Sina Arnold

Das unsichtbare Vorurteil

Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11

488 Seiten, 9 Abbildungen
ISBN 978-3-86854-303-2
Erschienen September 2016

Zum Buch

Sina Arnolds Buch ist eine ebenso analytische wie fesselnde Studie über Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken, die zugleich einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis des globalen Antisemitismus im 21. Jahrhundert leistet.

Das Verhältnis linker Bewegungen zum Antisemitismus ist ein polarisierendes Thema. Auch in den USA stehen nicht erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001 Bewegungen wie Occupy Wall Street, die Friedensbewegung oder pro-palästinensische Gruppen unter Antisemitismusverdacht. Häufig sind es ihre Kritik an Israel und damit verbundene Positionen und Aktionen wie Boykottaufrufe, die Anlass für hitzige Debatten in den Medien, an Universitäten oder innerhalb sozialer Bewegungen wie auch der jüdischamerikanischen Community geben.

Aufbauend auf einer empirisch-ethnografischen Studie analysiert Sina Arnold die Sichtweisen von Aktivistinnen und Aktivisten der US-amerikanischen Linken auf Jüdinnen und Juden, auf das Judentum und den Antisemitismus, aber auch auf Anschlussdiskurse wie den Holocaust, den Antirassismus, die Kapitalismuskritik, die Politik der USA sowie auf Israel und den Nahostkonflikt. Sie bettet diese Sichtweisen ein in die historische Entwicklung des Judentums und des Antisemitismus in den USA wie auch in verschiedene Epochen linker Bewegungen. Dadurch werden historische Kontinuitäten, aber auch Veränderungen linker Politik ebenso deutlich wie Paradigmenwechsel und identitäre Verhandlungen innerhalb der jüdisch-amerikanischen Community.

Die Analyse linker Antisemitismusdiskurse wirft ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft in Zeiten von ökonomischer und politischer Krise und trägt überdies zu einem Verständnis des globalen Antisemitismus im 21. Jahrhundert bei.

AutorIn/Hg.

Sina Arnold

Studium der Ethnologie, Erziehungswissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der University of Manchester. Promotion am Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin. Seit 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt Universität zu Berlin.

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Inhalt

   Einleitung    7
      Fragestellung und Forschungszugang    14

I Theoretische und historische Hintergründe

   1 Theoretische Bezüge und Forschungsstand    21
      »Neuer Antisemitismus«    21
      Antisemitismus von links    25
      Begriffsklärungen I: Antisemitismus    30
      Begriffsklärungen II: Antizionismus – Israelkritik – Kritik an israelischer Politik    34
      Zur Analyse von Antisemitismusdiskursen und ihrer Ermöglichungsbedingungen    42
      Frameanalyse und kulturelle Gelegenheitsstrukturen    47

   2 Antisemitismus in den USA – Ein historischer Überblick    55
      Diskriminierung und Dualismen: Von den britischen Kolonien zum Ersten Weltkrieg    56
      Institutionalisierung und Ideologie: Das frühe 20. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg    63
      Assimilation und Amerikanisierung: Nach dem Holocaust bis 9/11    71
      Merkmale und Ursprünge des amerikanischen Antisemitismus    80

   3 Traditionslinien linker Antisemitismusdiskurse    90
      Vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg: Die Populists    91
      Das frühe 20. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg: Die Old Left und ihre Vorläufer    96
      Nach dem Holocaust: Die New Left und ihre Nachfolger    108
      Das historische Erbe linker Antisemitismusdiskurse    140

   4 What’s left of the Left? Die US-Linke nach 9/11    142
      »Ein totales, wenn auch edles Scheitern«? – Die Wellen einer Bewegung    146
       Beschreibung einer heterogenen Bewegung    149
      Aktuelle Antisemitismusdebatten    165 

II Im Gespräch – Empirie

    5 Datenübersicht und Methodik    177
       Gruppenauswahl und -übersicht    177
       Feldzugang und Schwierigkeiten im Forschungsprozess    179
       Quellen    180
       Der Leitfragebogen    186
       Auswertung der Interviews    188

   6 Konzeptualisierungen von Antisemitismus und Juden    190
      Antisemitismus in den USA und der Welt: Ausmaß und Bewertung    190
      Definitionen und Erklärungen für Antisemitismus    200
      Antisemitische Topoi    215

   7 Anschlussdiskurse    224
       Antirassismus    224
       Holocaust und Holocaustgedenken    288
       Die USA und ihre politischen Strukturen    317
       Kapitalismuskritik    344

   8 »Different ways of being Jewish«: Jüdisch-linke Identitäten    379
       Historische Grundlagen linker und zionistischer jüdischer Identität in den USA    380
      »Perfectly happy to be a Jew« – Jüdische Selbstidentifizierung    387
       Antisemitismus- und Selbsthassvorwürfe als Angriff auf jüdische Identität    397
      »Neue Rituale des Dissens« – Das Verhandeln jüdischer Identität    402
      Zusammenfassung: Die Spezifik jüdischer Diskurse    407

   9 Schlüsse: Merkmale, Erklärungen, theoretische Implikationen    410
       Zentrale Merkmale linker Antisemitismusdiskurse in den USA    411
       Erklärungsansätze: Die Ermöglichungsbedingungen von Antisemitismusdiskursen    420
      »I’ve been very silent« – Politische Implikationen    438
       Theoretische Implikationen    441
       Jenseits der Ohnmacht: Entwicklungen und Irrwege der Linken    445

   Anhang    449
       Übersicht der Expert_inneninterviews    449
       Übersicht der Leitfadeninterviews    449
       Transkriptionsregeln    452
       Abkürzungsverzeichnis    452
       Bibliografie    454
       Danksagung    487

Leseprobe

Einleitung

»If you have not been called anti-Semitic, you are not working hard enough for justice in Palestine.« Diese Aufschrift findet sich auf einem T-Shirt, welches die Mitbegründerin der für die Gaza Freedom Flotilla bekannt gewordenen Free Gaza Movement vermarktet. Die 73-jährige US-Amerikanerin Greta Berlin ist seit den 1960er Jahren Aktivistin in propalästinensischen und linken Bewegungen. Wie ist es zu erklären, dass eine selbsternannte Streiterin für eine Gesellschaft jenseits von Rassismus und Diskriminierung stolz darauf ist, als antisemitisch bezeichnet zu werden? Welcher Antisemitismusbegriff liegt diesem Wunsch zugrunde? Von welchen Akteuren und aus welcher politischen Richtung erwartet Greta Berlin den als Kompliment begriffenen Antisemitismusvorwurf?

Die Aufschrift verweist auf das ambivalente Verhältnis, welches linke soziale Bewegungen in den USA zum Antisemitismus haben und welches Gegenstand der vorliegenden Studie ist. Sie ist auch Ausdruck grundlegender Veränderungen in den Kommunikationsbedingungen antisemitischer Stereotype seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Zu diesen gehören globale Entwicklungen, Wendepunkte in der US-amerikanischen Innen- und Außenpolitik wie auch ein ideologischer Wandel in der amerikanisch-jüdischen Community. Auf diese Veränderungen reagierte wiederum die US-Linke mit eigenen inhaltlichen Paradigmenwechseln.

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Termine

Bonn, Buchladen Le Sabot, Berliner Str. 76, 1. November 2017

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Hamburg, Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 21. September 2017

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Frankfurt, Bildungsstätte Anne Frank e. V., 11. September 2017

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