Gérard Prunier

Darfur

Der »uneindeutige« Genozid

Aus dem Englischen von Gennaro Ghiradelli
275 Seiten
ISBN 978-3-936096-66-8
Erschienen Januar 2007

Zum Buch

Die Eskalation der mitunter in den Medien als »Stammesstreit« charakterisierten Auseinandersetzung um knappe Ressourcen zwischen der sesshaften schwarzafrikanischen Bevölkerung Darfurs und den arabischstämmigen Nomaden hat vielschichtige Ursachen. Nicht nur Dürren und zunehmende Versteppung, auch die politische und wirtschaftliche Vernachlässigung der Region und insbesondere der Schwarzafrikaner durch die Zentralregierung in Khartum hatten die Lage verschärft.

Anfang 2003 formierten sich schwarzafrikanische Rebellenorganisationen und sagten der sudanesischen Regierung den bewaffneten Kampf an; diese reagierte mit der Bewaffnung der Janjahweed, Reitereinheiten mit dem zweifelhaften Ruf großer Kampferfahrung und besonderer Grausamkeit. Während das sudanesische Militär zivile Ziele in Darfur bombardierte, begingen die Janjahweed in Absprache mit der Armee Gräueltaten an der Zivilbevölkerung: Massenexekutionen und Massenvergewaltigungen, Vertreibungen und die Zerstörung von Siedlungen, ebenso wie die Behinderung der Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen führten zum Tod von Hunderttausenden von Menschen.

Von der EU über die Afrikanische Union und die UNO bis hin zu den USA – viele politische Akteure haben Lösungsansätze angeboten, Resolutionen verabschiedet, Truppen entsandt und diplomatischen Druck ausgeübt. Auch wenn die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen sudanesische Politiker und Militärs für einige Unruhe in sudanesischen Regierungskreisen gesorgt hat, bleiben die Erfolge der internationalen Intervention aus.

AutorIn/Hg.

Gérard Prunier

Historiker und Ostafrikaspezialist, ist seit 1984 Wissenschaftler am Centre National des Recherches Scientifiques (CNRS) in Paris und seit 2001 Direktor des Centre Français d’ Études Éthiopiennes in Addis Abeba. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählt das 1995 erschienene Buch »The Ruanda Crisis, 1959–1994: History of a Genocide«.

mehr

Inhalt

Vorwort   7

1. Das unabhängige Darfur: Land, Leute und Geschichte   12
Ökonomie und Lage des Landes   12
Die Bevölkerung: Ein komplexes ethnisches Mosaik   16
Das unabhängige Sultanat Darfur   20
Umm Kwakiya, die Zeit der Banditen   29
Ali Dinar und die letzten Jahre von Darfurs Unabhängigkeit (1898–1916)   35

2. Darfur und Khartum (1916–1985): Eine unglückliche Beziehung   40
Benign colonial neglec: Romantizismus und Unterentwicklung   40
Am Rande der Geschichte: Darfur und der sudanesische Nationalismus   50
Der Griff nach dem Zentrum: Frustrationen über die demokratische Politik in Darfur   53
Der tschadisch-libysche Faktor: Ein destabilisierendes Grundelement   61
Von der Misswirtschaft zur Hungersnot: Die Katastrophe von 1984   67

3. Von der Marginalisierung zur Revolte: Manipuliertes »Arabertum« und »rassische« Anarchie (1985–2003)   75
Folgen der Hungersnot von 1984   75
Khartums »demokratische« Politik und der Tschad-Konflikt   81
Libyens »Sieg« im Tschad, eine neue Hungersnot in Darfur und der Daud-Bolad-Aufstand   93
Zentrum versus Peripherie: Darfur aus gesamtsudanesischer Sicht   103

4. Angst im Zentrum: Von der Anti-Guerilla zum Quasi-Genozid (2003–2005)   109
Zentrum versus Zentrum: Interne Auseinandersetzungen der Islamisten und deren Übergreifen auf Darfur   109
Naivasha und der »Wohlfühlfaktor«   117
Khartum erkennt die Gefahr   121
»Guerillabekämpfung zum Billigtarif«   132
Eine improvisierte »Endlösung«   145
Ausländische Intervention und Tod durch Zermürbung   154

5. Die Welt und die Krise in Darfur   163
Medienberichterstattung: Surfen in den Horrorcharts   164
Kampfbereites humanitäres Engagement   169
»Afrikaner sterben im Papierkrieg«: Die internationale Gemeinschaft und die Darfur-Krise   180
Gab es in Darfur einen Genozid oder nicht?   191

6. Darfur in Agonie   203
Sechs Monate unerfüllter Hoffnungen nach dem umfassenden Friedensabkommen vom Januar 2005   203
Der Wettlauf zwischen Frieden und Anarchie   210
Zunehmende ethnische Anarchie   211
Der Bürgerkrieg im Tschad und seine Auswirkungen   216
Das AU/UNO/NATO/US-Durcheinander   220
Eine falsche Lösung: Das Darfur-Friedensabkommen   225
Das Darfur-Friedensabkommen: Ein papierenes Bollwerk gegen die harte Wirklichkeit   228
Hobbes im Sudan   232

Schlussbemerkung: Darfur und die gesamtsudanesische Krise   236

Danksagung   243
Glossar   244
Abkürzungen   253
Bibliographie   258
Register   267

 
Originalausgabe Darfur: The Ambiguous Genocide: London: Hurst & Co. 2005