Tagung

11. bis 12. April 2013

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Exklusion in Chile.

Eine Kooperation des Hamburger Institut für Sozialforschung mit dem Instituto de Sociología de la Pontificia Universidad Católica de Chile (Tagungsort: Santiago de Chile)

Aufruf zu einer öffentlichen Debatte

von Heinz Bude (HIS), Janosch Schobin (HIS) und Julian Wenz

Einleitung

Was hält Gesellschaften zusammen und was spaltet sie? Dieser Frage nachzugehen hat am Hamburger Institut für Sozialforschung  Tradition.
Viele relevante Phänomene des sozialen Zusammenhalts lassen sich heute aber immer weniger aus einer auf den Nationalstaat begrenzten Sicht begreifen. Wie es um die Gesellschaften der "Emerging Economies" steht, ist zudem längst nicht mehr nur eine Frage geopolitischer oder ökonomischer Strategen: Etwa  ist es auch zu einer Frage der Generationengerechtigkeit geworden.

Wenn jemand in Deutschland eine kapitalgestützte Rente bezieht, deren Erträge aus Aktienfonds lateinamerikanischer Schwellenländer stammen, verlässt er sich implizit auf die arbeitende Bevölkerung dieser Länder. Weil in Europa ein Missverhältnis von Jungen zu Alten entstanden ist, vertrauen wir zunehmend auf die Jungen anderer Länder. Die Frage nach der Verteilung der Lasten zwischen den verschiedenen Generationen gilt nicht nur für einzelne Nationalstaaten. Die marktvermittelte intergenerationelle "Solidarität" zwischen den wohlhabenden Industrie- und den Schwellenländern verändert die Art und Weise wie letztere von der westlichen Soziologie betrachtet werden: ihre gesellschaftliche Entwicklung wird heute auch von der ernsten Sorge unseres ureigensten Interesses getragen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) greift die gesellschaftlichen Entwicklungen in Lateinamerika auf, weil sie in einem exemplarischen weltgesellschaftlichen Zusammenhang stehen von dem alle europäischen Gesellschaften betroffen sind.

Dabei dient Chile als idealtypischer Fall, von dem aus gemeinsame Entwicklungen und Unterschiede verschiedener lateinamerikanischer Länder diskutiert werden können.
Die Debatte, die wir mit unseren Thesen anzustoßen hoffen, wird am 11. und 12. April in der Pontificia Universidad Católica im Rahmen der öffentlichen Konferenz „Gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Exklusion in Chile“ stattfinden.

Chile: Nivellierte Mittelstandsgesellschaft in Spe?

Die Sozialstrukturen vieler lateinamerikanischer Länder sind heute von einer enormen Dynamik geprägt. Während sich etwa in Brasilien eine akkomodierte Mittelschicht herauszubilden scheint, kämpft in Chile eine aufstiegsorientierte untere Mittelschicht um die Festigung ihres erreichten sozioökonomischen Status. Das hat mit defizitären sozialstaatlichen Strukturen, aber auch mit einer unmäßigen Verschuldung vor allem durch Bildungs-, Konsum- und Hypothekenkredite zu tun. Es stellt sich die brennende Frage, welchen politischen Ausdruck diese aus der sozialökonomischen Mobilisierung resultierende sozialstrukturelle Vulnerablität gewinnen wird. Was denkt, fühlt und macht eine Mittelschicht, die sich in der Falle zwischen Privatverschuldung und Staatsverlassenheit sieht?

Kommt die Sozialstaatsexpansion? Und wenn ja: Wer zahlt und wer profitiert?

Wir vermuten, dass die chilenische Gesellschaft in den nächsten Jahren fast zwangsläufig eine Sozialstaatsexpansion erleben wird, die zu einer Steigerung der Kosten und zu einer Umverteilung der Profite der chilenischen Volkswirtschaft führt. Es werden sich neue Klassenkonflikte Bahn brechen, die im Kampf um die Privilegien, aber auch die über Lasten dieser Wende zur Sozialstaatlichkeit zum Gegenstand haben.

Im Strudel der wirtschaftlichen Rationalisierung?

Die wiederkehrenden Finanzkrisen (Asienkrise 1997, Dot-Com-Blase 2002, Lehmann-Brothers 2008) und die damit verbundenen Rezessionen haben die großen Industrienationen in einen Abwertungswettlauf ihrer Währungen getrieben. In einigen Schwellenländern löst dies den Versuch aus, die eigene Währung durch Interventionen am Devisenmarkt und niedrige Zinsen zu stabilisieren. Die chilenische Zentralbank hat diesen währungspolitischen Instrumenten bisher weitestgehend widerstanden. Um jedoch in einem Umfeld abwertender Währungen konkurrenzfähig zu bleiben, muss die chilenische Wirtschaft beträchtliche Effizienzgewinne erzielen. Chile befindet sich daher bereits in einem extrem dynamischen Rationalisierungsprozess, der sämtliche Wirtschaftszweige erfasst. Die Chance ist klar: Chile kann aus diesem Prozess als  eine der modernsten Volkswirtschaften der südlichen Halbkugel hervorgehen. Gleichzeitig bleibt Chiles Wirtschaft aber bisher stark von Agrar- und Rohstoffexporten abhängig. Die Entwicklung stärker wissensbasierter Wirtschaftszweige ist eher zart zu nennen. Unter diesen Bedingungen gerät der Arbeitsmarkt mit seinen neuen Positionen, Chancen und Anrechten in den nächsten Jahren unter Druck. Wo sollen in einer stark rationalisierten, auf Agrarprodukten und Rohstoffen fokusierten Wirtschaft all die neuen Akademiker beschäftigt werden, die aus den Universitäten strömen? Das wird in der Generationenfolge Ausscheidungskämpfe mit sich bringen, wie sie chilenische Gesellschaft so noch nicht gekannt hat.

Zwischen Schulden- und Professionalisierungsfalle?

Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten 25 Jahre hat in Chile zweifelsohne zu einer im historischen Vergleich hohen sozialen Mobilität geführt. Die gestiegene soziale Mobilität führt gleichzeitig die Produktion neuer Ungleichheiten mit sich. Am Beispiel der Bildung: Die Bildungsexpansion des privaten Bildungssektors erzeugt neue Bildungschancen. Die Verschuldung der neuen Mittelschichten zur Finanzierung der privaten Bildung ist die Konsequenz. Gleichzeitig zieht die Bildungsexpansion die Proffessionalierung einer ganzen Reihe von Berufsbildern nach sich. Arbeit ist ohne Bildungstitel daher immer schwerer zu erhalten.

Die Bildungsexpansion hat einerseits eine "Inklusionsschwelle" für die Teile der Bevölkerung erzeugt, die keinen Zugang zu Bildung haben. Die privat - und d.h. praktisch oft durch Kreditaufnahme - finanzierte Bildungsexpansion, erzeugt andererseits neue Exklusionsdrohungen für die expandierende Mittelschicht.

Zeigen die Bildungsproteste die "Sollbruchstellen" des "Modell Chile" an?

Das aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftssystem steht damit aber auch vor der Herausforderung, das marktorientierte Wachstumsmodell mit Inklusionsleistungen und -versprechen zu versehen. Wenn Bildung teuer ist, müssen die Bildungsinvestitionen und Löhne in einen kompensatorischen Zusammenhang gerückt, den Verschuldungsrisiken des chilenischen Modells müssen entsprechende Chancen gegenübergestellt werden. Der Rationalisierungsdruck einerseits und Inflation von Bildungstiteln andererseits verhindern jedoch zunehmend, dass sich die Einkommensversprechen der Bildungstitel einlösen lassen. Die aktuellen Bildungsproteste sind auch Ausdruck dieses Missverhältnisses.

Generation, Religion und Familie: Wie steht es um die Quellen sozialen Zusammenhalts  Jenseits der Märkte?

Die zentrale soziale Institution, die in Chile die soziale Inklusion auch dann garantiert, wenn der Arbeitsmarkt versagt, ist die Familie. Unter den Imperativen einer liberalen Gesellschaftsordnung  wandeln sich die Familienstrukturen jedoch dramatisch. Das Scheidungsrecht wurde eingeführt. Die Geburtenraten sinken. Die Verwandtschaftsdichte wird in den nächsten 25 Jahren zurückgehen. Der Druck auf die Jungen von heute wird daher zunehmen. Die chilenische Gesellschaft ist im Begriff eine "betrogene Generation" zu erzeugen. Nicht nur besteht die Gefahr, dass die Statuserwartungen der nun etwa 15-25 jährigen kollektiv enttäuscht werden, weil sich das Versprechen des engen Zusammenhangs von Bildungserwerb, Einkommen und Verwirklichungschancen von Lebensplänen nicht einzulösen scheint. Es handelt sich gleichzeitig um die Generation, die den Kollaps der Verwandtschaftsstrukturen der auf Grund der rapide sinkenden Geburtenraten erleben werden. Diese Generation wird daher im Arbeitsleben im Vergleich zu den Vorgängergenerationen wenig verdienen, und gleichzeitig im Alter auf wesentlich schwächere Familienstrukturen treffen. Die chilenische Gesellschaft zeichnet sich obendrein durch eine geringe Ausprägung der außerfamiliären Geselligkeit aus. Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass das Assoziationswesen und mit ihm das Assoziationsbürgertum in Chile traditionell schwach aufgestellt ist. Diesem Trend läuft seit einiger Zeit die Expansion evangelikaler Gemeinden entgegen. Studien aus dem Nachbarland Argentinien weisen darauf hin, dass der Erfolg der Evangelikalen in ihrem erfolgreichen Dialog mit familiären Arrangements, alltäglichen Problemen und moralischen Vorstellungen zusammenhängt. Zudem scheint ihr Erfolg in der Fähigkeit zu liegen, die Vermittlung von Gemeinschaftserlebnissen und der Sicherung von Zivilität mit einer individuellen Prämierung von Erfolg zu verbinden. Religion als Problembewältigungsressource hat mit den evangelikalen Bewegungen eine weitere Facette erhalten. Die Evangelikalen scheinen es besonders geschickt zu verstehen, auf alltagsmoralische Vorstellungen und lokale, kulturelle Prägungen einzugehen und hieraus ihre Mobilisierungskraft zu beziehen. Es entsteht der Eindruck, dass Netzwerkartige soziale Organisationsformen - häufig fundamentalistisch christlicher Art -  zunehmend die Lesbarkeit des Sozialen garantieren. Das gesellschaftliche Ganze wird zunehmend aus der Logik solcher Netzwerke begriffen. Soziale Erscheinungen dieser Art können zwar eine Chance für die soziale Kohäsion der chilenischen Gesellschaft darstellen, bergen jedoch gleichzeitig neuartige Risiken einer stillen sozialen Schließung.  

Abschluss

Chile galt bislang als der lateinamerikanische Erfolgsstaat, in dem sich weltwirtschaftliche Öffnung und angebotsorientierte Wirtschaftspolitiken mit hohen Wachstumsraten, beachtlicher Armutsreduktion und einer ausgedehnten Bildungsexpansion verbunden haben. Dieses Modell scheint durch die skizzierten Konflikten zunehmend in Frage zu stehen. Chile unterschiedet sich von anderen lateinamerikanischen Staaten durch seine relative wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität in den vergangenen zwanzig Jahren. Trotzdem stehen die Herausforderungen Chiles paradigmatisch für jene vieler anderer Länder Lateinamerikas. Auch hier sind das Bildungswesen und andere soziale Dienstleistungen privatisiert, die sozialstaatlichen Strukturen defizitär, die Privatverschuldung ist hoch und die Entwicklung der Mittelschichten, wie z. B. in Brasilien, sehr dynamisch. Es gilt daher anhand der Entwicklungen in Chile jene anderer lateinamerikanischer Staaten diskutieren und Fragen nach einer Gleichgängigkeit der Logiken und Prozesse von Teilhabe und Ausschluss diskutieren und aufzeigen, welche Lehren aus dem "Modell Chile" gezogen werden können.