Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hg.)

Bürgertum nach 1945

438 Seiten, 1 Abbildung
ISBN 978-3-936096-50-7
Erschienen März 2005

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»Wir wollen«, so Willy Brandt im Januar 1974, »den Bürger, nicht den Bourgeois.« Wie ist er entstanden, wo ist er geblieben, dieser Bürger des sozialliberalen Aufbruchs? Die Beiträge des Bandes untersuchen die sich wandelnden Elemente von Bürgerlichkeit in der deutschen Nachkriegsgeschichte und analysieren die ungebrochene Attraktivität des Bürgerbildes.

Für den »Kleinen Brockhaus« von 1949 war es um die Sache des Bürgertums klar bestellt: »In den westeuropäischen Ländern ist es eine der großen, für das öffentliche Leben maßgebenden Massengeschichten.« Doch blieb die Existenz eine Bürgertums in Deutschland nach 1945, jenseits solcher lexikalischer Gewißheiten, nicht bloße Einbildung? Ein bestenfalls visionäres Projekt, in der bald alle Bürger sein wollten, ohne daß ein Bürgertum je vorhanden war und sein konnte?

Bei Abgesängen auf das Bürgertum ist indessen Vorsicht geboten. Noch jedesmal haben sie sich als verfrüht erwiesen, und die Geschichte der Bundesrepublik bietet hierfür das beste Beispiel, folgte doch dem sich dezidiert antibürgerlich stilisierenden Nationalsozialismus eine Renaissance der bürgerlichen Ordnung. Sie erwies sich als erfolgreich noch in ihrer Ablehnung, wie etwa im Epochenjahr 1968, in dem sich die Kritik am Bestehenden nur als Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft gerieren konnte.

Der vorliegende Sammelband fragt nach den fortdauernden Elementen von Bürgerlichkeit in der deutschen Nachkriegsgeschichte. In autobiographisch motivierten Interpretationen sowie in historischen und soziologischen Untersuchungen zeigen die Autoren, was vom einstigen politischen Ordnungsmodell der bürgerlichen Gesellschaft weiter Bestand hatte und selbst noch in ihren Wandlungsprozessen die Geschichte der Bundesrepublik zu beeinflussen vermochte.

Damit greift der Band zugleich in aktuelle Diskussionen um die Bürger- oder Zivilgesellschaft ein. Denn der Ruf nach einer neuerlichen Etablierung bürgerlicher Werte im Zeichen der Krise erschöpft sich in bloßer Rhetorik, solange nicht die Bedingungen ihrer vormaligen Existenz untersucht werden. Analysen und Reflexionen über die Neuformierungen und Wandlungen des bürgerlichen Wertehorizontes, die Kontinuitäten und Veränderungen bürgerlicher Lebensstile in den fünfziger und sechziger Jahren, über die Homogenität oder auch Auflösung bürgerlicher Schichten tragen nicht nur zu einem besseren Verständnis der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR bei, sondern beleuchten Begriffe wie Bürgergesellschaft oder Neoliberalismus in historischer Perspektive neu.

AutorIn/Hg.

Manfred Hettling

Prof. Dr. phil., ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Bernd Ulrich

Dr. phil., geb. 1956, Historiker; von Februar 1997 bis Juni 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung.

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Inhalt

Enthaltene Beiträge
 

Manfred Hettling
Bürgerlichkeit im Nachkriegsdeutschland


Manfred Hettling, Manfred/Bernd Ulrich
Formen der Bürgerlichkeit
Ein Gespräch mit Reinhart Koselleck


Bedrich Löwenstein
Auf der Suche nach bürgerlicher Gesellschaft
Zwischen Schrumpfbürgertum und theoretischer Besinnung


Günter Wirth
In Potsdam und anderswo
Kontinuitäten des Bildungsbürgertums in der DDR


Heinz Bude
Bürgertumsgenerationen in der Bundesrepublik


Josef Mooser
Liberalismus und Gesellschaft nach 1945
Soziale Marktwirtschaft und Neoliberalismus am Beispiel von Wilhelm Röpke


Ulrich Bielefeld
»Die Ausgangslage, von der aus nur noch nach vorn gedacht werden kann.«
Hans Freyer und die Bundesrepublik Deutschland


Kai Arne Linnemann
Die Sammlung der Mitte und die Wandlung des Bürgers


Bernd Ulrich
Bremer Spätbürger
Städtische Tradition und bürgerlicher >Geist< nach 1945


Michael Wildt
Konsumbürger
Das Politische als Optionsfreiheit und Distinktion


Burkart Lutz
Integration durch Aufstieg
Überlegungen zur Verbürgerlichung der deutschen Facharbeiter in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg


Klaus Naumann
Schlachtfeld und Gesellschaft
Die ständische Bürgerlichkeit des Bundeswehroffiziers


Eckart Conze
Der Edelmann als Bürger?
Standesbewußtsein und Wertewandel im Adel der frühen Bundesrepublik


Wolfgang Kraushaar
Die »Revolutionierung des bürgerlichen Subjekts«
1968 als erneuerte bürgerliche Utope?


Thomas Großbölting
Entbürgerlichte die DDR?
Sozialer Bruch und kultureller Wandel in der ostdeutschen Gesellschaft