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Die Gesellschaft der Bundesrepublik

Über den Arbeitsbereich

(Stand September 2010)

Der Arbeitsbereich arbeitet mit seinen Projekten an einer "Sozialgeschichtsschreibung der Gegenwart", die die Grundlagen zu klären hat, auf denen die Bundesrepublik nach 1989 anderen machtpolitischen Verantwortlichkeiten und neuen zukunftspolitischen Herausforderungen gerecht werden kann. Der Grundstock des Produktionsregimes ist davon ebenso betroffen wie die Konzepte der Außenpolitik. Falscher Strukturkonservatismus führt dabei genauso in die Irre wie bewusstlose Deregulierung. Die Projekte des Arbeitsbereiches versuchen in dieser Situation Linien der Fortführung und Konstellationen des Abbruchs zu identifizieren, damit deutlicher wird, auf welche Potentiale man zurückgreifen kann und wo Revisionen von Prakti-ken, Institutionen und Denkweisen erforderlich sind.

Jenseits der Nachkriegszeit beginnen zwei Historisierungen: Die Historisierung der DDR, die als "autoritäres Regime" wie auch als "Staat der kleinen Leute" rekonstruiert wird. Die rückwärts gewandte Nostalgie ist einerseits als Versuch des Bestehens auf dem eigenen Stück Leben zu verstehen, verdeckt aber andererseits die Spuren der kollektiven Selbstunterdrückung in der DDR. Heute bietet sich Ostdeutschland als eine fragmentierte Gesellschaft mit Hoch-produktivitätsregionen, transfergestützten Entwicklungszonen und entkoppelten Gebieten dar. Im Blick auf das Auslaufen des Solidarpakts II im Jahre 2019 stellt sich die Frage: Wer geht, wer bleibt und wer kommt wieder?

Die zweite Historisierung betrifft die Bundesrepublik. In der Zeitgeschichte dominiert ein einsinniges Modell der "Erfolgsgeschichte", das die ideologisch beladenen Restaurationsthese abgelöst hat. Hieraus erwachsen spezifische "blinde Flecken" in Bezug auf widerstrebende Bewegungen und unvorhergesehene Ereigniszusammenhänge. Der Historisierung der Bundesrepublik fehlt der hermeneutische Abstand, um diesen "Pufferstaat" (Charles Mayer), der uns heute vom Nationalsozialismus trennt, in seiner ganzen Kontingenz zu durchdringen.

Die Bundeswehr, die RAF und die offene Geschichte

Zwei integrale Projekte des Arbeitsbereichs beschäftigen sich mit der Irregularität dieser Ge-sellschaftsentwicklung ohne Garantie und Gewissheit. Untersuchungen über die westdeutsche Sicherheitselite der Nachkriegszeit rekonstruieren den Prozess des generationsmäßigen Neueinsetzens im sicherheitspolitischen Diskurs der semisouveränen Bundesrepublik. Tradierun-gen mischen sich mit neuen Orientierungen, so dass weder von Restauration noch von Neubeginn die Rede sein kann. Es ist die Bearbeitung von Kontingenz bei fester machtpolitischen Integration ins westliche Bündnis, die den Gang der Dinge bestimmt. Noch deutlicher werden die Widersprüche im Fortschritt in dem Projekt über die Protestgeschichte in der Bundesrepu-blik und der DDR. Insbesondere die Periode des Terrorismus in den siebziger Jahren enthüllt die regressive Tragik im ironischen Weitermachen nach 1945. 1968 muss im Blick auf die RAF als Bewältigung der Vergangenheit durch ihre Wiederkehr verstanden.

Jenseits der Kontinuität

Die Entstehung einer irregulären Klasse von "Überflüssigen", die Folgen von demographischer Schrumpfung, die Legitimitätsdefizite des Bildungssystems und die innere Schwächung der Verbände bezeichnen den Horizont für die auf die unmittelbare Gegenwart bezogenen Projekte des Arbeitsbereichs.

Prekarität, Vulnerabilität und Exklusion

Ein neuer Forschungsschwerpunkt bildet sich im Arbeitsbereich entlang der Formel "Staatliche Wohlfahrtsarchitektur und soziale Prekarität". Die Aufmerksamkeit dieses Schwerpunkts richtet sich gleichermaßen auf die Veränderungen der institutionellen, rechtlichen und politischen Gestalt und Gestaltung des Wohlfahrtsstaates als auch auf die neuen, mit Veränderungen in der Arbeitswelt verknüpften Ungleichheitsverschärfungen. Den konzeptionellen Rahmen bieten Forschungen, Untersuchungen zur "Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft" und zur "Verwaltung des Sozialen". Der Wohlfahrtsstaat kommt hierbei als Produzent sozialer Ungleichheit, als Ort erwerbsbiographischer Karrieren und als Konfliktfeld normativer Orientierungen in den Blick.

Empirisch ausgefüllt und weitergeführt werden diese konzeptionellen Studien aktuell durch verschiedene Forschungsprojekte. Eine Studie widmet sich den Veränderungen der Arbeitsgerichtsbarkeit, die eine Scharnierinstitution zwischen Arbeitswelt und staatlicher Justierung repräsentiert.

In einem drittmittelfinanzierten Projekt kommt die wachsende Prekarität erwerbsbiographischer Verläufe in den Grenzzonen des Arbeitsmarktes in den Blick. Diese Forschung findet in Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg und dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München statt. In diesen Recherchen werden "Grenzgänger" der Arbeitswelt zum Thema. Diese "Grenzgänger" müssen sich einen Weg durch das unwegsame Gelände zwischen Befristung, Leiharbeit, Minijob und staatlicher Hilfebedürftigkeit bahnen.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Konstitution eines sich ausbreitenden "Dienstleistungsproletariats" in der Bereichen von Sichern, Service und Säubern. Nicht die Prekarität der Beschäftigungsverhältnisse, sondern die Proletarität der Lebensformen steht dabei im Zentrum. Was die Leute ihre Arbeit erfahren, welchen Formen der Herrschaft sie bei ihren Tätigkeiten unterworfen sind und welches Bild unserer Gesellschaft sie haben, steht zur Untersuchung.

In allen diesen Forschungsvorhaben rücken die handelnden Personen in den Vordergrund empirischer Wohlfahrtsstaatsforschung: als Verwalter oder Protagonisten sozialer Veränderungen, aber auch als prekäre Grenzgänger und Statuskämpfer. Die staatliche Wohlfahrtsarchitektur wird von innen her soziologisch beleuchtet. Die soziale Prekarität wird nicht als Strukturproblem behandelt, sondern als Erfahrungsprozess und Handlungsanforderung.

Mit den Projekten werden an verschiedenen Stellen exemplarische Analysen vorgenommen, die den Wandel des gesamten Designs der bundesrepublikanischen Gesellschaftsordnung deutlich machen: Eine Gesellschaft jenseits der "Mittelklassennivellierung", eine Bildung jenseits der "Bildungsreform", Kollektivorganisationen jenseits des "Makrokorporatismus" und ein Wohlfahrtsstaat jenseits des "Sozialpatriotismus".

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