Thomas Haury

Antisemitismus von links

Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR

527 Seiten
ISBN 978-3-930908-79-0
Erschienen Oktober 2002

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Thomas Haury untersucht, vor allem am Beispiel der DDR, die Frage, inwieweit der moderne Antisemitismus nur dadurch zu verstehen ist, daß der »Nation« mit »dem Judentum« einen geradezu »idealen Feind« gegenüberstellt, und daher auch der Nationalismus linker Prägung ein Feindbild brauchte, das er neben dem Imperialismus schließlich im »Zionismus« fand.

Auf ihrem Höhepunkt Anfang der fünfziger Jahre erfuhren die seit Jahren in Osteuropa andauernden stalinistischen Parteisäuberungen eine kaum verhohlene antisemitische Ausrichtung. Auch in der DDR wurden hohe Parteimitglieder öffentlich angeklagt, im Dienste des Zionismus und der US-Finanzoligarchie die Ausplünderung Deutschlands ins Werk gesetzt zu haben.

In dem vorliegenden Band geht Thomas Haury der Frage nach, wie Vorwürfe dieser Art entstehen konnten. Er untersucht die Strukturen antisemitischen Denkens und vergleicht sie mit drei grundlegenden Programmatiken, die dem deutschen Kommunismus eine inhaltliche Prägung gaben: Am Weltbild Lenins macht er deutlich, daß trotz des Fehlens unmittelbar antijüdischer Einstellungen eine große Nähe zu antisemitischen Verschwörungstheorien und Feindbildern besteht. So stellt Lenin zur Legitimation von Revolution und Parteidiktatur einen unversöhnbaren Gegensatz zwischen »produktiver Arbeit«, Proletariat und »werktätigem Volk« mit den »Finanzkönigen«, den »volksfeindlichen Imperialisten« und den »Parasiten« her.

Wie anfällig eine derartige Ideologie für antisemitische Stereotype ist, zeigt sich an dem zweiten Beispiel, auf das Haury zurückgreift - die Propaganda der KPD in der Weimarer Republik. Im Zuge ihrer nationalistischen Agitation, mit der sie den Mittelstand gewinnen wollte, setzte die KPD dem »schaffenden deutschen Volk« bedenkenlos »jüdische Kapitalisten«, »jüdische Börsenjobber« und das »verjudete Finanzkapital« entgegen, die sich angeblich »durch die Ausbeutung des deutschen Volkes mästen« würden.

Die SED schließlich trieb sowohl die Leninsche Ideologie als auch den kommunistischen Nationalismus auf die Spitze: Sie sah sich einer weltweiten imperialistischen Verschwörung der »Dollarkönige« gegenüber. In der DDR hätten sich »getarnte Agenten des Monopolkapitals« überall eingeschlichen, um Staat und Partei zu zersetzen. In Westdeutschland stöhne das Volk unter »imperialistischer Okkupation«, »amerikanischer Unkultur« und »Dollarzinsknechtschaft«. US-Imperialismus und Zionismus verschmolzen in dieser Perspektive zu einem weltweiten Verschwörungszusammenhang, gegen den das deutsche Volk unter Führung der SED den nationalen Befreiungskampf führen müsse.

Im Rahmen dieses Antizionismus ließen sich auch spezifisch deutsche Belange unterbringen. Die SED leugnete jede Mitschuld des deutschen Volkes am Nationalsozialismus und an der Vernichtung der europäischen Juden und lehnte es 1952/53 sogar ab, arisiertes jüdisches Vermögen rückzuerstatten. Sie bezeichnete derartige Ansinnen als Ausbeutung des »werktätigen deutschen Volkes« zugunsten »zionistischer Monopolkapitalisten«.

Mit seiner Untersuchung belegt Haury, daß die Grundstrukturen des kommunistischen Weltbildes jenen des Antisemitismus sehr nahe sind; im Zuge der Radikalisierung und Nationalisierung der kommunistischen Ideologie war die Integration des Antisemitismus zwar keine zwingende, infolge der europäischen Tradition des Antisemitismus allerdings eine äußerst naheliegende Konsequenz.

AutorIn/Hg.

Thomas Haury

geboren 1959, studierte Soziologie und Geschichte. Er promovierte mit der vorliegenden Arbeit im Februar 2001 an der Universität Freiburg und ist derzeit in verschiedenen Bildungseinrichtungen tätig.

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Inhalt

Einleitung   11
Der spätstalinistische Antizionismus in der DDR   11
Fragestellung, Aufbau und Ziel der Arbeit   17

Kapitel eins
Grundstrukturen des antisemitischen Weltbildes   25

»Die Juden« als Personifizierung der modernen Gesellschaft   30
   Ökonomie   31
   Politik   35
   Kulturelle Moderne   38
»Volk«, »Nation« und Nationalismus   40
   Auf dem Weg zu einem soziologischen Begriff der »Nation«   42
   Die Unmöglichkeit einer Identität der modernen Gesellschaft 48; Individualisierung und problematisch werdende Identität der Individuen 49; »Nation« als antimoderne Gemeinschaftsutopie in der verunsichernden Moderne 52; Der Appell und die Fixierung an den Staat 54
   Strategien zur Stabilisierung der Gemeinschaftsvorstellung »Nation«   55
   Inszenierung von Gemeinschaft 56; Naturalisierung und Ethnisierung von Gemeinschaft 57; Konstruktion von »Nationalgeschichte « 58; Definition und Ausgrenzung von »Anderen« sowie Markierung von »Feinden« 59
   »Deutsches Volk« versus »verderbte Nation«   65
   »La nation une et indivisible« contre »les ennemis du genre humain«   76
»Die Juden« als »Feinde der Nation«   84
   »Ewig fremd«   84
   »Die Juden« als Antiprinzip zur »nationalen Gemeinschaft«   93
    Die Juden als die inneren »Feinde deutschen Wesens« 94; Die Juden als »Verräter an der Nation« 95; »Jüdischer Kosmopolitismus « versus »deutsche Vaterlandsliebe« 97; Juden als Antiprinzip von »Nation« 100
   »Die Juden« als »idealer Feind«   103
Die grundlegenden Strukturprinzipien des antisemitischen Weltbildes   105
   Personifizierung und Verschwörungstheorie   106
   Manichäismus, Konstruktion identitärer Kollektive und Vernichtungsperspektive   109
   Die antisemitische Verkehrung von Täter und Opfer   115
   Exkurs: Rassismus, Rassebiologie und Antisemitismus   116
»Antisemitismus nach Auschwitz«   122
   »Antisemitismus nach Auschwitz« in den westlichen Industriestaaten   122
   Antisemitismus in Westdeutschland nach 1945   127
   Schuldabwehr durch die nachfaschistische »deutsche Nation«   132
   »Displaced Persons« und Wiedergutmachung   134
   Die »Entdeckung« des »sekundären Antisemitismus« in den achtziger Jahren   139
   Das Dilemma des Nationalismus in Deutschland nach 1945   144
   Sekundärer Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz 149
  Deutscher Nationalismus und sekundärer Antisemitismus   155
Merkmale des Antisemitismus   157

Kapitel zwei
»Zur Judenfrage« von Karl Marx – ein Klassiker antisemitischer Propaganda?   160

Entstehung, Inhalt und Argumentationslogik   161
Geldfetisch, Schacher und Juden   167
Die »Religion des Egoismus« und deren »materialistische Umstülpung«   172
Ein »Klassiker der antisemitischen Propaganda«?   178

Kapitel drei
Die SPD des Kaiserreichs   183

Die SPD und der Antisemitismus   184
   »Damit können wir nichts zu schaffen haben«   184
   Das Antisemitismusverständnis der SPD   188
Assimilation statt »undurchführbare Utopie«: Sozialdemokratie und Zionismus   195
Sozialdemokratische Nationsvorstellungen und das »Problem Juden«   197
Gegen Nationalismus und Kolonialismus: Kautskys Kritik des Zionismus   204

Kapitel vier
Anti-antisemitischer Lenin – »strukturell antisemitischer« Leninismus?   210

»Nationale Frage«, Juden und Zionismus   211
   »Schande über den, der Feindschaft gegen die Juden sät«   211
   Die jüdische Sozialdemokratie und der Zionismus   214
   Lenin und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen   217
   Lenins Kontroverse mit dem Bund   218
   Stalins wirkliche und papierne Nationen   223
   Volk, Nation und Klasse bei Lenin und Stalin   225
Grundstrukturen der Leninschen Ideologie   228
   Eschatologie und strikter Manichäismus   230
   Personifizierung und Verschwörungstheorie   232
   »Werktätiges Volk« versus parasitäre Bourgeois   235
   Die Partei hat immer recht   239
   Parteisäuberung und innerparteiliche Diktatur   242
   Lenins Ideologie und der Antisemitismus   248

Kapitel fünf
Die KPD der Weimarer Republik   253

Die KPD zu Antisemitismus und »Judenfrage«   253
Kommunistischer Nationalismus   261
   Ruhrbesetzung und Schlageterlinie: die »nationale Einheitsfront von unten«   262
   »… noch mehr lernen, eine deutsche Partei zu sein«   265
   Gegen den »fremden kapitalistischen Eindringling«   266
   Gegen die »Parasiten am Leibe Deutschlands«   268
   Von der proletarischen Klassenpartei zur »Partei der Nation«   270
   Die »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«   273
Gegen »arisches Industrie-« und »verjudetes Finanzkapital«   277
Antikapitalismus, Nationalismus und Antisemitismus   284

Kapitel sechs
»Finanzkapital oder Nation« – spätstalinistischer Antizionismus in der DDR   293

Die KPD/SED zu Völkermord an den Juden, Schuld und Wiedergutmachung   294
   Kommunistische Positionen bis zum Kriegsende   294
   »… aber sie haben nicht gekämpft«: »Kämpfer gegen den Faschismus« und zweitklassige »Opfer«   305
   »Vom sozialistischen Standpunkt aus nicht zu vertreten« – SED und Rückerstattung   315
   Die SED und Israel   324
   Juden als »Klassengegner«   328
Parteisäuberungen und Schauprozesse in den Ostblockstaaten 1945 bis 1953   330
Die SED säubert sich zur »Kampfpartei des Marxismus-Leninismus«   339
Die SED-Ideologie der Säuberungsphase   349
Die Zwei-Lager-Theorie: Marxismus-Leninismus im Kalten Krieg   350
   Das »Lager des Friedens« und das »Lager des Imperialismus« im »verschärften Klassenkampf« 350; Die »okkulte Herrschaft« der »Dollarkönige« 351; »Völker als Sklaven der Wallstreet« 353; Die SED als »Partei des schaffenden Volkes« 354; »Entlarvung und Ausmerzung« von »Parteifeinden« und »Volksschädlingen « 356
   Der »nationale Befreiungskampf« gegen »Dollarzinsknechtschaft« und »Zerreißung Deutschlands«   360
   Gegen »Dollarzinsknechtschaft« und »nationale Versklavung« 361; Gegen das »vaterlandslose Finanzkapital« 363; Gegen die »undeutsche« BRD 364; Die SED als »Vortrupp des deutschen Volkes« 365
   Ein »gesundes deutsches Nationalgefühl« für das »Vaterland der Werktätigen«   367
Eine »zutiefst nationale deutsche Geschichtsschreibung« 370; Mit Dimitroff im Kampf gegen »Hitlers Erben« 374
   Verteidigung der »deutschen Kultur« gegen das »Gift des Kosmopolitismus«   379
Antisemitischer Antizionismus – die Radikalisierung der Säuberungen 1952/53   387
   »Aufbau des Sozialismus«  387
   Vom strukturellen zum inhaltlichen Antisemitismus   391
   Die antisemitisch-antizionistische Welle im Frühjahr 1953   399
   Wer verfaßte die »Lehren«?«   408
   Wiedergutmachung – seit 1950 ein Fall für die ZPKK   410
   »Stalinismus ohne Stalin«: Säuberungsdynamik nach Stalins Tod   417
   »Antizionismus ohne Stalin«   420
Antizionismus: Antisemitismus nach Auschwitz in den Farben der DDR   428
   Die Affinitäten von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus   428
   Die ideologische Gläubigkeit   431
   Antizionismus als die marxistisch-leninistische Gestalt des Antisemitismus   438
   Marxistisch-leninistischer Antizionismus als prototypischer Antisemitismus nach Auschwitz   444
   Der spezifische ostdeutsche Antizionismus   446

Antisemitismus von links   456

ABKÜRZUNGEN   466
LITERATUR   468
PERSONENREGISTER     519