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Ausstellungen

"Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944"

28. November 2001 bis 28. März 2004

Jan Philipp Reemtsma: Zwei Ausstellungen – Eine Bilanz 1

Die durch das Hamburger Institut für Sozialforschung angestoßene Debatte über die Wehrmacht hat eine Reihe von Forschungsvorhaben anderer Institutionen in Gang gesetzt und damit neue Akzentsetzungen in der zeitgeschichtlichen Forschung bewirkt. Den fachwissenschaftlichen und den öffentlichen Diskurs so zu beeinflussen, daß ein paar neue Fragen gestellt werden und über bekannte Themen neu geredet wird – mehr kann ein wissenschaftliches Institut nicht tun.

Das Thema "Verbrechen der Wehrmacht" ist in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit etabliert. Es wird nie wieder so über die Wehrmacht im Nationalsozialismus gesprochen werden, wie vor 1995, wie vor den beiden Ausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Am 28. März 2004 wurde die zweite Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht zum letzten Mal gezeigt. Damit endete ein Projekt, welches – völlig anders geplant – die politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion über die NS-Vergangenheit Deutschlands nachhaltig mitgeprägt hat.

Die erste Ausstellung des Instituts wurde am 3. März 1995 unter dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" auf dem Kampnagelgelände in Hamburg eröffnet. Sie war Teil eines umfangreichen Projektzusammenhangs - "Angesichts unseres Jahrhunderts" - der eine weitere Ausstellung, zahlreiche Publikationen, Tagungen, Lesungen, Vorträge und Diskussionen umfasste. Das Projekt nutzte das Doppeldatum 1995 - 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 5 Jahre vor Ende des Jahrhunderts - um einen Blick auf die Destruktions- und Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu tun.

Die erste Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht sollte ursprünglich - unter dem Titel "Wehrmacht und NS-Verbrechen. Wirklichkeiten und Wirkungen einer kollektiven Gewalterfahrung" - in den Räumen des Instituts gezeigt werden; erst als sie sich im Laufe der Konzeptionsentwicklung veränderte, wurde sie als Wanderausstellung entwickelt.

Im Kontext des Gesamtprojektes sollte der Blick auf einen Krieg gerichtet werden, der ohne Präzedenz in der Moderne seit dem 30jährigen Krieg gewesen war. Er war - bereits im Planungsstadium - ein Krieg nicht gegen eine andere Armee, sondern gegen eine andere Bevölkerung, deren staatliche Organisation zerschlagen und auch nicht wieder zugelassen werden sollten, gegen eine Bevölkerung, deren einer Teil, die Juden, ermordet, deren anderer dezimiert und versklavt werden sollte.

Die Darstellung von Kriegsverbrechen war das Medium, durch das solche Kriegführung sinnfällig gemacht werden konnte. Dieser Krieg musste, um überhaupt mit solcher Zielsetzung geführt werden zu können, die Normen des allgemein anerkannten Völker- und Kriegsrechts brechen.

Aus diesem analytischen Grund war die Beschäftigung mit den Verbrechen der Wehrmacht nicht ein beliebiger Gegenstand der Darstellung, nicht ein mögliches Thema unter anderen, wenn man über den Krieg im Osten etwas sagen wollte, und das relativiert auch die Bedeutung der Debatte um Beteiligungszahlen. Die Verbrechen waren kein akzidentielles, sondern ein notwendiges Element dieses Krieges.

Nun wurde dieser Krieg von unterschiedlichen Truppen geführt. Für die Opfer des deutschen Krieges war es, Ignatz Bubis hat dies in seiner Rede (1997) in der Paulskirche noch einmal betont, nicht von Bedeutung, welche Farbe die Uniform und welche Form die Accessoires der Uniform derjenigen hatten, von denen sie erschlagen wurden. Doch da das Thema nun einmal "Verbrechen der Wehrmacht" hieß, konnte über diese Unterschiede nicht hinweggegangen werden. Man warf der Ausstellung vor, sie nicht zureichend deutlich gemacht zu haben. Die Verbrechen des deutschen Vernichtungskrieges wurden von SS, Waffen-SS, Polizeikräften, von Hilfstruppen, von Einheiten, in denen Angehöriger unterschiedlicher bewaffneter Verbände zusammengefaßt wurden, begangen – und von der Wehrmacht, und nicht nur ausnahmsweise.

Die These der beiden Ausstellungen war, daß die Wehrmacht als Organisation - und das heißt: nicht zufällig, auf Grund von Kriegsplanung und Umsetzung der Planung, auf Grund typischer Reaktionsformen auf vorgefundene Bedingungen usw. - an den Verbrechen dieses insgesamt verbrecherischen Krieges beteiligt gewesen ist.

Die erste Ausstellung versuchte dies anhand dreier Schauplätze zu zeigen: Serbien, Weißrußland, den Weg der 6. Armee nach Stalingrad. Auf einer Fläche von ca. 400qm präsentierte sie unterschiedliche Dokumente auf Schautafeln. In einer sogenannten Zentralinstallation in Form eines Eisernen Kreuzes, waren unter Überschriften wie "Judenquälen", "Galgen" etc. ansonsten unkommentierte, kleinformatige Fotos zu sehen. Nicht nur von Museumspädagogen wurde der Ausstellung anfangs ein Misserfolg vorausgesagt, weil sie zu textlastig sei, die Fotos zu klein und zu wenig spektakulär seien. Am Ende war dann die Rede von der "Wucht der Bilder" und einer "reinen Fotoausstellung".

Die Ausstellung wurde bei ihrer ersten Präsentation in Hamburg bereits bei der vorbereitenden Pressekonferenz positiv aufgenommen – es gab zunächst nur einen kritischen Einwand einer Journalistin, dass der Terminus "Vernichtungskrieg" verharmlosend sei, weil doch jeder Krieg ein Vernichtungskrieg sei.

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Trotz der zunächst positiven Aufnahme gab es bald erste, und zwar grundsätzliche Kritik – von Rüdiger Proske in der "Welt" und wenig später, zusammen mit Erich Mende, in der Sendung "Talk im Turm", der die Ausstellung, das Institut und vor allem Hannes Heer als Leiter der Ausstellung angriff. Kontroversen um die Ausstellung waren zunächst lokaler Art. In Stuttgart (10.9. bis 12.10.1995) etwa kam es zu einer Auseinandersetzung um den vorgesehenen Standort, den Landtag. Da sich die Fraktionen nicht einigen konnten, wurde die Ausstellung in das DGB-Haus verlagert. Dort waren auch erstmalig erregte Debatten unter den Ausstellungsbesuchern zu beobachten, über die dann die Presse berichtete: Zwischen zwei Veteranen, von denen der eine die Ausstellung zu einer Verfälschung der Vergangenheit, der andere zu einer überfälligen Präsentation der verschwiegenen Wahrheit erklärte, kam es zu einem Streit, der in Tätlichkeiten sich auszuweiten drohte. Dergleichen gehörte dann zum Alltag der Ausstellung, wo immer sie gezeigt wurde.

In Wien (19.10. bis 22.11.1995) kam es zu den ersten Diskussionen, die über den Ort der Ausstellung hinausgingen. Die Tatsache, daß es in Österreich, anders als in Deutschland, eine aktive Veteranenbewegung gab und gibt, machte die Ausstellung zu einer Provokation, die sie zuvor in Deutschland nicht gewesen war, aber bald wurde. Ebenfalls überlokale Bedeutung erhielt der Streit - im Winter 1996, also weit vor Ausstellungsbeginn (29. Mai 1997) - zwischen der SPD- und der CDU-Fraktion in Bremen, und wurde mit bewährtem koalitionärem Geschick beigelegt; er zündete anderswo, in München (25.2. bis 6.4.1997). Die dortige Opposition der CSU führte, nicht intentional aber faktisch, zu einer der größten Aufmärsche der außerparlamentarischen Rechten in der Geschichte der Bundesrepublik sowie als Reaktion zu einem massenhaften Besuch der Ausstellung, der den Charakter einer Gegendemonstration annahm.

Die ersten 15 Ausstellungsorte hatten zwischen 2.500 (Potsdam) und 14.000 (Linz) Besucher gehabt. In München waren es über 88.000 und in Frankfurt im Anschluss dann 95.000.

Die Präsentation in Frankfurt (1997), der zeitlich zwei Bundestagsdebatten (März und April 1997) vorausgegangen waren, schien so etwas wie der Durchbruch der Ausstellung in einen Bereich befriedeter Kontroversen zu sein, und es stellte sich die Frage, wie lange die Ausstellung, die ursprünglich nur etwa auf ein Jahr terminiert gewesen war, noch gezeigt werden solle.

Weil es weiterhin viele interessierter Städte gab, und es schwierig schien, die Ausstellung bei so großem anhaltendem Interesse zu schließen, sollte sie nach einer nochmaligen Präsentation in Hamburg einem zu diesem Zwecke gegründeten Trägerverein übergeben werden. Dies geschah 1999.

Ab diesem Zeitpunkt war die Ausstellung nicht mehr Teil des Instituts, Hannes Heer, weiterhin Institutsmitarbeiter aber nicht mehr Leiter der Ausstellung - es war sein dringender Wunsch, und dies wurde auch vertraglich so festgelegt2.

Genau zu diesem Zeitpunkt aber begann eine neue Phase der Auseinandersetzung um die Ausstellung, die dann zu der Entscheidung des Vorstands der Instituts führte, die Ausstellung vom Trägerverein zurückzurufen, die Materialien der Ausstellung und deren Präsentation von einer unabhängigen Historikerkommission3 untersuchen zu lassen und zugleich die Konzeption einer neuen Ausstellung zum selben Thema in Angriff zu nehmen.

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Ein paar Worte zur besonderen Bedeutung der Ausstellung für die bundesrepublikanische Öffentlichkeit: Die Auseinandersetzung um die nationalsozialistische Vorgeschichte der beiden Nachkriegsdeutschlands verlief in beiden Ländern unterschiedlich: In der DDR im Rahmen staatlich verordneter Vergangenheitspolitik, in der Bundesrepublik ungesteuert und anlassbezogen.

Daß in der Bundesrepublik ein Medienereignis Anlaß für unvorhergesehene Debatten wurde, war nicht neu. Es gab z.B. die amerikanische TV-Serie "Holocaust", die man zuerst nur in einem der Dritten Programme hatte zeigen wollen, weil man meinte, niemand interessiere sich für dieses Thema.

Die Ausstellung fiel in das Jahr 1995 und das war ein Jahr diverser Gedenktage. Manche hofften auf 1995 als nunmehr endgültiges Schlußstrichjahr, manche fürchteten es könne es werden. Tatsächlich passierte das, was immer passiert war, wenn ein neues Schlußstrichdatum ausgerufen wurde: es lag alles wieder auf dem Tisch, schrecklich neu. Es gab nicht nur die sogenannte "Wehrmachtsausstellung", sondern die Klemperer-Tagebücher, an deren Erfolg der eigene Verlag nicht geglaubt hatte, und die Goldhagen-Debatte.

Die Aufregung um die Ausstellung "Vernichtungskrieg" hatte dabei ihre eigene Bedeutung. Der Blick auf die NS-Vergangenheit hatte verschiedene Segmente der Gesellschaft in den Blick genommen: die Industrie und die Banken (Zwangsarbeit), die Ärzte und die Juristen – aber die, über die dabei gesprochen wurde, waren im Zweifelsfall immer die Anderen. Die Verbrechen der Wehrmacht waren die Verbrechen des potentiellen Jedermann, die Wehrmacht bildete die größte Berührungsfläche zwischen Volksgemeinschaft und Regime, und wenn man von Verbrechen der Wehrmacht sprach, sprach man eben möglicherweise über die Nähe der eigenen Familie zu Massen- und Völkermord.

Der Zivilisationsbruch war kein Abstraktum hinter Stacheldraht, weit draußen dort, wo keiner hinsehen konnte, sondern fand eben auch statt in Gräben, auf Feldern, in Waldstücken – und vielleicht war der eigene Vater, Onkel, Großvater dabei. Viele sind in die Ausstellung gegangen, um ihre Väter zu suchen – verrückt bei 1.400 Fotos und Millionen von Soldaten – aber einige haben ihre Väter gefunden, dahingestellt ob wirklich, ob in der Phantasie.

Die in der Fachhistoriographie weitgehend unumstrittene These der Ausstellung war in der Öffentlichkeit – so stellte sich heraus - kein Gemeingut, sondern durchaus neu. Wo die Ausstellung kontrovers diskutiert wurde, wurde sie es mit besonderer Heftigkeit, und zwar quer durch die politischen Lager sowie durch die Generationen hindurch. Links-gegen-rechts war weder das beherrschende Schema der Kontroverse, noch Jung-gegen-alt.

An dieser Stelle sei auf ein grundsätzliches Problem hingewiesen, das seinen Ursprung nicht zuletzt in der sofortigen Dekontextualisierung der Ausstellung aus dem ursprünglichen Projektzusammenhang hatte. Dieser war ja kein originär historiographischer gewesen, sondern in seiner Öffentlichkeitsorientierung ein vergangenheitspolitischer, wenn auch nicht in der üblichen Bedeutung dieses Wortes.

Wenn man "Vergangenheitspolitik" den Gebrauch nennt, den man von (vornehmlich) zeitgeschichtlicher Forschung macht, um so oder so beschaffene politische Orientierungen in der Gegenwart zu befördern (oder gegen sie zu opponieren), so war der Projektzusammenhang "Angesichts unseres Jahrhunderts" kein vergangenheitspolitischer.

Wenn man den Begriff aber weiter faßt, und auch das bloße Hinweisen auf unzureichend reflektierte Probleme – unzureichend reflektiert sowohl in den Sozialwissenschaften wie in der Öffentlichkeit – so war er das natürlich.

Es ging, noch einmal, um die Gewaltgeschichte des zu Ende gehenden Jahrhunderts, und um die unzureichende Aufmerksamkeit, die der Gewalt als gesellschaftsformierender Kraft in den Sozialwissenschaften bisher geschenkt worden ist. Die Ausstellung "Vernichtungskrieg" stand also in einem Zusammenhang, in dem Fragen gestellt wurden, und sie wurde außerhalb dieses Zusammenhangs als selbständige vergangenheitspolitische Intervention wahrgenommen, die weniger Fragen stellte als Antworten gab4.

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Die konkrete Dynamik der Gewalt des Vernichtungskrieges durch die Wehrmacht wurde in der Ausstellung nicht deutlich und konnte nach Anlage der Ausstellung nicht deutlich werden. Aber genau diese Frage stand hinter der Emotion, die durch die tatsächliche oder mögliche familiäre Betroffenheit der Besucher ausgelöst worden war: die Frage nach dem Detail, um für die eben zu großen Teilen sehr persönlichen Fragen eine Dimension der Konkretisierung zu finden, begann immer mehr in den Vordergrund zu rücken.

Umso brisanter wurde die Kritik am Detail, umso weniger überzeugend jeder Hinweis auf die Gültigkeit der These der Ausstellung, wenn sie denn als Antwort auf eine Detailkritik formuliert wurde. Dazu kam allerdings, daß man die Ausstellung diesbezüglich auch mißverstehen konnte. Es fehlte den für die Ausstellung Verantwortlichen5. lange Zeit der Blick für die nötigen Revisionen des Ausstellungskonzeptes.

Die Ausstellung wies eine Reihe von Stilmitteln auf, die sich in diesem besonderen Fall als nachteilig herausstellten – als weitaus nachteiliger als die Fehler, die auch gemacht worden waren.
Zum einen arbeitete sie auf Seiten der Texte mit den journalistischen Mitteln der Schlagzeile (anstatt der orientierenden Überschrift) und der thesenhaften Verknappung in Aussageform, wo eine vorsichtigere Formulierung dem Ausstellungsanliegen keinen Abbruch getan hätte. Aussagen, die sich nicht auf die Tatsache der aktiven Rolle der Wehrmacht bei den Verbrechen des Vernichtungskrieges, sondern auf spezielle Gewaltdynamiken bezogen, nicht also auf das Was, sondern auf das Wie, waren nicht per se falsch – manches ist in der Forschung nach wie vor umstritten und wird es vielleicht bleiben – aber sie waren durch das präsentierte Material und die Art seiner Präsentation nicht zureichend gedeckt.

Zum anderen verwendete die Ausstellung Fotografien so, als wäre das Foto selbst schon eine hinreichende Anweisung, wie es verstanden werden sollte. Die meisten der Fotografien zeigten Szenen, die in einem mal sehr engen, mal aber sehr weiten Bezug zu dem im Text geschilderten Geschehen standen, bis hin zu reinen Illustrationen, die zeigten, wie es ungefähr ausgesehen haben könnte. Das klingt retrospektiv besonders fahrlässig und es hat sich als verhängnisvoll herausgestellt. Es gab eine Fülle von Fotografien, die von der Quellenlage her nur äußerst provisorisch zugeordnet werden konnten, und die gleichwohl einen Eindruck von dem gaben, was ein Landser in der Sowjetunion sehen konnte.

Der Fehler der Verwendung dieser Fotos bestand darin, sie nicht sehr deutlich als das auszuweisen, was sie waren. So entstand das Mißverständnis, jedes Fotos, das einen brennenden Hof zeigte, zeige auch ein Kriegsverbrechen, von dem man Unzweideutiges wisse, und das war eben nicht der Fall. Die Ausstellung behauptete das gar nicht, aber sie legte es dem Besucher nahe, es so zu verstehen, und so konnte es zu der Behauptung kommen, 80-90% der Fotos zeigten gar keine Kriegsverbrechen, und also sei die These der Ausstellung hinfällig.

Das führte in sehr merkwürdige Auseinandersetzungen. Wenn von einem identifizierbaren Ort eines Kriegsverbrechens, an dem die Wehrmacht unzweifelhaft beteiligt gewesen war, kein Foto existierte, das einen Wehrmachtssoldaten bei der Tat zeigte - und wirklich gibt es nur sehr wenige Fotos dieser Art -, in der Ausstellung aber ein SS-Mann oder ein Angehöriger einer Hilfstruppe gezeigt wurde, um eben dem Betrachter einen optischen Eindruck des Ortes zu geben, dann war das für manche Kritiker Grund genug, das in Frage stehende Verbrechen als Wehrmachtsverbrechen zu bezweifeln.

Angesichts solcher Anwürfe und Vorhaltungen, die im Grunde zu den harmloseren gehörten – anderswo wurde behauptet, die meisten der Fotos seien vom Institut gefälscht oder doch wenigstens in der Sowjetunion zu Propagandazwecken gefälschte Fotos, auf die das Institut hereingefallen sei -, ist es vielleicht nicht unplausibel, wenn die für die Ausstellung Verantwortlichen auf Kritik zunehmend gereizt reagierten und eben den Blick dafür verloren, wo die Mittel der Ausstellung selber auch der unberechtigten Kritik an ihr einen gewissen Boden bereitet hatten.

Schließlich gab es noch unkommentierte Bildstrecken, aus denen viele Besucher Geschichten herauslasen und Kritiker auf den Plan riefen, die den Ausstellungsmachern vorwarfen, sie wollten allerlei, was sie mit Dokumenten nicht beweisen konnten, durch Bildanordnungen suggerieren. Der Hinweis, daß im Katalog dieselben Bilder oft anders angeordnet worden waren, nützte da natürlich nichts.

Die Ausstellung "Vernichtungskrieg" erlebte während der viereinhalb Jahren in der sie in 33 Städten gezeigt wurde, wechselnde Konjunkturen der Anerkennung (bis hin zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille an Hannes Heer) und der Kritik.

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In die entscheidende Krise geriet die Ausstellung, als die Kritik an ihr jenseits der in erster Linie politisch geprägten Anwürfe tatsächliche oder vermeintliche Fehler thematisierte, die das wissenschaftliche Handwerk des Ausstellungsteams in Frage stellten.

Am bedeutsamsten war dabei die Kritik des Historikers Bogdan Musial, die sich auf die Verwendung von etwa 20 Fotos bezog. Musial übte diese Kritik vor dem Hintergrund eigener Forschungen über Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes (NKWD). Es ging um Vorgänge zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in den nach dem Überfall auf Polen von der Sowjetunion annektierten polnischen Gebieten6.

Es schlossen sich weitere Kritiken an, die weit über die Einwände Musials hinausgingen, und, wie erwähnt, behaupteten, 80-90% der Fotos gehörten eigentlich nicht in die Ausstellung.

Die Kritik an der Ausstellung gewann Brisanz durch den Umgang der für die Ausstellung Verantwortlichen mit ihr, denn sie ergriffen nicht die Gelegenheit zu einer generellen Überprüfung. Hatte sich doch die zum Teil vehemente Kritik der vergangenen Jahre selten als stichhaltig herausgestellt. Das Ausstellungsteam sah sich zur detaillierten Antwort auf Detailkritik genötigt, und in einigen Fällen wurde die Berechtigung der Kritik zugestanden. Es entstand aber der Eindruck, als würde um jedes einzelne Foto gekämpft, und mit negativem Ausgang. Als würde eine Position nach der anderen geräumt, und man konnte sich fragen, wann denn die Ausstellung insgesamt desavouiert sein würde.

Wirklich fatal wirkte sich aber ein Fehler aus, von dem es in einen 2004 publizierten Buch von Hannes Heer in einer Fußnote heißt, es habe sich dabei um eine "Torheit" gehandelt. Das Institut kam in den Ruf, seine Kritiker mit juristischen Mitteln mundtot machen zu wollen. Das war schon allein darum Unsinn, weil man nach deutschem Recht, Kritikern ihre Kritik nicht mit juristischen Mitteln untersagen kann. Was man kann, ist gegen falsche Tatsachenbehauptungen angehen. Man kann keinem Kritiker verbieten, zu sagen, man habe einen Fehler gemacht.

Zwei Prozesse machten Schlagzeilen. Es ging zum einen um eine Aussage von Bogdan Musial, er habe dem Institut seine Kritik zugänglich gemacht, doch das Ausstellungsteam habe ihn abgewimmelt. Als er nun in der Öffentlichkeit behauptete, das Institut habe auf seine Kritik nicht geantwortet, war dies wörtlich falsch – er hatte eine nichtssagende Antwort erhalten - und in der Sache richtig.

Die zweite Klage, zu der es nach massiven Interventionen von Heer kam, ging gegen einen vom MGFA herausgegebenen Sammelband, in dessen Vorwort eine vermeintlich falsche Behauptung stand, von der sich aber dann herausstellte, dass sie keineswegs, wie Heer meinte, ihn verleumde, sondern durch eine von ihm selbst verfasste Broschüre aus der Anfangszeit der Ausstellung belegt werden konnte, deren Existenz er vergessen hatte. Das war dann auch noch auf einer sehr simplen Ebene peinlich7.

Wie aber kam es zu der Bereitwilligkeit überhaupt zu juristischen Mitteln zu greifen? Gegen manche Vorwürfe muß man sich, und eben auch juristisch, wehren, denn sonst stehen die Behauptungen irgendwann als unwidersprochen im Raum. Das betrifft Behauptungen, die darauf hinauslaufen, man habe etwa Bilder gefälscht. Alles andere sollte man aber der Feder überlassen.

In dem entstehenden Pressewirbel wurde alles, was jemals gegen die Ausstellung gesagt worden war, wiederholt, und gewann angesichts berechtigter Kritik und verfehlter Reaktion auf sie eine Plausibilität, die es ohne das nicht gehabt hatte. Nach zwei Wochen, in denen buchstäblich keine der überregionalen Tageszeitungen ohne Artikel über die Ausstellung erschien und eine Rückkehr zu differenzierten Argumentationsformen unmöglich war, wurde die Ausstellung vom Trägerverein zurückgerufen und anerkannte Historiker gebeten, in einer Kommission sämtliche (nicht nur die kritisierten) Materialien und Behauptungen der Ausstellung zu überprüfen.

Die Ausstellung wurde unter ein Moratorium gestellt. Die Gründe für diese Entscheidungen waren:
- Zu diesem Zeitpunkt war eine rationale Diskussion nicht mehr möglich, es musste eine Atempause eingelegt werden, auch wenn die Gefahr bestand, dass die Gegner der Ausstellung sich weit mehr bestätigt würden fühlen, als sie dies tatsächlich konnten.
- Es bestand die Gefahr, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die These der Ausstellung beschädigt worden war, dass nicht mehr nur die Ausstellung als "umstritten" galt, sondern die These von den Verbrechen der Wehrmacht.
- Viele Besucher waren emotional von der Ausstellung bewegt worden und es stand in der Verantwortung des Instituts, sie nicht mit dem Gefühl allein zu lassen, sie seien möglicherweise durch Schlampereien (gar durch Fälschungen) zu ihr verführt worden
- Und schließlich standen der Ruf des Instituts und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insgesamt auf dem Spiel.

Die Kommission präsentierte ein Jahr später ihre Ergebnisse.8
In der Zwischenzeit war, unter der Leitung der Historikerin Ulrike Jureit, ein Team zur Erarbeitung einer neuen Ausstellung, zusammengestellt worden. Die Gründe für eine neue Ausstellung resultierten nicht nur aus der Kritik an der ersten Ausstellung, sondern ergaben sich aus den jahrelangen Erfahrungen mit ihr. Sie sollte keine unkommentierten Bildstrecken und keine Fotos enthalten, deren Provenienz nicht geklärt nicht durch die übrigen Materialien zureichend kontextualisiert werden können.

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Die zweite Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944“ wurde am 27. November 2001 in Berlin in den Kunst Werken eröffnet. Sie gibt dem Besucher u.a. Erklärungen in Foto-Überlieferungsgeschichte, und in den Möglichkeiten und Grenzen mit Fotos Ereignisse zu dokumentieren und über die Notwendigkeit Foto-Kontexte zu recherchieren.

Eines der Ergebnisse war, daß zwar Kritik an den erwähnten Fotos, - die Pogrome in Tarnopol zeigen - richtig gewesen war, sie zeigten auch die vom NKWD Ermordeten, dass aber die Unterschrift unter die Fotos "Beim Pogrom in Tarnopol" richtig gewesen war: anhand weiterer Funde und Recherchen konnte gezeigt werden, dass die Fotos sowohl jüdische Pogromopfer als auch Opfer des NKWD abbilden. Es handelt sich um eine Foto-Serie, mit der tatsächlich das Pogrom und sein Verlauf dokumentiert werden können.

Besonders zwei Neuerungen sind Ergebnis der Diskussion um die erste Ausstellung:
Krieg und Recht. Viele Besucher der ersten Ausstellung waren der Meinung, daß Kriegs- und Völkerrecht irgendwie eine Errungenschaft der nach 1956er Zeit gewesen sei, man also "damals" in einer Zeit des im Grunde alles Erlaubten sich befunden habe.

In der zweiten Ausstellung wird klargelegt, dass es 1941 ein ausgearbeitetes und verbindliches, selbstverständlich auch von Deutschland anerkanntes Kriegs- und Völkerrecht gab, dessen Normen außer Kraft gesetzt wurden, um den Krieg so zu führen wie die politische und militärische Führung es wollten.

An den Planungen und Erlassen läßt sich zeigen, daß die Verbrechen dieses Vernichtungskrieges keine Resultate einer anfangs nicht in ihren Konsequenzen übersehenen Kriegführung gewesen sind, sondern integral zur Konzeption dieses Krieges gehörten. Natürlich gab es eine durch das Kriegsrecht gedeckte Barbarei (Geiselnahme, Repressalien gegen die Zivilbevölkerung), aber was gezeigt wird, ist, daß eben nicht bloß über diese erlaubte Barbarei hinausgegangen wurde, sondern daß die Zerstörung von Normen und Normbewußtsein schlechthin Element der Kriegsplanung war.

Handlungsspielräume. Die Ausstellung zeigt das weite Verhaltensspektrum, dass es im Umgang mit verbrecherischen Befehlen gab. Es geht um Verhaltensvarianten und individuelle Entscheidungsmöglichkeiten, die die Soldaten und Offiziere hatten. Der Krieg ist keine Maschine, der Mensch ist auch im Krieg kein Rädchen. Befehl ist nicht immer Befehl. Ein Befehl ist eine Ermächtigung zum Handeln, in der Regel ist damit keine bis ins Letzte ausgearbeitete Anweisung verbunden, der Befehlsempfänger hat somit die Aufgabe den Befehl mit der Handlungssituation in Einklang zu bringen. Menschen treffen immer Entscheidungen, wer gehorsam ist, zieht es vor, gehorsam zu sein statt ungehorsam.

Die wird im Raum "Handlungsspielräume" an Biographien von Soldaten und Offizieren gezeigt, die sich in sehr unterschiedlicher Weise in manchmal sehr ähnlichen Situationen verhalten haben. Vom Widerstand über die Verweigerung verbrecherischer Befehl bis hin zu einem freiwilligen, nicht befohlenen Übermaß an Mordlust

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Die zweite Ausstellung unterschied sich in Aufbau und Argumentationsweise grundsätzlich von der ersten. Sie wählte einen anderen Zugriff auf die Quellen und eine andere inhaltliche Argumentation. Sie dokumentierte die strukturellen Bedingungen des Krieges gegen die Sowjetunion in sechs unterschiedlichen Dimensionen:

Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportation und Zwangsarbeit, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen. Die zweite Ausstellung wurde etwa doppelt so groß wie die erste.

Sie zeigt auch, wie groß das Spektrum der Verbrechen der Wehrmacht gewesen ist. Sie bringt vieles zur Sprache, was in der ersten nicht oder nur kursorisch angesprochen wurde. Sie nimmt sich Zeit und Raum, ins Detail zu gehen.

Der ehemalige Leiter der ersten Ausstellung, Hannes Heer mit dem es - nach zunehmenden Differenzen vor allem in Bezug auf die Konzeption der zweiten - zu einer einvernehmlichen Trennung kam, ist, wie nicht anders zu erwarten, einer der vehementesten Kritiker der zweiten Ausstellung geworden.

Sie sei ein Rückfall hinter alles, was die erste in der Öffentlichkeit erreicht habe. Leider verklärt er die erste Ausstellung zu etwas, das sie so nicht gewesen ist, denn er rechnet ihr als Intention zu, was allenfalls Ergebnis gewesen ist, was dazu führt, dass er nachträglich vielen Kritikern recht gibt, die dem Gesamtunternehmen die Seriosität absprachen. Das ist das eigentlich Ärgerliche an seiner Kritik.

Heer meint, aus der zweiten Ausstellung seien die Täter verschwunden. Gemeint ist, dass zugunsten von Strukturen, Hierarchien etc. der Einzelne als Täter unsichtbar geworden sei.

Just das Gegenteil ist der Fall. Die Fotos der ersten Ausstellung leisteten viel. Sie zeigten viel von der Realität des Vernichtungskriegs, gab zu denken und zu fragen: nach den Tätern und den Tatzeugen, nach denjenigen, die, was sie sahen, im Bild festhielten.

Beantworten konnte die erste Ausstellung diese Fragen nicht. Das ist kein Einwand gegen sie. Nur sollte man nicht so tun, als hätte sie über solche Antworten verfügt. Mit diesem Anspruch wäre vielmehr eine sehr weitreichende Kritik an Austellungskonzept und Umsetzung artikuliert. Und eben darauf läuft Heers Rechtfertigung hinaus.

Erst in der zweiten Ausstellung erfährt der Besucher etwas mehr über Fotos als Quelle und über Fotografen, und erst dort, wird ein Problembewusstsein geschaffen, dessen Fehlen eines der Probleme der ersten Ausstellung war.

Es lag zunächst auf der Seite der Besucher: die Umstandslosigkeit, in der Fotos nicht als Wirklichkeitsausschnitte, die interpretationsbedürftig sind, sondern als Porträts komplexer Wirklichkeiten genommen wurden, hatte man bei der Erarbeitung der ersten Ausstellung nicht zureichend antizipiert.

Die zweite Ausstellung arbeitete hier sozusagen nach. War der Umgang mit den Fotos in einer – für einen ganz anderen Kontext geplanten Ausstellung – vielleicht zu naiv gewesen, so wird er, wenn nachträglich pathetisch gerechtfertigt, zu jenem Instrument der Publikumsverführung, das viele Kritiker schon immer in ihm gesehen hatten. Es gilt die erste Ausstellung gegen ihren ehemaligen Leiter in Schutz nehmen.

Dass die zweite Ausstellung ebenfalls Kritik erfahren würde, war klar. Die einen würden aufschreien: dasselbe noch einmal!, die anderen: Totalrevision! Diese beiden Reaktionen waren sicher.

Ziel war es, dafür zu sorgen, daß sie auf relativ kleine Gruppen von solchen, die ganz unabhängig von dem, was der Fall ist, wissen, was sie von der Welt zu halten haben, beschränkt bleiben würde.

Es ist erneut gelungen das Interesse einer großen Öffentlichkeit für eine Ausstellung zu wecken, die sich mit demselben Thema befasst, mit derselben These, aber mit ganz anderer Argumentation arbeitet. Der zweiten Ausstellung wurde ein Misserfolg prophezeit: zu viel Text, zu anstrengend, ein begehbares Buch.

Die Einwände waren zweifellos triftig: vielleicht kann man sie tatsächlich ein begehbares Buch nennen. Nur: ist denn das tatsächlich ein Einwand? Die Frage ist doch nur, ob das Buch denn auch begangen und gelesen wird. Die zweite Ausstellung hat durchschnittlich dieselbe Besucherzahl gehabt wie die erste. Es ist das Interesse an der Sache, das Bedürfnis nach detaillierter Information, was das Interesse an der Ausstellung angetrieben und auch ohne Skandale oder Pseudoskandale wachgehalten hat.

Daß die erste Ausstellung dem Thema die Bahn gebrochen hat, steht außer Zweifel. Daß es provokanter Mittel bedurfte, um das zu tun auch. Daß es auch ein wenig anders gegangen wäre, weiß man hinterher. Ebenso steht fest, daß ohne die zweite Ausstellung, das Thema mit der ersten untergegangen wäre. Erst die zweite hat der ersten Ausstellung ihr argumentatives Fundament nachgeliefert, und sie hat darüber hinaus einer am Detail interessierten Öffentlichkeit, die durch die erste Ausstellung allein mit dem Was konfrontiert worden war, etwas über das Wie erzählt.

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Fußnoten

1 Dies ist die redaktionell gekürzte und veränderte Fassung eines Vortrages, den Jan Philipp Reemtsma im Begleitprogramm zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" am 25.3.2004 in der Evangelischen Akademie in Hamburg gehalten hat. Der vollständige Text ist abgedruckt in: Mittelweg 36, Heft 3/2004


2 Um der hartnäckigen Legende, Hannes Heer sei als Leiter der Ausstellung „gefeuert“, „geschasst“ oder wie die Formulierungen lauten, einmal entgegenzutreten und weil Heer diese Version inzwischen selber glaubt, sei hier festgehalten: Die Ausstellung war nicht mehr im Besitz des Instituts, Heer auf eigenen Wunsch nicht mehr Leiter der Ausstellung, und wenn er es für den Verein gewesen wäre, hätte das Institut ihn nicht entlassen. können. Als sie dann geschlossen wurde, gab es keine Ausstellung und also auch keinen Leiter der nicht mehr vorhandenen Ausstellung.


3 Mitglieder der Kommission waren: Prof. Dr. Omer Bartov; Dr. Cornelia Brink; Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld; Prof. Dr. Friedrich Kahlenberg; Prof. Dr. Manfred Messerschmidt; Prof. Dr. Reinhard Rürup; Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer.


4 Nicht von ungefähr hieß sie landauf, landab nicht „Vernichtungskrieg“ sondern „Wehrmachtsausstellung“ und nichts konnte das mehr aus der Welt schaffen. Die Antworten, die eine in dieser Weise gestimmte Öffentlichkeit von der Ausstellung erwartete, konnte sie nicht geben. Sie gab keine Auskunft, wie denn im Einzelnen sich die Intention des Vernichtungskriegs in konkrete Handlungen umsetzte, welche Unterschiede es dabei gab, welche Rolle konkrete Handlungsumstände, Situationen vor Ort, Zeitpunkt des Krieges und Art der militärischen Auseinandersetzung dabei spielte.


5 Wenn hier von Verantwortlichen für die Ausstellung die Rede ist, so ist damit in erster Linie derjenige gemeint, der die Entscheidungen zu treffen hat, der Vorstand, auch wenn er den Empfehlungen und Ansichten seiner Mitarbeiter folgt, die als diejenigen, die die Ausstellung konzipiert haben, und als Fachleute für die Solidität der Quellen und ihrer Präsentation stehen, ebenfalls für sie verantwortlich sind.


6 Dort waren Gefängnisinsassen, um einen Befreiung durch die vorrückende deutsche Armee zu verhindern, vom NKWD ermordet worden. Die Leichen waren teils von der einheimische Bevölkerung, nach Abzug der Roten Armee, teil von den einrückenden deutschen Truppen entdeckt und/oder exhumiert worden. Es schlossen sich Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, die für die Verbrechen des NKWD kollektiv verantwortlich gemacht wurde, an – spontane Pogrome, solche, die von der Wehrmacht geduldet und zuweilen nach einiger Zeit gestoppt wurde, aber auch solche, an denen sich deutsche Soldaten beteiligten, und solche, zu denen deutscherseits wenigstens ermuntert wurde. Die Ausstellung hatte, im Falle der Stadt Tarnopol, diesen Zusammenhang durchaus genannt, aber nicht im Einzelnen analysiert. Da nun Fotos, auf denen Tote zu sehen waren, pauschal die Unterschrift „Beim Pogrom in Tarnopol“ zeigten, gleichwohl aber auch vom NKWD ermordete Menschen zeigten, kam das Institut in den Ruf, Verbrechen des NKWD der Wehrmacht in die Schuhe schieben zu wollen.


7 Es sei nochmals darauf verwiesen, dass auch in diesen beiden Fällen die Verantwortung beim Vorstand liegt. Seine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass er in solchen Angelegenheiten zureichend und richtig informiert ist.


8 Sie entlastete die Ausstellung von dem Vorwurf der Fälschungen, kam aber zu dem Ergebnis, daß die Kritik an der ersten Ausstellung teilweise berechtigt gewesen sei, sie habe sachliche Fehler und Ungenauigkeiten bei der Verwendung des Materials enthalten, sowie allzu pauschale und suggestive Aussagen gemacht.

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