Pierre Rosanvallon

Demokratische Legitimität

Unparteilichkeit – Reflexivität – Nähe

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
304 Seiten
ISBN 978-3-86854-215-8
Erschienen März 2010

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»Der Begriff des Staates vereinfacht sich«, schrieb Alexis de Tocqueville angesichts der neuen demokratischen Welt, die er heraufziehen sah. »Die bloße Zahl macht Recht und Gesetz. Die ganze Politik reduziert sich auf eine arithmetische Frage.« Pierre Rosanvallon, ein herausragender Kenner der politischen Geschichte Westeuropas und Nordamerikas, konstatiert für unsere Gegenwart jedoch genau das Gegenteil: Zwar geht nach wie vor alle demokratische Macht vom Volk aus, aber für heutige Demokratien reicht das Mehrheitsvotum und die Kompetenz der öffentlichen Verwaltung als Legitimitätsgrundlage nicht mehr aus. Vielmehr muss sie den veränderten Bedürfnissen von Gesellschaften Rechnung tragen, die zunehmend durch eine Vielfalt von Minderheiten gekennzeichnet sind, sowie durch Bürokratien, die aufgrund von Kompetenzabwanderung und New Public Management entmachtet wurden.

Vor dem Hintergrund der veränderten Erwartungshaltungen und politischen Werte entwirft Pierre Rosanvallon drei Idealformen der Legitimität: erstens, die Legitimität der Unparteilichkeit, die sich von Parteipositionen und partikularen Interessen distanziert; zweitens, die Legitimität der Reflexi vität, die plurale Ausdrucksformen des Gemeinwohls berücksichtigt; und drittens, die Legitimität der Nähe, die garantiert, dass Besonderheiten Anerkennung erfahren. Eine neue Qualität der Unabhängigkeit von Behörden und Verfassungsgerichten, aber auch die Praxis einer Regierungskunst, in der Begriffe wie Aufmerksamkeit, Fairness, Mitgefühl, Anerkennung und Respekt eine Rolle spielen, wären Ausdruck der neuen Anforderungen an die politische Legitimität. Wir leben mit diesem gesellschaftlichen Wandel und veränderten Legitimitätsgrundlagen, ohne die sozialen und politischen Zusammenhänge erkannt oder ihre Probleme und Konsequenzen klar analysiert zu haben.

Pierre Rosanvallon enthüllt ihre Triebkräfte und Implikationen und entwickelt in seiner Untersuchung über die Umbrüche der Demokratie im 21. Jahrhundert eine Geschichte und Theorie dieser »Revolution der Legitimität«.

AutorIn/Hg.

Pierre Rosanvallon

Pierre Rosanvallon ist Professor für Neuere und Neueste politische Geschichte am Collège de France und directeur de recherche an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS).

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Inhalt

Einleitung
Die Dezentrierung der Demokratien    7

I Das System der doppelten Legitimität    25
Die Fiktionen der Einsetzungslegitimität    26
Die Legitimität der Identifizierung mit der Allgemeinheit    45
Der große Umbruch    78

II Die Legitimität der Unparteilichkeit    93
Die unabhängigen Behörden: Geschichte und Probleme    94
Die Demokratie der Unparteilichkeit    108
Ist Unparteilichkeit eine Politik?    131

III Die Legitimität der Reflexivität    151
Reflexive Demokratie    152
Die Institutionen der Reflexivität    169
Warum es wichtig ist, nicht gewählt zu sein    190

IV Die Legitimität der Nähe    209
Die Achtung der Besonderheit    210
Die Politik der Präsenz    230
Die Demokratie der Interaktion    250

Schluss
Die Demokratie der Aneignung    271

Bibliografie    282

 
Originalausgabe La légitimité démocratique. Impartialité, réflexivité, proximité: Éditions du Seuil, 2008