Ausstellung

29. Januar 1995 bis 1. Oktober 1996

"200 Tage und 1 Jahrhundert"

Veröffentlichungen


Hamburger Edition: 200 Tage und 1 Jahrhundert
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Die Ausstellung "200 Tage und 1 Jahrhundert" war Teil eines umfangreichen Forschungsprojekts mit dem Titel "Angesichts unseres Jahrhunderts. Gewalt und Destruktivität im Zivilisationsprozeß" des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Die Ausstellung wurde von Januar 1994 bis Herbst 1996 in der Öffentlichkeit gezeigt.

Informationen zur Ausstellung "200 Tage und 1 Jahrhundert" (1995 – 1996)
Am 14. August 1945 – zweihundert Tage nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 – war der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans beendet.

Der Blick auf die zweihundert Tage war ein Angebot, einen anderen Blick auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu werfen - und auf die Versuche, politische Antworten darauf zu finden. 200 Tage, die das Jahrhundert spiegeln: Der Schock über den Völkermord ging einher mit dem Streben, Gewalt und Destruktivität zu bändigen. Doch im Zeitalter atomarer Vernichtungswaffen blieb nur wenig Raum für politische Antworten wider Krieg und Vernichtung.

Die Ausstellung verknüpfte das Jahr 1945 in sieben Ausstellungssegmenten mit den Vorgeschichten und Nachwirkungen von Gewalt und Destruktivitätsprozessen. Es war der Versuch, collageartig, den Zuschauer anzuhalten, einen bestimmten Blick auf das zu Ende gehende Jahrhundert zu tun:

27. Januar 1945 - Befreiung von Auschwitz: Wie die deutsche Gesellschaft einen Massenmord organisiert hat
Der Raum dokumentierte die mit historisch beispielloser krimineller Energie (quasi industriell) betriebene Massenvernichtung. Er zeigte, wie sie mit einmaligem bürokratisch-technischem Aufwand gegen best immte Opfergruppen ins Werk gesetzt wurde und dabei auf die Kooperation oder Duldung aller gesellschaftlichen und politischen "Subsysteme" angewiesen war.

11. Februar 1945 - Absprachen in Jalta zur Vorbereitung eines internationalen Tribunals zur Bestrafung von Kriegsverbrechen und Verbrechen wider die Menschlichkeit
Dargestellt wurden die Anstrengungen zur juristischen Ahndung der NS-Verbrechen sowie der Widerstand gegen die "Kriminalisierung von Politik".

11. März 1945 - Kambodscha und Vietnam erklären ihre Unabhängigkeit
Nach 1945 sagten sich viele Kolonien von ihren "Mutterländern" los - der Auftakt zu zahlreichen Kriegen mit ungezählten Opfern. Gescheiterte Modernisierungskonzepte und gescheiterte Befreiungsstrategien setzten eine destruktive und selbstdestruktive Dynamik frei, die in Indochina ihre schrecklichsten Konsequenzen zeitigten: Bombentrichter auf Befehl Henry Kissingers und "killing fields" nach dem Willen Pol Pots.

25. April 1945 - Gründungsversammlung der UNO eröffnet
Der Raum zeigte die UNO als den dauerhaftesten Versuch einer institutionellen Antwort auf die Gewalterfahrungen des Jahrhunderts. Eine widersprüchliche Bilanz: zum einen der Versuch, mit der UNO die Grenzen nationalstaatlicher Souveränität zu überschreiten, zum anderen aber ihr wiederholtes Scheitern an Souveränitätsvorbehalten und machtstaatlichem Opportunitätsdenken.

8. Mai 1945 - Massaker im algerischen Sétif: Staatlicher Terror oder der Krieg gegen die Zivilbevölkerung
Der systematische "Krieg gegen die Zivilbevölkerung" wurde nach 1945 zu einem weltweit verbreiteten Mittel der Herrschaftssicherung. Die Raumgestaltung orientierte sich an drei außer-europäischen Kontinenten und bildet an ausgewählten Regimen (Algerien, Argentinien, China u.a.) die bis in die Gegenwart andauernden Praktiken dieses Krieges ab.

7. Juli 1945 - Amnestie-Erlaß in der Sowjetunion und gleichzeitige Deportation repatriierter Kriegsgefangener in Straflager
Dokumentiert wurde ein System von Unterdrückung und Vernichtung, das sich in seiner Dynamik praktisch gegen die gesamte Bevölkerung richtete. "Willkür" und "Angst" wurden zu Signaturen von Herrschaft. (Modernisierungs-)Rationalität und (terroristische) Irrationalität ergänzten einander und bildeten sich in den Dimensionen der Unterdrückung ab - räumlich, zeitlich, sozial.

6. August 1945 - Abwurf der Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima.
Die "Abstraktion der Tat" steht hier im Mittelpunkt - und zwar auf Seiten jener, die den Befehl gaben, wie auch jener, die den Befehl umsetzten: Massenvernichtung innerhalb von Sekunden und auf Knopfdruck. Der Verengung der Entscheidungspyramide auf zwei Personen im Jahr 1945 (Truman und Byrnes) steht die Ausweitung der Atommächte in der Gegenwart gegenüber.

Verzeichnis der Ausstellungsorte

Ausstellungskonzept: Arbeitskreis „Angesichts unseres Jahrhunderts“ im Hamburger Institut für Sozialforschung
Projektleitung: Dr. Bernd Greiner, Dr. Jan Philipp Reemtsma
Projektkoordination: Cornelia Berens, Klaus Naumann
Arbeitskreis: Hannes Heer, Reinhard Müller, Dr. Thomas Neumann, Gaby Zipfel
Publikationen: Hamburger Edition: Birgit Otte
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Dr. Regine Klose-Wolf
Ausstellungsvorbereitung, Recherche, Organisation und Produktion: Reinhard Schulz, Berlin
Gestaltung: Willem Muijs, Nijmegen
Ausstellungsvermittlung: Studio Andreas Heller, Hamburg