Tagung

11. bis 13. Februar 2015

Politische Gewalt im urbanen Raum – europäische und globale Perspektiven

Konzept

Ausgangsbefund der Tagung ist die – zumindest gefühlte – Zunahme von gewaltsamem Protest in Europa und der Welt. Befeuert gleichermaßen von den Symptomen einer globalen Wirtschafts- und Finanzkrise wie von politischen Freiheitsvorstellungen ist es in jüngerer Zeit in vielen Orten der Welt zu Demonstrationen, Platzbesetzungen und gewaltsamen Konfrontationen gekommen: Tunis, Athen, Madrid, Kiew, Kairo, Caracas, Bangkok, Hong-Kong stehen für eine globale Welle von Protesten.

Im Inneren der EU scheint diese wiedererwachende Protestkultur fast so etwas wie einen Paradigmenwechsel darzustellen. Das europäische Projekt, das bis zur Krise auf wachsenden Wohlstand und sozialen Frieden setzte, sich aber auch zunehmend bürokratisierte und auf die Partizipation der Bürger verzichtete, stieß – zuletzt etwa in Griechenland oder Spanien – auf verschärfte Widerstände. In der Ukraine hingegen waren es pro-europäische Impulse, die zu gewaltsamem

Widerstand und schließlich zu politischem Umbruch führten. Städte – mit ihrer spezifischen sozialen, kulturellen, politischen und nicht zuletzt räumlichen Gestalt – geben den Boden und den Rahmen für politische Gewalt ab. Um genau dieses Verhältnis zwischen Gewalt und Stadtraum soll es in der Tagung in verschiedener Hinsicht gehen. Haben sich mit der Phänomenologie des Protests und der Gewalt auch ihre Ursachen gewandelt? Wie ist das Verhältnis der Gewalt und der Proteste zum sozialen Raum, zu den sozialen Klassen und den Zugehörigkeitsgruppen? Gibt es entsprechende Veränderung der Forderungen und damit des politischen Ziels der Proteste, etwa von sozialem Ausgleich zu Anerkennung, Respekt und Selbstbestimmung? Verändern sich mit den Zielen die Formen und darunter eben auch die Verhältnisse zum städtischen Raum in seiner physischen Gestalt, der nun anders angeeignet, benutzt wird? Die Demonstration ist ein Protestzug, der sich durch die Stadt bewegt, doch der Platz ein Ort der Versammlung, der eine dauerhafte körperliche Anwesenheit der Aktivisten verlangt, die bleiben und wiederkehren. Überträgt sich hier ein Phänomen der Vorstädte auf die Innenstädte? Wie funktionieren die Verflechtungen zwischen verschiedenen Protesten bzw. Stadträumen, die überhaupt erst die Wahrnehmung als Protestwelle nahelegen? Schließlich: Wie konzipieren und wie kontrollieren die Sicherheitsinstanzen (Polizei, Militär, Wachdienste) den Stadtraum?

Diese Fragen sollen zu neuen Antworten auf die älteren Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Gewalt und Raum führen. Älteren Ansätzen, die von sozialer Segregation und Verdrängung der Gewalt an die Stadtränder ausgehen, werden hier neue Perspektiven entgegengesetzt. Unterschiedliche Orte und damit unterschiedliche Erfahrungen im Zentrum, am Rande und in ganz unterschiedlichen Peripherien sollen einbezogen werden. Wir möchten uns dem Thema im Rahmen von vier Schwerpunkten nähern:

- Gewalt im sozialen Raum der Stadt
- Gewalt als Aneignung städtischen Raums
- Gewalt und die Verflechtung urbaner Räume
- Gewalt, städtischer Raum und Sicherheitspolitik

Die Tagung ist eine Kooperation zwischen dem Hamburger Institut für Sozialforschung, dem Projekt "Urbane Gewalträume" (Centre Marc Bloch [CMB, Berlin] / Verbund "Saisir l´Europe") und dem Centre de recherche sociologique sur le droit et les institutions pénales (CESDIP, Paris)

Wissensschaftliche Organisation: PD Dr. Ulrich Bielefeld (HIS), Prof. Dr. Fabien Jobard (CESDIP) und PD. Dr. Daniel Schönpflug (CMB)
Ort: Hamburger Institut für Sozialforschung