Jay Winter/Mary R. Habeck/Geoffrey Parker (Hg.)

Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert

Aus dem Englischen von Ilse Utz
352 Seiten
ISBN 978-3-930908-76-9
Erschienen März 2002

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Die Geschichte des 20. Jahrhunderts erklärt sich in vielerlei Hinsicht durch den Ersten Weltkrieg und die mit ihm verbundene historische Zäsur. So hätte es ohne den Ersten Weltkrieg wohl keine russische Revolution und keinen italienischen Faschismus, gewiß aber keinen Stalin oder Hitler gegeben.

Die Folgen dieses Krieges gingen erst mit der 1989 beginnenden Auflösung des Ost-West-Gegensatzes zu Ende.

Was aber machte den Ersten Weltkrieg zu einer historischen Zäsur? Welches waren die Faktoren, die sich als prägend für die kommenden Jahrzehnte erweisen sollten? Warum hatten sie so verhängnisvolle Auswirkungen, daß der Krieg mit dem Attribut der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« gekennzeichnet wurde? Diese Fragen sind nicht neu, doch zeigen die Autoren, daß der Blick auf die Gesamtheit der Entwicklung im 20. Jahrhundert Antworten möglich macht, die sich von früheren unterscheiden. Ausgehend von grundlegenden Reflexionen zur Bedeutung des Ersten Weltkriegs befassen sich die Autoren mit der häufig vernachlässigten Rolle Rußlands in diesem Krieg sowie mit der Bündnispolitik der Kriegsparteien, die in ihren Zielen, Spannungen und Widersprüchen dargestellt werden.

Im zweiten Teil konzentrieren sie sich auf unterschiedliche, jeweils im länderspezifischen Vergleich untersuchte Aspekte des modernen industrialisierten Krieges, angefangen von der Massenmobilisierung in den beteiligten Staaten bis hin zur Funktion der Kriegsökonomien und den Versuchen einer weitgehenden Einbeziehung der Arbeiterschaft in die Heimatfront. Wie ein roter Faden durchzieht die Ausführungen das wesentliche Merkmal, das den Krieg von allen bisherigen unterschied und das als Kampf um Ideale und Ideologien zu beschreiben ist. Zivilisation kämpfte gegen Kultur, Gut gegen Böse, ein Einlenken kam für beide Seiten nicht in Betracht. Zusammen mit den destruktiven Potentialen des technischen Fortschritts gab diese Unbedingtheit dem Krieg ein Gepräge, das zum Grundmuster künftiger Konflikte werden sollte.

Den enttäuschten Hoffnungen, den verschiedenen Arten ihrer Verarbeitung, ihres Gebrauchs und Mißbrauchs wenden sich die Autoren im dritten Teil zu. Im Ergebnis, so wird anhand von zahlreichen Beispielen deutlich, versagten beide Seiten. Die Siegermächte, indem sie mit dem Sieg nichts anzufangen wußten, einen mit hehren Ansprüchen gesättigten und auch darum untauglichen Völkerbund kreierten und ansonsten ihren alten machtpolitischen Kalkülen verhaftet blieben. Und Deutschland versagte, indem es die Niederlage nicht als Chance eines Neuanfangs begriff, sondern sich statt dessen in Halbwahrheiten, Mythen und Lügen flüchtete.

Nach einem modernen Krieg wie dem Ersten Weltkrieg kann es auf Dauer keine Sieger und Besiegten geben. Um der eigenen Existenz willen sind beide Seiten gezwungen, die Lehren aus der vorangegangenen zivilisatorischen Katastrophe zu ziehen.

AutorIn/Hg.

Jay Winter

ist Professor für neuere Geschichte und Fellow am Pembroke College der Universität Cambridge.

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Mary R. Habeck

ist Lehrbeauftragte für Geschichte an der Yale University.

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Geoffrey Parker

Prof. Dr., Professor für Geschichte an der Ohio State University.

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Inhalt

 

Enthaltene Beiträge
 

Jay Winter/Geoffrey Parker/Mary R. Habeck
Einleitung


Michael Sir Howard
Der Erste Weltkrieg - eine Neubetrachtung


William C. Fuller Jr
Die Ostfront


David Stevenson
Die Politik der beiden Bündnisse


Mary R. Habeck
Die Technik im Ersten Weltkrieg – von unten gesehen


Leonard V. Smith
Erzählung und Identität an der Front oder »Die Theorie und die armen Teufel von der Infanterie«


Gerald Feldman
Die Mobilisierung der Volkswirtschaften für den Krieg


John Horne
Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg


A. S. Kanya-Forstner
Krieg, Imperialismus und Entkolonisierung


Zara Steiner
Krieg, Frieden und das internationale Staatensystem


Holger H. Herwig
Von Menschen und Mythen — Gebrauch und Mißbrauch der Geschichte und des Ersten Weltkrieges


Modris Eksteins
Das kulturelle Vermächtnis des Ersten Weltkrieges


 
Originalausgabe The Great War and the Twentieth Century: New Haven: Yale University Press 2000