Enzo Traverso

Auschwitz denken

Die Intellektuellen und die Shoah

Aus dem Französischen von Helmut Dahmer
368 Seiten
ISBN 978-3-930908-57-8
Erschienen März 2000

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Enzo Traverso rekonstruiert in seinem Band die ersten Reflexionen über diesen Genozid und untersucht die Werke von zehn Dichtern und Denkern, die mit zwei Ausnahmen alle Juden deutscher Kultur sind. Franz Kafka und Walter Benjamin präsentiert er als Autoren, die eine Vorahnung der tragischen Zukunft gestalteten und den Fortschritt als Katastrophe dachten. Ab 1944 versuchten dann Hannah Arendt, Günther Anders, Theodor W. Adorno, Jean Améry und Primo Levi »Auschwitz zu denken«. Traverso analysiert damit die geschichtsphilosophischen Betrachtungen und das politische Denken der Emigranten, aber auch die Memoiren und Reflexionen von Schriftstellern, die Zeugen und Überlebende der Vernichtung waren, sowie mit einem Kapitel über Paul Celan den Versuch, nach Auschwitz Gedichte in der Sprache der Täter als Wiedergewinnung einer universellen Sprache der Trauer zu schreiben und eine »Poetik der Zäsur« zu entwerfen. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre und der amerikanische Journalist Dwight Macdonald sind die beiden einzigen nichtjüdischen Autoren, die sich mit dem Schicksal der Juden im Krieg befassen. Während Sartre eher allgemein die Entwicklungslinien des Antisemitismus nachzeichnet, begreift Macdonald die Tragweite des Zivilisationsbruchs und rückt die Vernichtung der Juden ins Zentrum seines Nachdenkens.

Die hier untersuchten Texte dokumentieren insgesamt den beeindruckenden Versuch, auf die tiefgreifendste Verwerfung der Menschheitsgeschichte in unserem Jahrhundert zu reagieren, die Gleichgültigkeit und das Schweigen zu durchbrechen und das Unfaßbare zu verstehen. Die Autoren, deren Werke lange Zeit keine große Beachtung fanden, deuten den Genozid nicht als weitere Etappe in der Geschichte der Pogrome an den Juden, sondern als Ereignis von universeller Tragweite, und sie versuchen, seine Besonderheit zu denken.

Das ungeklärte Verhältnis von Modernität und Barbarei markiert den Horizont der Fragen, die der Genozid an den Juden aufgibt, Fragen, die auch heute im Zentrum der Debatten um Gedächtnis, Geschichte und Erinnerung stehen.

AutorIn/Hg.

Enzo Traverso

1957 in Italien geboren, lebt in Frankreich. Er ist als Dozent für Politische Wissenschaften an der Universität der Picardie in Amiens und als Lehrbeauftragter an der »Ecole des hautes études en sciences sociales« in Paris tätig.

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Inhalt

Vorwort   9

»Feuermelder«. Eine Typologie der Intellektuellen-Reaktionen auf Auschwitz   12
   Die »angeworbenen Musen«   21
   Die Überlebenden   24
   Die Blindheit der Intellektuellen   27
   Zwei deutsche Ausnahmen   33
   Der Kontext: Unsichtbarkeit und Anpassung   37
   Exilierte und »Feuermelder«   43
   Auschwitz begreifen   51

Vor Auschwitz: Von Kafka zu Benjamin   62
   Exkurs zu Max Weber   62
   Die »Ordnung des Schreckens«: Franz Kafka   69
   Der Blick des Angelus Novus: Walter Benjamin   81

»Das Bild der Hölle«: Hannah Arendt   103
   Exilierte und Staatenlose   103
   Die Todesfabriken   110
   Die organisierte Schuld   114
   Die Lager   119
   Der Totalitarismus: eine verschwommene Szenerie   128
   Die Banalität des Bösen   138

Auschwitz und Hiroshima: Günther Anders   150
   Juden und »Menschen ohne Welt«   150
   Die prometheische Scham   159
   Die Antiquiertheit des Menschen   165
   Eichmann und der Hiroshima-Pilot   175

Adornos kategorischer Imperativ   181
   Ars poetica interdicta   181
   Kritik des Fortschritts   184
   Moderne Barbarei   192
   Faschismus und Antisemitismus   197
   »Revolte der Natur«   201
   Ticket-Mentalität   204
   Selbstzerstörung der Vernunft   208

Paul Celan: Dichtung der Zerstörung   214
   »In der Sprache des Todes«   214
   Die »Todesfuge«   220
   Die Flaschenpost   228
   Dichtung nach Auschwitz   232
   Hoffnung in der Tiefe der Verzweiflung   237

Als Intellektuelle in Auschwitz: Jean Améry und Primo Levi   246
   Parallele Wege   246
   Juden wider Willen   248
   Von der Notwendigkeit und Unmöglichkeit, Auschwitz zu begreifen   256
   Vernunft und Erinnerung   260
   Die Moralisierung der Geschichte   269

Die Verantwortung der Intellektuellen: Dwight Macdonald und Jean-Paul Sartre   281
   Auschwitz und das Ende der Fortschrittsidee: Dwight Macdonald   285
   Der Jude im Blick des Anderen: Jean-Paul Sartre   304

Rationalität und Barbarei   330
   Das Bild der Hölle   330
   Am laufenden Band   337
   Der verdinglichte Tod   343
   Auschwitz und die Modernität   349

Personenverzeichnis   358

 

 

 
Originalausgabe L'Histoire déchirée, essai sur Auschwitz et les intellectuels: Paris: Les Èditions du Cerf 1997