter interaktiver Perspektive aus? Ist die Dienstleistungsgesellschaft tatsächlich konfliktärmer als die Industriegesellschaft mit ihrem immer prekären Kompromiss zwischen `Kapital und Arbeit´? Oder treten im Zeichen veränderter Tätigkeitsprofile und gesellschaftlicher Pluralisierung neue Verhandlungslinien in den Vordergrund? Welche Deutungsmuster entwickeln die Beschäftigten, unter Bedingungen erheblicher beruflicher Flexibilität und hoher räumlicher Mobilität bezüglich der Gesellschaft?
Methodisch bedeutet dies einen Dreischritt:
(1) Über Experteninterviews, Sekundärdatenanalysen und Betriebsbegehungen werden strukturelle Kontextualität und Organisationsdeterminanten der Arbeit erschlossen.
(2) Qualitative Interviews mit ArbeitnehmerInnen und beobachtende Arbeitsplatzanalysen bilden im Anschluss den Kern der Untersuchung. Die leitfadengestützten Interviews erlauben eine breite und zugleich tiefenscharfe Erschließung der subjektiven Erfahrungswelten der Beschäftigten mit Blick auf Lebensläufe, Gruppenprozesse und Arbeitsprofile. Systematische Beobachtungen schaffen zugleich den Hintergrund für die Verortung und Deutung der leitfadengestützten Erhebung und münden in trennscharfe Arbeitssituationsanalysen.
(3) Gruppendiskussionen zielen in einem dritten Schritt auf die Rekonstruktion von Gruppenprozessen in der Meinungsbildung.