33.

InstitutsMontage

Oktober 2015 - Februar 2016

Demokratisierung in Europa

Konzepte, Erwartungen Enttäuschungen

Die Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg gilt zumindest im westeuropäisch-atlantischen  Kulturkreis als das goldene Zeitalter der Demokratie. Kapitalismus und Demokratie waren eine scheinbar unauflösliche Verbindung eingegangen, die für Stabilität und breite Partizipation am ökonomischen Wachstum stand. Gleichwohl weiß die politische Theorie seit langem, dass die Demokratie eine fragile und sich selbst stets auf die Probe stellende Regierungsform ist: Sie beruht auf den Voraussetzungen einer weithin anerkannten politischen Kultur, was sie neben einer Regierungsform auch zur Lebensform macht. Schon Tocqueville hat ihre zivilen Formen des Zusammenlebens beschrieben: Mit Demokratie verbinden sich Hoffnungen auf den Ausbau von Freiheit, sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit. Dass Demokratie jenseits eines Zustands institutioneller Verankerung so immer auch ein gesamtgesellschaftlicher Prozess ist, machten die Alliierten 1945 mit ihrer Forderung nach democratization deutlich. In der Gegenwart steht Demokratisierung damit allerdings vor zusätzlichen Herausforderungen: Globalisierungs- und Entterritorialisierungsbewegungen werfen nicht nur neue Fragen für demokratische Steuerung auf, sondern auch danach, wie sich die Gewährleistung von Legitimität, Transparenz und Partizipation im globalen Maßstab verändert.

Welche Erwartungen, Werte und Ziele von Demokratisierung sich erfüllen und wo sich Enttäuschungen abzeichnen, ist Thema der InstitutsMontage. Projektionen, Gegenbilder, kollektive Sehnsüchte sind dabei ebenso wichtig wie die Kontrastfolie einer Kritik des Bestehenden. Ideal und Praxis der Demokratie variieren in unterschiedlichen historischen, sozialen und politischen Umständen und bleiben umkämpft. Der Ruf nach Demokratisierung bringt oft eher eine unbestimmte Hoffnung zum Ausdruck als ein klares politisches Programm. In der Reihe wird daher die Heterogenität und der Wandel von Demokratievorstellungen und Demokratisierungsprozessen im Europa der letzten fünfzig Jahre in den Blick genommen: die Utopien umfassender Demokratisierung innerhalb der Neuen Linken, die schwierigen Transformationsprozesse südeuropäischer Diktaturen und ihre demokratischen Leitbilder, die "samtene Revolution" 1989/90 und die zivilgesellschaftlichen Aufbrüche in Osteuropa, aber auch die Grenzen und Herausforderungen für Demokratisierungsprozesse unter den Bedingungen der Globalisierung.


1. Februar 2016, InstitutsMontage
Helmut Willke: Revision der Demokratie
Neue Formen der Partizipation in Zeiten der Konfusion


4. Januar 2016, InstitutsMontage
Friederike Bahl: Demokratische Anschlussprobleme
Über Vertrauensverlust am Rand der Gesellschaft


7. Dezember 2015, InstitutsMontage
Agnes Arndt: Wunsch und Wirklichkeit
Wandlungsprozesse um 1989 im Spannungsfeld von Demokratisierung und Neoliberalisierung


2. November 2015, InstitutsMontage
Birgit Aschmann: Von der Diktatur zur Demokratie
Gesellschaftspolitische Umbrüche im Spanien der 1970er Jahre


5. Oktober 2015, InstitutsMontage
Jens Hacke: Mehr Demokratie wagen
Utopien der Herrschaftsfreiheit und der Glaube an kommunikative Rationalität