Jacques de Saint Victor

Blasphemie

Geschichte eines »imaginären Verbrechens«

Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt
144 Seiten
ISBN 978-3-86854-308-7
Erschienen März 2017

Zum Buch

Sie scheint ein Relikt vergangener Zeiten zu sein, doch spätestens nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo 2015 in Paris hat die Diskussion um die strafrechtliche Ahndung der Blasphemie den öffentlichen Raum zurückerobert. Sie stellt die westlichen Demokratien vor eine ihrer größten Herausforderungen.

Die Blasphemie hat eine lange und wechselhafte Geschichte, sie war und ist – so die These von Saint Victor – eine politische Konstruktion. In der Zeit der Aufklärung als »crime imaginaire« (imaginäres Verbrechen) bezeichnet, wurde Blasphemie 1791 in Frankreich als Delikt abgeschafft. Lange verschwand sie hinter dem modernen politischen Horizont, doch nun kehrt der Diskurs um ein Blasphemieverbot zurück ins öffentliche Leben westlicher Demokratien, spätestens seit den terroristischen Angriffen in Paris im Januar 2015 auf die Redaktion des Satireblatts Charlie Hebdo.

Wendepunkte in der Diskussion um die Blasphemie waren 9/11, die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh 2004 sowie 2005 die Mohammed-Karikaturen. Die jüngste Beschwörung eines Verbots der Blasphemie im Namen des Respekts vor »persönlichen Überzeugungen« stellt ohne Zweifel eine Bewährungsprobe für das grundlegende Prinzip westlicher Demokratien dar: das Prinzip der Rede- und Meinungs-, aber auch der Pressefreiheit.

Der Rechtshistoriker Saint Victor ordnet die Geschichte der Blasphemie in einen aktuellen politischen wie juristischen Interpretationsrahmen ein. Dabei zeigt er nicht nur auf, dass die juristische Ahndung von Meinungsdelikten immer hoch problematisch ist, sondern auch, welchen Platz die Diskussion um Blasphemie wieder im öffentlichen Raum einnimmt und vor welche Herausforderungen sie die westlichen Demokratien stellt.

Ein packender Essay über ein »imaginäres Verbrechen«, in dem Religion und Politik auf das Engste verknüpft sind. Gestern wie heute.

AutorIn/Hg.

Jacques de Saint Victor

Professor für Rechtsgeschichte und Politik an der Universität Paris VIII Vincennes-Saint-Denis sowie Gastprofessor an der Università degli Studi Roma Tre. Er ist Kolumnist beim Figaro littéraire und Autor zahlreicher Bücher zur politischen Ideengeschichte, zum Rechtssystem und zur organisierten Kriminalität. 2013 erhielt Jacques de Saint Victor den Prix de l'Essai de l'Académie Française, für »Blasphemie« wurde er 2016 mit dem Prix du Sénat du Livre d'Histoire ausgezeichnet.

mehr

Inhalt

Vorwort   9

I    »Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen«   15

II   Ein »Majestätsverbrechen gegen Gott«   29

III  La Barre: der eine Prozess zu viel   47

IV  Eine scheinbare Abschaffung   63

V   Gott kann sich schon allein verteidigen!   77

VI Wenn die »Islamophobie« ins Spiel kommt ...   99

Epilog   115

Literatur   129

Index   135

Leseprobe

Die schleichende Säkularisierung der Gesellschaft im Zeitalter der Vernunft – zumindest des wohlhabendsten, urbansten Teils der Gesellschaft (doch in manchen Regionen wie dem Pariser Becken oder der Champagne erfasste dieses Phänomen auch ländliche Bevölkerungsschichten) – ließ nicht mehr zu, den Gotteslästerer als »Ketzer«, als Gegner Gottes oder Feind des Thrones zu betrachten.

Frankreich wurde unter Ludwig XV., nach Meinung mancher, zu einer der despektierlichsten Nationen Europas. In Bezug auf die Religion bürgerte sich ein ironischer Sprachgebrauch ein, und Diderots Nonne ist ein aufschlussreicher Beleg für diesen Sittenwandel: Kapuzinade wurde zum Synonym für Predigt und Pagode für Kirche, man fand Gefallen daran, über die »Pfaffen«, »Schwarzröcke«, »Klosterbrüder« usw. herzuziehen.

In einem solchen Kontext machte man keine Jagd mehr auf Gotteslästerer, um ein vermeintliches Gottesgericht vom Königreich abzuwenden. Diese politische Funktion, die ihr im 16. und 17. Jahrhundert zugekommen war, hatte die Blasphemie verloren. Es ging nicht einmal mehr darum, die Seele des Gotteslästerers zu retten, zumal Letzterer nicht zwangsläufig ein Gläubiger war. Vielmehr wurde die Blasphemie nur noch geahndet, um die wahren Gläubigen zu schützen und den Rest der Gesellschaft vor dem »schlechten Beispiel« der Gottlosen und Freigeister zu bewahren.

Blätterbare Leseprobe

Leseprobe als PDF

 

 

 
Originalausgabe Blasphème. Brève histoire d'un >crime imaginaire<: Edition Gallimard, Paris 2016