Vorträge und Diskussionen

Prekarität: Antworten auf neue gesellschaftspolitische Fragen
Claudia Neu: Vom (Über)Leben in entlegenen ländlichen Räumen
11. Februar 2009
Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich die Lebensverhältnisse in Ost und West nicht angeglichen. Transferzahlungen in Billionenhöhe konnten Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche nicht abfangen. Arbeitslosenzahlen von mehr als dreißig Prozent sind in vielen Landstrichen des Nordostens keine Seltenheit. Die bedrückende ökonomische Lage lässt vor allem junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren sowie Höherqualifizierte „die Flucht“ zu ergreifen und in den Westen der Republik abwandern. Diese Wanderungsbewegung verbunden mit stark rückläufigen Geburtenzahlen gestatten es schon heute für das Jahr 2020 einen Bevölkerungsverlust von bis zu fünfunddreißig Prozent in einzelnen Landstrichen zu prognostizieren. Wenn die „Jungen“ abwandern und die geburtenstarken Nachkriegs-Jahrgänge ins Rentenalter kommen, wird sich die Alterstruktur der Bevölkerung deutlich verändern. Schon heute, werden mit Verweis auf die demographischen Wandlungsprozesse – selten ist von den leeren öffentlichen Kassen die Rede – in den schwachbesiedelten Landstrichen die Infrastrukturangebote zurückgefahren. Scheinen doch weniger Menschen auch weniger „Leistungen von allgemeinem Interesse“ zu benötigen: Schulen, Kindergärten und Poststationen werden geschlossen, der öffentliche Personennahverkehr auf ein Minimum zurückgestuft. Strukturschwache ländliche Regionen geraten in einen Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Alterung. Dieser Prozess der Peripherisierung ist begleitet von einem Anwachsen territorialer Ungleichheiten, der für viele Bewohner entlegener ländlicher Räume bedeutet, dass ihre Teilhabechancen an allgemein als erstrebenswert anerkannten Gütern wie Arbeitsplatz, Bildung und Gesundheitsversorgung schwinden und letztendlich die Handlungsspielräume für die Gestaltung ihres Lebens ständig weiter eingeschränkt werden.
Dr. Claudia Neu, Soziologin, Wissenschaftliche Assistentin am Johann Heinrichvon Thünen-Institut des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Braunschweig
Moderation: Dr. Julijana Ranc, Literaturwissenschaftlerin und Soziologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich "Nation und Gesellschaft" des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Ort: Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 20148 Hamburg
Beginn: 20 Uhr
Eintritt: frei

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