Robert Kindler über »Stalins Nomaden«

»Jede von außen kommende Erörterung der Vergangenheit wird als politisch motivierter Angriff gesehen«

Robert Kindlers Buch »Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan« hat eine bemerkenswerte Debatte in russischen und kasachischen Onlinemedien entfacht.

Im Gespräch erläutert der Osteuropahistoriker, warum die Beschäftigung mit den stalinistischen Hungersnöte in Kasachstan manchen als Provokation gilt und wie sich die Probleme aber auch Chancen der ehemaligen Sowjetrepublik auf dem Hintergrund dieser erinnerungspolitischen Debatten darstellen.

Am 31. Mai gedenkt man in Kasachstan der Opfer der politischen Repression und der Massenhungersnot der 1930er Jahre. Insbesondere die Hungersnot in Kasachstan ist in Europa kaum bekannt. Warum sollten wir uns dafür interessieren?

Der Hunger in der Sowjetunion in den Jahren 1932/33 war eine große, prägende Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Deren schrecklichster Teil war wohl die Hungersnot in Kasachstan und dennoch hat sie bislang kaum Beachtung gefunden. Doch um das gesamtsowjetische Desaster angemessen zu verstehen, muss man sich nicht nur mit dem ukrainischen »Holodomor« befassen, sondern eben auch mit Kasachstan. Dabei wird deutlich, dass die These vom Hunger als Genozid kaum haltbar ist. Und man begreift, wie die Bolschewiki den Hunger zur Durchsetzung ihrer Herrschaft nutzten und die kasachischen Nomaden unterwarfen.

Um Ihr Buch »Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan« hat sich eine bemerkenswerte Debatte in russischen und kasachischen Onlinemedien entspannt. Warum?
Neben wenigen positiven Stimmen dominieren Hinweise darauf, dass man als Deutscher sich vor allem um die »eigenen« Toten – also die Opfer des Nationalsozialismus – kümmern solle. Dass Ausländer sich mit Kasachstan beschäftigen, bewerten selbst einige Historiker als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten. Besonders interessant ist aber eine andere Reaktion: Es sei kein Zufall, dass gerade in der gegenwärtigen politischen Situation in der Ukraine »im Westen« über den Hunger in Kasachstan geschrieben werde. Es handele sich offensichtlich um den Versuch, ein sensibles historisches Thema zu »politisieren«.

Was ist mit »Politisierung« gemeint?
Darüber schreibt u.a. der Autor eines Beitrags in einer russischen Onlinezeitung – Überschrift »Ukrainisches Szenario für Kasachstan? In europäischen Medien wird die kasachische ›Hungersnot‹ zunehmend zum Thema«. Seine Behauptung: Über den Hunger werde berichtet (etwa in der Zeitung »Die Welt«), um Unruhe zu stiften und die Verhältnisse wie in der Ukraine zu destabilisieren. Dort habe die von außen forcierte Thematisierung des »Holodomor« wesentlich zur politischen Zuspitzung beigetragen. Der Autor zieht eine direkte Linie zwischen den geschichtspolitischen Debatten um die »Holodomor« und den Ereignissen auf dem Kiewer Maidan. Zugespitzt lautet die These: Wenn »im Westen« von den Hungersnöten die Rede ist, sind Demonstrationen und Unruhen nicht fern. In Kasachstan, so viele Kommentare, werde man auf derartige »Provokationen« nicht hereinfallen. Das zeigt, wie tief verwurzelt antiwestliche Ressentiments in Teilen der russischen und wohl der kasachischen Öffentlichkeit sind: Jede von außen kommende Erörterung der Vergangenheit wird als politisch motivierter Angriff gesehen.

Welche anderen Reaktionen gab es von Lesern dieser kasachischen und russischen Medien?
In den Kommentarspalten verschiedener Websites wurden nicht nur teils absurde Attacken auf mein Buch und die angebliche Einflussnahme »des Westens« geritten, es waren auch nationalistische oder gar rassistische Äußerungen von Russen gegen Kasachen und umgekehrt zu lesen. Wenn allein die Erwähnung des Hungers solche Reaktionen innerhalb der multiethnischen Gesellschaft Kasachstans hervorruft, dann ist die eigentliche Frage, welche Verwerfungen im Innern noch verborgen sind. Vor allem auf kasachischen Websites gab es noch eine dritte Gruppe von Reaktionen: Viele Menschen haben aufgeschrieben, was sie über den Hunger von ihren Eltern und Großeltern erfahren hatten. Daraus haben sich unter den Nutzern teils sehr engagierte Diskussionen über ihre eigene Geschichte ergeben.

Welche Rolle spielt der Genozidbegriff in derartigen Debatten?
Ob Stalin den Hunger als Mittel zur geplanten Vernichtung ganzer Völker einsetzte ist eine Kernfrage: Je nach Antwort wird man einem Lager zugeschlagen. Es geht dabei weniger um die Geschichte, als um heutige politische Debatten. In der Ukraine ebenso wie in Kasachstan stehen auf der einen Seite jene, die aus der angeblichen Vernichtungsabsicht des Regimes so etwas wie einen Opfermythos einer unterdrückten Nation, einer Gemeinschaft der Überlebenden, ableiten. Damit ist meist eine tendenziell antirussische Haltung verbunden. Wer im Hunger keinen Genozid erkennt, nimmt eher eine prorussische Haltung ein. Schon der Begriff löst erbitterte Debatten aus. Übrigens wird an dieser Frage deutlich, dass die meisten Diskutanten mein Buch offenkundig gar nicht gelesen haben. Denn auch wenn manche Berichte etwas anderes suggerieren, habe ich Stalin keine genozidalen Absichten unterstellt.

Wie wird unter dem Präsidenten Nursultan Nasarbajew, den Menschenrechtlern als korrupten Despoten bezeichnen, offiziell mit dem Thema Hungersnot umgegangen?
Die Regierung versucht das Thema seiner Brisanz zu berauben, indem sie die Hungersnot als eine Art Heimsuchung beschreibt, die über Kasachstan hereinbrach und vor der es kein Entkommen gab. Die Verantwortung für die Katastrophe wird allein Stalin und einigen führenden Bolschewiki angelastet, ohne den Hunger als Genozid zu bezeichnen. Damit vermeidet man es, Russland verantwortlich zu machen. Nasarbajew will den mächtigen Nachbarn nicht verärgern. Doch es geht auch um die komplizierte Balance im Inneren Kasachstans. Nasarbajew garantiert den Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen und dazu gehört auch, die Hungersnot, der hauptsächlich ethnische Kasachen zum Opfer fielen, in eine »gemeinsame« Geschichte einzuordnen. Ein gutes Beispiel für diese Politik ist der Gedenktag am 31. Mai, weil in Kasachstan im Unterschied zu anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, in denen es vielfach ebenfalls Gedenktage für die Opfer der stalinistischen  Repressionen gibt, an diesem Tag auch explizit der rund 1,5 Millionen Hungertoten der Jahre 1932/33 gedacht wird. Dass unterschiedliche Repressionserfahrungen scheinbar gleichberechtigt anerkannt werden, soll der Integration in die multiethnische Gesellschaft dienen. Denn Teile der Bevölkerung sind Nachfahren jener, die im stalinistischen Terror in Kasachstan im Gulag saßen oder hierher deportiert wurden — etwa die Russlanddeutschen, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in die Steppe verbannt wurden oder die Koreaner, die 1937 aus dem Fernen Osten hierher deportiert wurden.

Die Krimkrise und die Lage in der Ostukraine lenkt die Aufmerksamkeit auf die russischen Bevölkerungsgruppen in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Wie steht es um deren Integration bzw. um mögliche Autonomiebestrebungen in Kasachstan?
Es scheint keine ernsthaften Bestrebungen der russischen Minderheit nach weitergehender Autonomie oder gar einer Vereinigung mit Russland zu geben. Gleichwohl hörte man 2014 vereinzelt Stimmen aus der Russischen Föderation, die über den Anschluss von Gebieten im Norden Kasachstans an Russland nachdachten. Angesichts der Ungewissheit, wie sich die Bevölkerung positionieren würde und ob Russland tatsächlich als »Schutzmacht« aller außerhalb der eigenen Staatsgrenzen lebenden ethnischen Russen agieren würde, reagierte die kasachische Führung mit einer gewissen Nervosität, die nun wieder abebbt. Ähnliche Ereignisse wie in der Ostukraine erscheinen momentan extrem unwahrscheinlich. Offen bleibt aber, was geschieht, wenn Nasarbajews Herrschaftssystem einmal nicht mehr bestehen sollte.