Aaron Sahr

Das Versprechen des Geldes

Eine Praxistheorie des Kredits

392 Seiten
ISBN 978-3-86854-306-3
Erschienen März 2017

Mit einem Nachwort von Heinz Bude

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Geld ist keine Ware, sondern Kredit, also ein Zahlungsversprechen, und muss als paraökonomische Struktur im Kapitalismus der Gegenwart verstanden werden.

Ein Missverständnis über den Charakter des Geldes führt zu den Schwierigkeiten der Sozialwissenschaften, die Transformationen des Kapitalismus der Gegenwart und vor allem die exponentielle Vermehrung der globalen Geldmengen in den letzten vierzig Jahren theoretisch aufzuarbeiten. Hartnäckig hält sich die Lehrmeinung, Geld sei eine besonders wertvolle Tauschware, nicht viel anders als ein Haus oder ein Automobil. Tatsächlich aber ist Geld keine Ware, sondern ein Kredit – ein Zahlungsversprechen.

Eine Theorie des Geldes muss sich deswegen empirisch mit den strukturellen Bedingungen der Kreditvergabe privater Banken auseinandersetzen. Die vorliegende Studie korrigiert den geläufigen Irrtum, private Banken würden Spareinlagen ihrer Kunden oder von der Zentralbank bereitgestellte Reserven lediglich verteilen. Tatsächlich schaffen Banken durch Kreditvergabe Guthaben, mit anderen Worten: Sie kreieren neues Geld aus dem Nichts. Das bedeutet, sie sind nicht von knappen Ressourcen und damit letztendlich auch im engeren Sinne nicht von ökonomischen Bedingungen abhängig. Alles Geld ist heute Kredit und muss deswegen als paraökonomische Struktur im Kapitalismus der Gegenwart verstanden werden.

Diese paraökonomische Verfassung des Kreditsystems fordert, die distributionslogische Perspektive zugunsten eines beziehungstheoretischen Blicks aufzugeben. Kredite sind Zahlungsversprechen, Beziehungen also, denen sowohl Gelingen als auch Scheitern inhärent sind. Zahlungsversprechen sind deswegen auf Vertrauen angewiesen, nicht als persönliche Haltung verstanden, sondern als Interdependenzen innerhalb sozialer Arrangements.

Aaron Sahr beleuchtet die Funktionsweise der Kreditpraxis als Verschränkung von Vertrauensbekundungen und Misstrauensmanifestationen und reflektiert dabei den Siegeszug von Derivaten ebenso wie die Bedeutung von Schattenbankstrukturen, die Rolle der Ratingagenturen und algorithmisierter Risikokalkulation sowie den Rückzug administrativer Regularien.

AutorIn/Hg.

Aaron Sahr

ist Philosoph und Soziologe; Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind: ökonomische und soziologische Geldtheorien, das Banken- und Kreditsystem, Praxistheorien, internationale Buchhaltungsstandards und die Strukturen und Theorien des Finanzkapitalismus.

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Inhalt

Scheine und Schulden –
Dissonanzen der Geldsoziologie (Einleitung)
    9

1 Die warentheoretische Soziologie    57
   Geld als Tauschobjekt    58
   Die Klassiker Simmel und Luhmann    68
   Spuren der Warentheorie    75
   Kaufkraft    89

2 Argumente für die Kredittheorie    95
   Das Argument der genealogischen Adäquatheit    97
   Das Argument der konstitutiven Adäquatheit    104
   Das Argument der praxeologischen Adäquatheit    109

3 Makroskopische Praxissoziologie    113
   Öffentliche Eigenschaften    115
   Zur Notwendigkeit eines makroskopischen Zugriffs    117
   Eine flache Ontologie    120
   Abgrenzungen    131

4 Vom distributiven zum kreativen Kreditverständnis    141
   Was ist Wirtschaft?    145
   Ressourcen der Kreditvergabe    160
   Das Free-Lunch-Privileg    187

5 Vertrauen und Misstrauen    197
   Islands Erwartungsklima    199
   Was bedeutet es zu vertrauen?    204
   Ein Kontext mit Prozesscharakter    211
   Erwartung der Kontinuität des Normalfalls    216
   Arrangements von Vertrauen und Misstrauen    224

6 Das Goldene Zeitalter des Kredits    231
   Vertrauensexpansion    232
   Misstrauenserosion    252
   Geld im Kontext von Vertrauen    293
   Ein Versuch über Misstrauenssubstitutionen    295
   Eine Renaissance des Misstrauens?    328

Schluss    333
   Koordinaten der Geldsoziologie    334
   Keystroke-Kapitalismus    343

Literaturverzeichnis    349

Dank    387

Heinz Bude:
Das Legitimationsdefizit des »Keystroke-Kapitalismus«
    389

Leseprobe

Den Anstoß zu den folgenden Überlegungen stiftete die gemeinsame Entwicklung der Geldmengen der OECD-Länder, die mit dem Ende des Systems von Bretton Woods 1971 einsetzt. Der Kurort Bretton Woods steht für die an dieser Stelle geschlossene Vereinbarung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs über die Gestaltung der (westlichen) Geldordnung nach 1945. Man einigte sich dort darauf, die Währungen der Teilnehmerstaaten durch feste Wechselkurse an den US-Dollar und diesen wiederum durch einen fixen Austauschkurs an Gold zu binden.

Die nationalen Notenbanken der Teilnehmerstaaten mussten Veränderungen ihrer eigenen Währungsbestände durch den An- oder Verkauf von Dollar kompensieren. Dadurch war Guthaben in Deutscher Mark (oder einer anderen Teilnehmerwährung) stets in einem fixen Verhältnis in Dollar tauschbar, und dieser Dollar wiederum konnte in eine bestimmte Goldmenge umgetauscht werden.

Alle Währungen der Bretton-Woods-Ordnung waren entweder unmittelbare (Dollar) oder mittelbare (Teilnehmerwährungen) Versprechen auf Gold. Damit war eine Ausweitung der Geldbestände (das »Drucken« neuen Papier- und Buchgeldes) durch die beschränkte Verfügbarkeit – man könnte auch sagen: die Knappheit – des Edelmetalls Gold limitiert.

Über Jahrhunderte war die Identität von Geld und Edelmetallen wie Gold fragloser Alltag. Gold- und Silbermünzen galten lange Zeit als monetäre Idealtypen, andere Formen von Geld – Banknoten beispielsweise – wurden in der Regel mit den Versprechen produziert, jederzeit in Edelmetalle überführbar zu sein. Diese langlebige und erprobte Verbindung verschwand im Sommer 1971, als der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon das Austauschversprechen von Dollar in Gold aufkündigte.

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Termine

Lüneburg, Leuphana Universität, 3. Februar 2017

Aaron Sahr: Das Versprechen des Geldes
Eine Praxistheorie des Kredits

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