Monika Krause

Das gute Projekt

Humanitäre Hilfsorganisationen und die Fragmentierung der Vernunft

Aus dem Englischen von Michael Adrian
280 Seiten
ISBN 978-3-86854-314-8
Erschienen September 2017

Zum Buch

»Ein Buch von höchster Bedeutung. Es erklärt, wie humanitäre Organisationen arbeiten, wie sie vorgehen und warum diese Arbeit erfolgreich ist oder scheitert. Es bietet außerdem neue Einsichten in die Rationalität von Bürokratien – eine tiefgreifende Analyse, die in klarer, ausgefeilter Sprache verfasst ist.«
Richard Sennett, New York University

Hilfsorganisationen haben sich dazu verpflichtet, Leben zu retten, Leiden zu lindern und menschliche Grundbedürfnisse zu sichern. Sie helfen Menschen über nationale Grenzen hinweg – ohne Rücksicht auf Rasse, Ethnizität, Geschlecht oder Religion, und sie bieten unverzichtbare Unterstützung bei Erdbeben, Tsunamis, Kriegen und Pandemien. Aber wie entscheiden diese Organisationen angesichts der außerordentlich vielen hilfsbedürftigen Regionen dieser Welt, welche Hilfsprojekte sie wo und für wen anbieten?

Monika Krause taucht in die Entscheidungsprozesse der NGOs ein und entdeckt eine grundlegende Wahrheit: Zwar ist es stets das Ziel der Hilfsorganisationen, den Menschen zu helfen, aber in ganz praktischer Hinsicht liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit darauf, Projekte zu produzieren. Agenturen verkaufen diese Projekte an wichtige institutionelle Geber, und in diesem Prozess werden das Projekt und seine Begünstigten zu Waren auf einem »Projektmarkt«.

In dem Bemühen, ein erfolgreiches, also gutes Projekt zu garantieren, sind Organisationen dazu angehalten, denen zu helfen, denen leicht zu helfen ist, denn auch die Legitimation vor den Gebern muss gewährt sein. So erhalten häufig diejenigen, denen am schwersten zu helfen ist, keine Hilfe, weil die Aussichten auf einen Projekterfolg fehlen. Es entsteht eine geradezu zynische Situation: Die Ärmsten der Welt konkurrieren darum, zu einem Projekt zu werden – und im Gegenzug den Hilfsorganisationen und Geberregierungen Legitimität zu bieten.

Monika Krauses vielfach ausgezeichnete organisationssoziologische Untersuchung eröffnet eine provokative neue Sicht darauf, wie NGOs auf lokaler und globaler Ebene erfolgreich sind – und wie sie scheitern.

AutorIn/Hg.

Monika Krause

PhD, lehrt Soziologie an der London School of Economics and Political Science. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kultursoziologie, politische Soziologie, Organisationssoziologie, soziologische Theorie; Menschenrechte und Humanitarismus; globale Interventionen.

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Inhalt

Einleitung    7

1 Auf der Suche nach dem guten Projekt    23

2 Hilfeempfänger als Ware    55

3 Der Logframe und die Geschichte des Marktes für Hilfsprojekte    95

4 Die Geschichte der humanitären Autorität und die Ausdifferenzierung des humanitären Feldes    123

5 Die Reform der humanitären Hilfe    167

6 ... und die Menschenrechte?    193

Schluss    219
Methodischer Anhang    231
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen    239
Danksagung    241
Bibliografie    245
Zur Autorin    269

Leseprobe

Einleitung

»Die Krise in Darfur stellt die Welt vor eine entscheidende moralische Herausforderung«, heißt es in einem Appell von Safe Darfur.
»Mehr als vier Jahre sind seit Beginn des Völkermords in Darfur im Sudan vergangen. Bis zu 400000 Menschen sind ihm bislang zum Opfer gefallen, mehr als 2,5 Millionen wurden vertrieben. Diese Flüchtlinge sind jetzt von Hunger, Krankheiten und Vergewaltigungen bedroht, während die in Darfur verbliebenen Einwohner mit Folter, Tod und Vertreibung rechnen müssen. Wir müssen schnell und entschieden handeln, um diesen Völkermord zu beenden, bevor Hunderttausende weitere Menschen getötet werden.«

Diese Beschreibung der Krise in Darfur betont die große Zahl der Opfer. Der Text erzählt zudem von unbeschreiblichem Leid, vor dem es kein Entrinnen gibt. Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit wird der Leserin mithilfe zweier Aufzählungen von jeweils drei verschiedenen Übeln in einem Satz vermittelt: »Hunger, Krankheiten und Vergewaltigungen « sowie »Folter, Tod und Vertreibung«. Doch inmitten all der Gräuel dieser Beschreibung findet sich etwas Tröstliches und Beruhigendes, nämlich die Vorstellung: »Wir müssen […] handeln«. Jenes »wir« erinnert den Leser daran, dass er von außen auf dieses Leiden blickt, und impliziert, dass er dieser Gewalt und diesem Leid nicht alleine gegenübersteht, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die seine Besorgnis teilt: »wir, die internationale Gemeinschaft«, »wir, die globale Zivilgesellschaft« oder »wir, die Bewohner verhältnismäßig reicher Länder, die sich sorgen«. Auch die Formulierung »wir müssen […] handeln« hat etwas Beruhigendes. Denn wenn wir handeln müssen, heißt das vielleicht auch, dass »wir handeln können«. Mit den richtigen Werten und den richtigen Informationen können wir etwas tun, um zu helfen.

Die Krise in Darfur ist nur eine von vielen Situationen, die in den vergangenen zwanzig Jahren zu Appellen wie dem obigen Anlass boten. Denken wir nur an die Kosovokrise Ende der 1990er Jahre, den Tsunami im Indischen Ozean 2004, das Erdbeben in Haiti von 2010 oder die Aids-Epidemie, die allesamt als »Notsituationen« in unser Blickfeld gerückt wurden, so komplex und unterschiedlich diese sozialen Phänomene auch waren. Der Begriff der »Notsituation« oder des »Notfalls« (emergency) ist nach Craig Calhoun »ein Mechanismus, um problematische Ereignisse zu erfassen, ein Mechanismus, um sich in sie hineinzuversetzen, der ihre anscheinende Unberechenbarkeit, Anomalie und ihren vorübergehenden Charakter betont und mit dem gleichzeitig die Konsequenz verbunden ist, dass eine Reaktion – eine Intervention – notwendig ist«.

Die westlichen Regierungen fühlen sich heute verpflichtet, eine gewisse Reaktion auf viele, doch bei Weitem nicht alle fernen »Notfälle« zu zeigen, während sich die breite Öffentlichkeit häufig zu Spenden veranlasst sieht. Was aber heißt es, auf das Leid von Menschen zu reagieren, die in weiter Ferne leben? Und nicht nur die geografische Entfernung trennt »uns« von »ihnen«. Auch unterschiedliche Formen der sozialen Organisation stehen zwischen uns und vermitteln, das heißt, sie verbinden und trennen zugleich in spezifischen Weisen, deren Muster wir analysieren können. Die Institutionen der Nachrichtenmedien bilden eine solche Form der sozialen Organisation; in jüngster Zeit haben Wissenschaftler die Rolle der Medien bei der Vermittlung von Leid eingehend untersucht. Auch Geber und Geberorganisationen sind durch Märkte, Regierungen, die Geschichte des Kolonialismus, verschiedene Arten von Wissen und Fachkenntnissen sowie unterschiedliche Bedeutungssysteme von fernem Leid getrennt und zugleich mit ihm verbunden.

In diesem Buch beschäftige ich mich mit einer Gruppe von Institutionen, die zwischen dem konstruierten »Wir« und einer Vielzahl von Formen des Leids auf der ganzen Welt stehen, nämlich den nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), die auf dem Feld der humanitären Hilfe tätig sind.

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