Wolfgang Kraushaar

1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur

370 Seiten
ISBN 978-3-930908-59-2
Erschienen Oktober 2000

Zum Buch

Geschichte schreiben, meinte Walter Benjamin einmal, heiße »Jahreszahlen ihre Physiognomie« zu geben. Doch welche Gesichtszüge mit »1968« in Verbindung gebracht werden sollen, ist noch immer höchst umstritten.

Das schillernde Jahr stand nicht nur für Aufbruch, Umwälzung und Emanzipation, sondern auch für einen Flirt mit dem totalitären Kommunismus und markiert zugleich die Geburtsstunde einer Apologie der Gewalt, des RAF-Terrorismus. In der Erinnerungskultur der Bundesrepublik spielt »1968« dennoch die Rolle einer Art Ursprungsmythos. Ob es sich zum 10., 20., 25. oder zum 30. Mal jährte, jedesmal haben sich die Medien den Hauptereignissen extensiv gewidmet. »1968« wird von vielen als eine Art soziokultureller Nachgründung der Republik angesehen. Inzwischen ist »1968« jedoch vor allem eine Münze im Kampf um das politische Selbstverständnis dieser Republik geworden. Der »Kulturkampf um 68« ist spätestens seit der deutschen Einigung ein ständig wiederkehrender Topos, an dem sich in Öffentlichkeit und Wissenschaft die Geister scheiden.

Der 68er-Bewegung wird auch von der Zeitgeschichte die Rolle einer bedeutenden, in mancher Hinsicht sogar einzigartigen historischen Zäsur eingeräumt. Mehr und mehr Historiker haben sich darauf besonnen, daß das umstrittene Jahr die Rolle eines Knoten- und Umschlagpunktes in der Geschichte der alten Bundesrepublik spielt. Wer dem »Mythos 68« nicht aufsitzen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die damalige Jugendbewegung zu historisieren. Es gibt kein politisches Erbe der 68er-Bewegung, auf das sich heute noch irgend jemand unmittelbar berufen könnte.

»1968« war sicher eine starke, vielleicht sogar die weitreichendste politische Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Eine Tiefenwirkung besaß die antiautoritäre Bewegung vor allem aber als ein soziokultureller Bruch, als die Implementierung eines neuen Lebensgefühls, das eine erhebliche gesellschaftspolitische Durchsetzungskraft entfaltete. Das erzeugte in den siebziger Jahren eine nachhaltige Grundspannung zwischen den in ihrer Legitimität in Frage gestellten Institutionen in Erziehung, Wissenschaft, Kirche, Presse usw. und den Staatsorganen sowie den von den etablierten Parteien geprägten Einrichtungen.

Die Frage steht im Raum, ob eine grundlegende Veränderung der Mentalitäten, Lebensstile und Lebensentwürfe, die Ausbildung zivilgesellschaftlicher Normen, die Fundamentalliberalisierung der neuen Mittelschichten in dieser Form ohne die von der antiautoritären Bewegung freigesetzten Schubkraft überhaupt denkbar gewesen wären. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, einer der genauesten Kenner der 68er-Geschichte, versucht das Schlüsseljahr in seinen wichtigsten gesellschaftspolitischen Dimensionen zu dechiffrieren.

AutorIn/Hg.

Wolfgang Kraushaar

Dr. phil., Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Arbeitsschwerpunkt: Protestbewegungen in der Zeit des Kalten Krieges. Gastprofessuren an der Freien Universität in Berlin, an der Bejing Normal University und an der Eidgenössischen technischen Hochschule, Zürich

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Inhalt

Einleitung: Wie über 1968 schreiben?   7

Die erste globale Rebellion   19

Die transatlantische Protestkultur   53

Der lange Marsch durch die Institutionen   81

Rudi Dutschke und die Wiedervereinigung   89

Die 68er-Linke und das Geld   130

SED, Stasi und Studentenbewegung   139

Phantomschmerz RAF   163

Die neue Unbefangenheit   172

Symbolzertrümmerung   196

Finalisierung des Protestes   210

Die Anti-Elite als Avantgarde   223

Der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Ein Literaturüberblick zur 68er-Bewegung   253

Literaturverzeichnis   348

Drucknachweise   369