Taner Akçam

Armenien und der Völkermord

Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung

Neuausgabe
430 Seiten
ISBN 978-3-930908-99-8
Erschienen September 2004

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»Keiner Nation gelingt es, sich selbst anzuklagen«

Führende türkische Politiker wurden 1919 bis 1921 vor dem Kriegsgericht in Istanbul wegen ihrer Beteiligung am Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs angeklagt. Diese Prozesse kamen durch Druck der alliierten Mächte zustande, die damit einen ersten Schritt unternahmen, Menschenrechtsprinzipien mit Hilfe einer internationalen Strafgerichtsbarkeit Geltung zu verschaffen.

Der türkische Wissenschaftler Taner Akcam stellt diesen kaum bekannten Vorläufer der Nürnberger Prozesse in den Kontext des Untergangs des Osmanischen Reiches und der Erfolge der jungtürkischen Bewegung in ihrem Bestreben, einen homogenen türkischen Nationalstaat zu gründen. Er analysiert zugleich aber auch die spezifischen historischen und politisch-ideologischen Hintergründe, die zum Genozid an den Armeniern führten.

Der Band enthält darüber hinaus zum ersten Mal in deutscher Sprache eine kommentierte Auswahl aus den Verhandlungsprotokollen und Urteilsbegründungen der Istanbuler Prozesse. Sie vermitteln neue Erkenntnisse über die Planung und Durchführung des Völkermords und zeigen die Mechanismen eines von Haß und Brutalität geprägten Massakers auf.

AutorIn/Hg.

Taner Akçam

Dr. phil., Soziologe und Historiker, ist Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des armenischen Genozids an der Clark University in Massachusetts, USA.

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Inhalt

Vorwort 9

Der historische Hintergrund des Völkermordes 19

Die armenische Frage bis zur Jungtürkischen Periode (1908) 19
Die Stellung der Nichtmuslime im islamischen Recht 19; Reformen des 19. Jahrhunderts 20; Spannungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen 22; Die armenische Frage in der Periode Abdülhamits II. 23; Grundzüge der Armenierpolitik von Abdülhamit 24

Die Jungtürkische Periode bis zum Ersten Weltkrieg 27
Grundzüge der Ìttihat ve Terakki 27; Die zweite konstitutionelle Periode und die Ìttihat ve Terakki 33; Versuch der Errichtung eines Nationalstaates und Aufkommen des Türkismus 35; Türkismus und Pläne zur Homogenisierung Anatoliens 39; Der Kriegseintritt des Osmanischen Reiches 43; Die armenischen Reformen und die armenische »Undankbarkeit« 46; Die Rolle der Untergangspanik 49

Der Völkermord an den Armeniern 52

Erste Etappen in Richtung Entscheidung zum Völkermord 54
Die Entscheidung zum Völkermord 59
Die offiziellen Dokumente zum Völkermord 61
Die Organisierung des Völkermordes 63
Die planmäßige Vernichtung 71
Militärische Beteiligung an den Massakern 74

Die rechtliche Verfolgung der Verantwortlichen des Völkermordes 77

Die Problematik der strafrechtlichen Verfolgung 78
Innenpolitische Bemühungen 81
Maßnahmen der Regierungen 83; Debatten im Parlament 85; Die Ermittlungen der 5. parlamentarischen Kommission 88; Die »Kommission zur Ermittlung der Missetaten« 91; Die Errichtung der Sonderkriegsgerichtshöfe 92

Durchführung der Prozesse 97
Maßnahmen und Vorgehen Großbritanniens 97; Die ersten Verhaftungen 101

Verlauf der Prozesse 104
Die Haftbedingungen 104; Die erste Hinrichtung und die griechische Invasion 107; Die Rolle der erstarkenden Nationalbewegung 109; Die letzten Verbannungen und weitere Hinrichtungen 112; Das Ende der Verfahren 114; Die Konferenz von Lausanne und der Anfang vom Ende 120

Die Nationalbewegung und ihre Haltung zum Völkermord und zu den Prozessen 122
Mustafa Kemal und der Völkermord 123; Die Haltung Ankaras zur Ìttihat ve Terakki 125; Die Rolle der Ìttihat ve Terakki in der Nationalbewegung 127; Die Nutznießer des Völkermordes und die Nationalbewegung 129; Die Täter des Völkermordes als nationale Befreiungskämpfer 131; Verantwortliche des Völkermordes übernehmen politische Ämter 134

Schlußbemerkungen 138

»Nationale Souveränität« versus »Verbrechen an der Menschheit« 138; Keiner Nation gelingt es, sich selbst anzuklagen 142; Ahndung setzt internationales gemeinsames Vorgehen voraus 143; Humanitäre Intervention versus machtpolitische Interessen 145

Die Prozeßprotokolle 147

Rechtsgrundlagen der Verfahren 149
Die Prozeßführung 152
Die Frage der Zuständigkeit des Kriegsgerichtes 153
Hinrichtungen 157
Wechselnde Kammerzusammensetzung bei den Gerichten 160
Liste der Kriegsgerichtsprozesse 162

Dokumente 166

Das Yozgat-Verfahren 167
Das Trabzon-Verfahren 176
Das Hauptverfahren 185
Erste Verhandlung 189; Zweite Verhandlung 230; Dritte Verhandlung 249; Vierte Verhandlung 261; Fünfte Verhandlung 283; Sechste Verhandlung 317; Siebte Verhandlung 337; Das Urteil 353

Anmerkungen 366
Bibliographie 406