Bausteine des Kapitalismus, 2. Staffel

Vortragsreihe

April 2017 - Juli 2017

Bausteine des Kapitalismus, 2. Staffel

"Kapitalismus" war out. Nun entdecken ihn die Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften wieder. Mit dieser Wende in der Forschung hat sich auch der Blick auf die Wirtschaft verändert. Sie kommt nicht mehr zwingend als verselbstständigtes Teilsystem moderner Gesellschaft in Betracht, sondern als ein heterogenes Ensemble von Praktiken, Arrangements und Strukturen. Diesem facettenreichen Gegenstand widmet sich inzwischen eine wiedererstarkte politische Ökonomie. Sie verdeutlicht mit ernstzunehmenden Argumenten, dass sich die sozialen und politischen Realitäten der Gegenwart ohne ein angemessenes Verständnis von Kapitalismus nicht begreifen lassen.

Die erste Staffel der Vortragsreihe hat erste Einblicke in die Vielfalt
ökonomischer und nichtökonomischer Komponenten kapitalistischer
Ordnungen vermittelt. Während Jens Beckert mit seiner Begriffsprägung
von den "fiktionalen Erwartungen" die immer auch kulturelle Imprägnierung
kapitalistischer Ordnungen unterstrich, war Ève Chiapello daran
gelegen, den Finanzkapitalismus als eine soziale Praxis darzustellen, die
politischen Akteure nicht nur als ein beherrschender Sachzwang gegenübertritt,
sondern auch genuine Handlungsressourcen eröffnet. Aaron
Sahr zeigte, warum Bankkredite als paraökonomische Ausnahmezone
im Herzen kapitalistischer Ökonomien zu begreifen sind und was daraus für unser Verständnis des Geldes folgt. Alexander Nützenadel betonte aus
wirtschaftshistorischer Sicht die Unterschiede regionaler Pfade bei der
Entwicklung nationaler und transnationaler Schuldensysteme, womit die
Notwendigkeit einer für lokale Bausteine feinfühligen Kapitalismusgeschichte
offensichtlich wurde. Schließlich hat Gabriel Abend die Bedeutung
unterschiedlicher Moralkulturen für die Operationsweise kapitalistischer
Schlüsselspieler aufgezeigt, namentlich der Unternehmen, was den
Bogen zur Verbindung von Kapitalismusanalyse und Kulturtheorie schlug.

Bausteine des Kapitalismus, 2. Staffel führt diese Überlegungen fort, konzentriert sich aber auf zwei Bausteine, die für die meisten Kapitalismustheorien fundamental sind, nämlich auf Kapitaleigentum und Akkumulation. Sighard Neckel wird in Anknüpfung an die Thematik der ersten Staffel über die Abkopplung der Kapitalvermehrung globaler Finanzeliten von normalen Spielregeln des Ökonomischen sprechen, Shalini Randeria widmet sich handfesten Aneignungspraktiken in postkolonialen Zonen, und Dirk Baecker reflektiert den Zusammenhang von Kapitaleigentum und Kapitalkontrolle aus system- und netzwerktheoretischer Perspektive. Abschließend gewährt Dave Elder-Vass einen Einblick in die Diversität von Kapitalvariationen und Akkumulationsweisen im digitalen Kapitalismus der Gegenwart.


13. Juni 2017, Vortragsreihe
Shalini Randeria: Dispossession and Capitalist Development Designs:
A View from India


25. April 2017, Vortrag
Sighard Neckel: Inklusive Exklusion
Soziale Abgrenzung im Milieu der globalen Finanzklasse