Bausteine des Kapitalismus

Vortragsreihe

Oktober 2016 - Februar 2017

Bausteine des Kapitalismus

Kapitalismus ist ein Schlüsselkonzept für das Verständnis unserer sozialen Welt. Nach einem Dämpfer in Folge des Scheiterns sozialistischer Experimente ist der Begriff spätestens mit der globalen Finanzkrise von 2008 zurückgekehrt: Kapitalismusanalysen und -kritiken sind in der Öffentlichkeit über politische Lagergrenzen hinweg populär. Dieser Karriereschub eines angeschlagenen Konzepts hat Evaluationen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften bestärkt –  mit bemerkenswertem Ergebnis: ein Konsens über die Bedeutung des Begriffs Kapitalismus ist beiden Disziplinen abhandengekommen.

Das Konzept erklärt traditionell, warum Europas Wirtschaft im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert einen plötzlichen und beispiellosen Wachstumsschub erfahren hat, mit dem die stagnierenden Ökonomien in anderen Erdteilen überflügelt wurden. Die klassischen Erklärungsversuche dieser Entwicklung verweisen zumeist auf eine fruchtbare Synergie von gesichertem Privateigentum, systematischer Profitorientierung, der Ausweitung arbeitsteiliger Massenproduktion und der Durchsetzung von Lohnarbeit.

Diese "Bausteine" des Kapitalismus vermögen allerdings in jüngeren Debatten der Geschichts- und Sozialwissenschaften nicht mehr zu überzeugen, eine Diskussion von Alternativen steht erst am Anfang. Die sich verstärkende Unklarheit des Kapitalismusbegriffs äußert sich auch in der Auseinandersetzung über Zusatzattribute, die die klassischen –  in Anschauung von Industrialisierungsprozessen entwickelten –  Kapitalismusbausteine für die postindustrielle Gegenwart kompatibel machen sollen.

Wir scheinen in einem Wirtschaftssystem zu leben, für das die alleinige Bezeichnung "Kapitalismus" nicht mehr ausreicht. Daher wird ergänzend z.B. von einem finanzialisierten, einem ästhetischen, einem kognitiven oder auch einem digitalen Kapitalismus gesprochen. Das Verhältnis dieser einzelnen Zusatzattribute zueinander bleibt dabei ebenso ungeklärt wie ihre Vereinbarkeit mit den reformierten historischen Analysen des Kapitalismus.
In der Vortragsreihe werden mögliche Bausteine des Kapitalismus in historischer und gegenwartsanalytischer Absicht erwogen und diskutiert. Wie könnten alternative Erklärungen des ökonomischen Kaltstarts in Europa aussehen? Haben wir es heute tatsächlich mit einem Kapitalismus neuen Typs zu tun?

Wissenschaftliche Konzeption: Prof. Dr. Wolfgang Knöbl, Dr. Aaron Sahr

Beginn jeweils 19 Uhr (Einlass ab 18.30 Uhr)


13. Dezember 2016, Vortragsreihe
Aaron Sahr: Ungleichheit im Keystroke-Kapitalismus
Über paraökonomische Bereicherung


29. November 2016, Vortragsreihe
Ève Chiapello: The work of financialization


25. Oktober 2016, Vortragsreihe
Jens Beckert: Kapitalismus als imaginierte Zukunft
Zur Bedeutung fiktionaler Erwartungen für die Dynamik der Wirtschaft