Matthias Fink über »Srebrenica«

»Srebrenica war ein Hindernis, das aus der Welt geschafft werden musste, egal wie.«

Der Journalist Matthias Fink erklärt in diesem Interview, welche Faktoren zu dem Völkermord von Srebrenica führten und was ihn motivierte, jahrelang zu den Tötungen und Vertreibungen zu recherchieren und zu publizieren. 

In Ihrem Buch rahmen Sie die Darstellung des Massakers von Srebrenica mit der sehr eindringlichen Schilderung des Schicksals vom 14jährigen Mirnes Osmanović ein, der 14 Jahre vermisst blieb. Warum haben Sie diese Geschichten so miteinander verbunden?
Auf dem Friedhof für die Opfer dieses Kriegsverbrechens liegt eine gigantische Grabplatte mit 8.372 Namen. Das ist die offizielle Zahl der Opfer von Srebrenica. Frau Osmanović und ich haben all die Jahre versucht herauszufinden, was mit ihrem Sohn passiert ist. Mit der entsetzlichen Geschichte von Mirnes Osmanović bekommt die Grabplatte ein Gesicht und besteht nicht mehr allein aus in Stein gehauenen Namen, die dem Fremden nichts sagen.

Sie haben zu Bosnien-Herzegowina journalistisch gearbeitet und zunächst eine Vielzahl von Radio- und Zeitungsbeiträgen über die Ereignisse dort veröffentlicht. Was war für Sie die Motivation, über die Tötungen und Vertreibungen von Srebrenica ein Buch zu schreiben, das, zusätzlich zu den Recherchen vor Ort, fünf Jahre intensive Quellenarbeit bedeutet hat?
Für meine Radio- und Zeitungsbeiträge musste ich immer streichen, weglassen, kürzen. Ich war damit nicht zufrieden, weil man so weder den politischen Ereignissen noch den Erfahrungen der Menschen gerecht wurde. Mit dem Buchprojekt hatte ich Raum, die Geschichte in ihren ganzen Verästelungen auszuforschen und grundsätzlichen Fragen nachzugehen – nach den Tätern, nach dem Warum sowie nach Schuld und fatalen Versäumnissen.

Ihre Rekonstruktion der Vorgeschichte des Verbrechens und der Eskalation von Gewalt in Bosnien-Herzegowina zeigt, wie komplex die Lage war. Könnten Sie dennoch einige wichtige Faktoren nennen, die den Weg zu diesem Massenverbrechen bereitet haben?
Die jugoslawischen Auflösungskriege waren keine Glaubenskriege, sondern Verteilungskämpfe um Land, Städte, Industrien, Bodenschätze. Und daraus folgt alles, was in Bosnien-Herzegowina an fürchterlichen Dingen geschehen ist und mit einem Sammelbegriff benannt werden kann – die so genannten ethnischen Säuberungen: Terror, Vertreibung und am Ende der Tod, wenn die Menschen der Gewalt nicht weichen. Ein Srebrenica im Kleinen hatte es schon vor dem Juli 1995 unzählige Male gegeben. Auf Grund der hohen Opferzahlen war Srebrenica in dieser Reihe am Ende der absolute Tiefpunkt.

Neben anderen Dokumenten haben Sie Korrespondenzen, Tagebuchnotizen und Telefonmitschnitte von lokalen und internationalen Zeugen, Überlebenden und auch von Tätern ausgewertet und eigene Interviews geführt. Hat sich Ihre Perspektive auf die Ereignisse durch diese Quellen verändert?
Ich bin mir heute mehr denn je gewiss, dass den Menschen in Srebrenica nicht geholfen wurde, dass sie also geopfert wurden, um diesen elenden Krieg in Bosnien-Herzegowina endlich beenden zu können. Und durch meine Arbeit kam eine weitere Erkenntnis hinzu: Bei uns werden die bosnisch-serbischen Opfer in diesem Krieg um Srebrenica schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Allein im Jahr 1992 wurden in den bosnisch-serbischen Dörfern über 1.200 Menschen durch bosniakische Kommandotrupps aus Srebrenica getötet. Und dieser Kriegsverbrechen hat sich das Jugoslawien-Tribunal der UNO nie angenommen. Eine Schande.

Was war Ihrer Ansicht nach das schlimmste Versäumnis, die verheerendste Fehlentscheidung der Regierung Bosnien-Herzegowinas oder der internationalen Gemeinschaft bzw. der UNO im Vorfeld der Geschehnisse in Srebrenica?
Die Regierung Bosnien-Herzegowinas hat keine Gegenoffensive ihrer Armee zugelassen, als die bosnischen Serben die Sicherheitszone überfielen. Die UNO hatte sich auf eine friedenserhaltende Mission festgelegt in einem Land, in dem es gar keinen Frieden gab, den man hätte erhalten können. Auf einen Frieden erzwingenden Einsatz wollte sich aber niemand einlassen. Und so kam es, wie es kommen musste. Nach über drei Jahren Krieg, mehr als hunderttausend Toten, Millionen von Flüchtlingen und einer völlig traumatisierten, ausgezehrten Bevölkerung wollten alle Beteiligten ein rasches Ende des Krieges. Srebrenica war dabei ein Hindernis, das aus der Welt geschafft werden musste, egal wie.