Ulrike Jureit

Das Ordnen von Räumen

Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert

445 Seiten, zahlr. Abb. und einem farbigen 20-seitigen Extraheft
ISBN 978-3-86854-248-6
Erschienen September 2012

Zum Buch

Der Begriff Lebensraum ist auf das engste mit der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkrieges verbunden. Seine Bedeutung erweist sich jedoch als weitaus vielschichtiger. Vor dem Hintergrund einer mittlerweile raumtheoretisch informierten Geschichtswissenschaft lässt sich die Handlungsrelevanz von Raum nicht mehr nur eindimensional betrachten, wie die vorliegende Arbeit eindrucksvoll belegt. Eine konsequente Historisierung räumlicher Ordnungskonzepte erfordert es, nach spezifischen Erscheinungsformen politischer Territorialität, nach der Verklammerung wissenschaftlicher Theoriebildung und politischer Handlungspraxis sowie nach den zentralen Semantiken, Konzepten und Praktiken räumlichen Ordnens zu fragen. Die Verkoppelung politischer Territorialitätskonzepte mit der Erfahrungskategorie eines sich durch Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesse verringernden Raumes organisierte sich Ende des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich wie semantisch um den Lebensraumbegriff.

Während mit einer evolutions- und migrationstheoretischen Raummechanik zunächst vor allem koloniale Landnahmen legitimiert wurden, transformierte sich nach dem Ersten Weltkrieg der reale Verlust von Raum in ein klaustrophobisches und alsbald ideologisiertes Bedrohungsgefühl. Bis in die 1930er Jahre existierte noch ein Spektrum an räumlichen Ordnungskonzepten, erst dann begannen Lebensraumentwürfe die Totalität eines Zerstörungs- und Neuordnungswillens zu kennzeichnen, der die eroberten Gebiete nicht mehr im kolonialen Sinne als leer fantasierte, sondern sie im Sinne rassischer Auslese zu leeren und radikal neu zu ordnen beabsichtigte.

Der innovative Gehalt dieser Arbeit liegt in der gelungenen Verschränkung von Akteurs- und Handlungsperspektiven unter Einbeziehung kartografischer Repräsentationen.
Ulrike Jureit leistet einen bedeutenden Beitrag sowohl zur neueren Raumdiskussion in den Sozialwissenschaften als auch zur Geschichte des Nationalsozialismus.

AutorIn/Hg.

Ulrike Jureit

Dr. phil., ist Historikerin und Wissenschaftlerin am Hamburger Institut für Sozialforschung. Bis 2004 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Sprecherin im Team der Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944«. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Biographie- und Lebenslaufforschung, Politische Kollektivität, Oral History, Generationenforschung, Erinnerungskultur und Gedächtnisforschung und Raum als politischer Ordnungsbegriff.

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Inhalt

I »Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft«.
Zur Organisation des Nebeneinanders   7

II Ordnungen des Raumes: Nationalstaat und Modernisierung   31
Vom Ort zum Territorium   31
Verdichtung und Raumschwund   50

III Entdeckung des kolonialen Raumes   75
Europäischer Staat und koloniale Landnahme   75
Von unauffindbaren Bergmassiven und wandernden Wasserfällen: Praktiken kolonialer Grenzziehung   89
Leerer Raum   118

IV Lebensraum: Bewegungsgesetze und Bodenhaftung   127
Biologisierung des Raumes   127
Kampf um Raum   142

V Vom Territorium zum Deutschen Raum   159
Räume des Übergangs: Deutsche Herrschaft in Ober Ost   159
Völkische Grundrechenarten: Praktiken internationaler Grenzziehung in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg   179
Deutscher Raum: Territoriale Konzepte jenseits des Nationalstaates   219
Volk ohne Raum: Besichtigung eines klaustrophobischen Lebensgefühls   250

VI Großraum: Ordnungen nach Rasse und Raum   287
Homogenisierung des Raumes: Lebensraum als Begriff rassischer Ordnung   287
Verflechtungen: Der Hitler-Stalin-Pakt – räumlich betrachtet   314
Blonde Provinzen. Die Eingliederung der Ostgebiete   330
»Unsere Grenze ist das Blut« – Visionen einer Großraumordnung   357

VII Fazit: Das Ordnen von Räumen   387

Archivmaterial und Literatur   396
Bildnachweise   444

Termine

Paris, DHI, 19. November 2014

Ulrike Jureit: Das Ordnen von Räumen

Details zur Veranstaltung


Bild & Ton

Vortrag von Ulrike Jureit im Rahmen der Vortragsreihe »Actualités des sciences sociales en Allemagne« am 19.11.2014 im DHIP (ca. 29 min Laufzeit)