Ute Daniel

Beziehungsgeschichten

Politik und Medien im 20. Jahrhundert

464 Seiten, 1 Abb.
ISBN 978-3-86854-317-9
Erschienen Dezember 2017

Zum Buch

Der politischen Unabhängigkeit der Medien wird in heutigen Demokratien höchste Bedeutung zugemessen. Doch weder die Demokratie noch unabhängige Medien sind selbstverständlich – und sie waren es auch noch nie.

An Beispielen aus Deutschland und Großbritannien beschreibt Ute Daniel, wie wechselhaft und unvorhersehbar die Beziehungen zwischen Politiker_innen und politischen Journalist_innen sind, wie kontextabhängig das Kräftespiel. Und sie zeigt, dass dessen vergangene Ausprägungen oft gar nichts an aktueller Relevanz eingebüßt haben.

Auch heute beschäftigen sich demokratische Gesellschaften mit journalistischem Informantenschutz und der Bedeutung von Whistelblowern, mit dem Einfluss der Medienmogule auf die Politik und den gesetzlichen Rahmenbedingungen für elektronische Massenmedien.

AutorIn/Hg.

Ute Daniel

Professorin für Neuere Geschichte an der TU Braunschweig, forscht zur Mediengeschichte, Geschlechtergeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte der Kriege, Geschichte der Höfe und Hoftheater sowie zu Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft. 

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Inhalt

Einleitung     9

I Die Presse des 19. Jahrhunderts im Ersten Weltkrieg      41
Politik im Krieg. Politiker, Militärs und Journalisten in Großbritannien 1914–1918     46
     Die Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern     48
     Zeitungen alten und neuen Typs im Umfeld des Regierungswechsels 1916     60
     Presse, Politik und Militär 1917/18     65
     Ende eines Experiments     77
Politik des Krieges. Militärs, Politiker und Journalisten in Deutschland 1914–1918     81
     Presse, Politik und Zensur 1914–1916     89
     Das Beispiel Berliner Tageblatt     94
     Die »Freigabe« der Kriegszieldebatte und ihre Grenzen     102
     Zensur und Propaganda bis zum Kriegsende     112
Fazit     122

II Pressezaren in der Politik der Zwischenkriegszeit     127
Alfred Hugenberg, Kuno Graf von Westarp und die Deutschnationale Volkspartei     130
     Dilemmata der Anti-Republikaner     131
     Hugenberg, sein Konzern und die DNVP     136
     Eine kleine »Machtergreifung« und ihre Folgen     143
Die »Bösen Onkel«, Stanley Baldwin und die britischen Konservativen     152
     Baldwin und seine Partei     155
     Die Pressezaren und die Führungskrise der Konservativen     161
Fazit     177

III Die Medienlogik des »Dritten Reichs« und Goebbels’ Sportpalastrede vom 18. Februar 1943     181
     Propaganda im »Führerstaat«     184
     Die Sportpalastrede vom Februar 1943 als Medienevent      194
Fazit     203

IV Vierte Gewalt hinter Gittern. Presse und Politik im Skandal (1962/63)     205
Das Schweigen im Walde. Warum der Profumo-Skandal kein Presseskandal war     208
     Der Spion und das Tribunal      212
     Der Minister und die Presse     225
     Nachspiele     233
Das Rauschen im Walde. Warum die Spiegel-Affäre ein Presseskandal war     237
     Erste Phase: Von der Aktion gegen den Spiegel bis zu den Fragestunden im Bundestag (26. Oktober bis 7. November 1962)     248
     Zweite Phase: Von den Fragestunden bis Dezember 1962     255
     Die Frage nach den Wirkungen     271
Fazit     283

V Fernsehpolitik. Die Dezentrierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks     287
Ende eines Fernsehmonopols. Die BBC in der britischen Politik Anfang der 1950er Jahre     292
     Rundfunk und Politik nach dem Zweiten Weltkrieg     301
     Der Streit um das Monopol     308
     Von der Eskalation ins ruhige Fahrwasser     316
     Das Ende des Aktualitätsverbots     320
»Cuius regio, eius radio«. Die christdemokratische Politik und der Norddeutsche Rundfunk um 1980     326
     Staatsvertragskündigung: Die Hintergründe     335
     Der medienpolitische Kulturkampf     344
     Jenseits des Kulturkampfes     352
     Der Verhandlungsmarathon     356
     Das unerwartete Ende     365
     Eine kleine Kirchengeschichte     368
Fazit     376

Vergleichendes zum Schluss     379
     Das Vertraulichkeitskartell     380
     Die starke Stellung der Politik     384

Quellen und Literatur     393
Dank     457
Personenregister     459

Leseprobe

Einleitung

Ein britischer Premierminister, David Lloyd George, machte während des Ersten Weltkriegs zwei Pressezaren zu Ministern und verlieh einer Vielzahl von Presseleuten Adelswürden. Ein anderer britischer Premierminister, Clement Attlee, ernannte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Journalisten zu seinem Presseverbindungsmann – allerdings nicht, um Verbindungen zur Presse aufzubauen oder auszubauen, sondern um sie zu unterbinden. Er sei nämlich, wie Attlee dem betreffenden Journalisten, Francis Williams, erklärte, »allergic to the press«. Für den nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels waren nur gelenkte Medien gute Medien. Er musste jedoch feststellen, dass die kontrollierte deutsche Medienlandschaft wenig hilfreich war, als er in Zeiten innenpolitischer Friktionen innerhalb der nationalsozialistischen Führungselite die öffentliche Meinung ins Feld führen wollte. Denn die öffentliche Meinung war genau das, was sein Medienlenkungssystem ad absurdum geführt hatte. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt fand, die Medien und allen voran das Fernsehen hätten einen negativen Einfluss auf Familie und Gesellschaft, und plädierte für die Einführung eines fernsehfreien Wochentags. Doch gleichzeitig nutzte er gekonnt und kontinuierlich seine Begabung zu medialem Repräsentieren, vor allem in eben diesem Fernsehen. Die Einführung des kommerziellen Fernsehens in Großbritannien durch die Konservative Partei und in der Bundesrepublik durch die CDU geschah weder hier noch dort allein aus medienbezogenen, sondern aus mit der jeweiligen politischen Konfliktlage in beiden Ländern erklärbaren Gründen. Hinsichtlich des Wertes oder Unwertes von werbungsfinanziertem Fernsehen waren nämlich die Konservativen in beiden Ländern keineswegs einig. Und, als letzte Facette dieses kleinen Kaleidoskops der Einstellung von Politikern des 20. und 21. Jahrhunderts gegenüber den Medien: Zu den ersten Verlautbarungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Januar 2017 gehörte die Erklärung, er befinde sich im Krieg mit den Medien. Kein namhafter Politiker eines demokratischen Landes hat jemals zuvor mit diesem Schlachtruf seine Amtszeit begonnen.
In der umgekehrten Blickrichtung ist das Kaleidoskop nicht weniger bunt. Doch vollziehen sich die Aufs und Abs journalistischer Politik- und Politikerbewertung zwischen scharfer Kritik, neutralem Beobachten und innigem Einvernehmen täglich vor unser aller Augen. Sie brauchen nicht in Erinnerung gerufen zu werden, auch wenn unschwer viele Seiten mit Beispielen für das 20. und 21. Jahrhundert gefüllt werden könnten. Warum beginne ich ein Buch, das die Geschichte der Beziehungen zwischen Politikern und Journalisten zum Thema hat, mit dieser Vielfalt von Wahrnehmungsweisen und Bewertungen, die noch dazu nicht selten in sich widersprüchlich sind und es nicht einmal erlauben, in Deckung zu bringen, was die politischen und journalistischen Akteure sagen und was sie tun?
Dieser Befund, lautet die Antwort, ist gleichzeitig erhellend und erkenntnisverstellend, wenn man sich wie ich für die Frage interessiert, wie man eine Beziehungsgeschichte zwischen Politik und Medien schreiben und damit zum Verständnis der heutigen Bedeutung dieser Wechselbeziehung beitragen könnte. Dass sie für moderne Gesellschaften hoch bedeutsam ist, ist unbestritten.

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