Vorträge und Diskussionen

Prekarität: Antworten auf neue gesellschaftspolitische Fragen
Sigrid Betzelt: Sind Frauen die Verliererinnen der „Hartz IV“ – Reform?
4. Februar 2009
In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion um die Wirkungen von „Hartz IV“ werden Geschlechterfragen nur selten thematisiert. Verfechter wie Kritiker der Arbeitsmarktreform gehen entweder von gleichermaßen positiven Wirkungen für Männer wie Frauen hinsichtlich verbesserter Arbeitsmarktintegration und sozialer Unterstützung, oder im Gegenteil von geschlechtsneutralen negativen Effekten wie verstärkter Prekarisierung und ungenügender individueller Förderung, aus.
Eine differenziertere Betrachtung der deutschen arbeitsmarktpolitischen „Aktivierungsstrategie“ zeigt, dass diese keineswegs geschlechtsneutral ist und zudem weitreichende Implikationen für die gesellschaftliche Legitimität privater Lebensformen und für persönliche Freiheiten der betroffenen Bevölkerung hat. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen beinhalten widersprüchliche Familien- und Geschlechterleitbilder zwischen einer Fortschreibung traditioneller familialer Arbeitsteilung einerseits und der Einforderung einer vollständigen Erwerbspflicht für Alle andererseits. Diese Widersprüchlichkeiten setzen sich in der Umsetzungspraxis von Hartz IV fort, wobei bestehende Geschlechterungleichheiten eher zunehmen als ausgeglichen zu werden. Dennoch lässt sich nicht pauschal sagen, dass Frauen die Verliererinnen sind, auch wenn vieles auf eine fortgesetzte Benachteiligung bestimmter Gruppen von Frauen hinweist. Verschärfte familiale Einstandspflichten und persönliche Abhängigkeiten schaffen neue Risiken für Familien und Haushalte, ohne wirksam gegen ‚alte’ Risiken wie Arbeitslosigkeit abzusichern. Mit den Hartz-Reformen werden prekäre Beschäftigungsverhältnisse ausgeweitet, was zu einer „Feminisierung“ der Arbeitsverhältnisse für Männer führt.
Dr. Sigrid Betzelt, Soziologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen
Moderation: Birte Hellmig, Ass. jur., Juristin, Stipendiatin im Arbeitsbereich „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Ort: Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 20148 Hamburg
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: frei

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