Jeffrey Verhey

Der »Geist von 1914« und die Erfindung der Volksgemeinschaft

Aus dem Englischen von Edith Nerke/Jürgen Bauer
416 Seiten
ISBN 978-3-86854-622-4
Erschienen Juni 2014
Erstausgabe 2000

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Daß es »Russenköpfe regnen und Franzosenköpfe schneien« möge, war im Herbst 1914 in Deutschland ein Wunsch, der, ebenso wie die Begrüßung »Gott strafe England« und die Erwiderung »Er strafe es«, zur Alltagssprache gehörte. Das Feindbild war klar und die Einheit der Deutschen, wie es schien, unerschütterlich. Hatte es doch zu Beginn des Krieges zahlreiche Begeisterungskundgebungen gegeben, die bisweilen die Grenze zur Hysterie und Ekstase streiften. Deutschland sei, so heißt es noch bis heute, wie erlöst von der Aussicht gewesen, sich nun endlich der Mißgunst und Angriffe des Auslands erwehren zu dürfen. Und in der Tat herrschte eine große Kriegsbegeisterung, allerdings war sie nicht die alleinige, ja nicht einmal die vorherrschende Reaktion auf die deutsche Kriegserklärung. Stärker verbreitet waren, insbesondere in den kleineren Städten und auf dem Land, das Gefühl der Unruhe, der Angst und sogar der Panik. Woher rührt dann aber das tradierte Bild vom »Augusterlebnis«? Was verbirgt sich hinter diesem Bild und wofür steht es?

Jeffrey Verhey weist nach, daß schon bald nach Kriegsbeginn auch nur entfernt kritische Stimmen unterdrückt und ein »Geist von 1914« beschworen wurde, der den Kriegszielen förderlich war: Wie im August 1914 bedürfe es, so die Propaganda, einer festen Gemeinschaft und großer Entschlossenheit, um den deutschen Sieg zu sichern.

Es war keineswegs nur das Militär oder die politische Rechte, die sich mit der Forderung »Zurück zum Geist von 1914« eines nach den eigenen Bedürfnissen geschaffenen Narrativs bedienten. Auch liberale und linke Parteien trugen zum Mythos von der im »Augusterlebnis« zutage getretenen nationalen Einheit bei, indem sie sich – den Zeitgeist und die eigene politische Anerkennung fest im Blick – auf die Einheit beriefen und als Beleg für die Notwendigkeit von Reformen im mündig gewordenen Deutschland interpretierten. Durchzusetzen vermochten sie sich mit dieser Sichtweise gleichwohl nicht, wie der Autor unter Auswertung einer Fülle von Material zeigt. Erfolgreicher waren hier konservativ-reaktionäre Kräfte, die angesichts der drohenden Niederlage an diesen »Geist« appellierten, nunmehr verstanden als Manifestation der Volksgemeinschaft, als Metapher eines unbedingten und darum erfolgreichen Siegeswillens. Auf welche Resonanz dieser Appell trotz der Niederlage stieß, machte dann die Bereitschaft deutlich, mit der man in Deutschland der Dolchstoßlegende Glauben schenkte und daraus die Lehre zog, nur die Einheit von innerer und äußerer Front gewährleiste den Sieg. Was im August 1914 als Versuch einer Sozialintegration begonnen hatte, war nun zur Legitimation der Notwendigkeit einer Frontgemeinschaft geworden. Für den nächsten Krieg war damit, wenn nicht die Kriegsbegeisterung, so doch die konsensuale, rechtliche und humanitäre Beschränkungen weitgehend ignorierende Kriegsentschlossenheit programmiert.

AutorIn/Hg.

Jeffrey Verhey

Dr. phil., 1961 in den USA geboren, arbeitet zur Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. Er war Lehrbeauftragter an der Universität von Kalifornien und der Freien Universität Berlin und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zur Geschichte des Ersten Weltkriegs und zur Propagandageschichte.

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Inhalt

Einleitung   9

Die öffentliche Meinung in Deutschland im Juli 1914   28
   Zeitungen als Quelle zur Untersuchung der öffentlichen Meinung   31
   Massenpsychologie und die Analyse der Menschenansammlungen von 1914   45

Die Manifestation der Massen   53
   Massen in Berlin am 25. Juli 1914   54
   Menschenansammlungen in Deutschland (außerhalb Berlins) am 25. Juli 1914   65
   Begeisterte und neugierige Massen in Deutschland von Sonntag, 26. Juli
   bis Donnerstag, 30. Juli 1914   71
   Panische Massen   86
   Massen gegen den Krieg   94

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Kriegsausbruch   106
   Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Erklärung des
   »Zustands drohender Kriegsgefahr« am 31. Juli   106
   Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Mobilmachung am 1. August   116

Das »Augusterlebnis«   129
   Neugierige Massen   130
   Karnevaleske Massen   144
   Panische und depressive Massen   155
   Erscheinungsformen der Kriegsbegeisterung:
   Freiwillige, einrückende Soldaten und Siegesfeiern   167

Der »Geist von 1914« in den ersten Interpretationen zur Bedeutung des Krieges   194
   Die »Große Zeit« oder das Melodram des »Augusterlebnisses«   197
   Die »Ideen« von 1914   211
   Die Entstehung des »Mythos« vom »Geist von 1914«   224

Die Organisation von Begeisterung:
Das offizielle Narrativ des »Geistes von 1914«   227
   Die Bedeutung des »Geistes von 1914« für die Zensur   236
   Die Neuorientierung   244
   Propaganda im Dienst der nationalen Einheit   249

Der »Geist von 1914« in der Rhetorik der politischen Parteien   261
   Die Abstimmung im Reichstag am 4. August: Die Geburt des Burgfriedens   261
   Für eine zivile Gesellschaft: Die Versuche der Liberalen,
   den Stil der politischen Rhetorik zu verbessern   267
   Die »Politik des 4. August« und die Reform des preußisches Wahlrechts   275
   Das konservative Bild des »Geistes von 1914«   288
   Die Deutsche Vaterlandspartei   296

Die Entwicklung des Mythos vom »Geist von 1914« in der deutschen Propaganda   307
   Die Vorstellung der Militärs vom »totalen Krieg«   308
   Der »Geist von 1914« in der deutschen Propaganda 1916-1918   317
   Der »Geist von 1914« in der Revolution von 1918   329

Der »Geist von 1914« in der Zeit von 1919 bis 1945   335
   Erinnerung und Gedenken an das »Augusterlebnis« in den zwanziger Jahren   336
   Die Volksgemeinschaft   346
   Die Dolchstoßlegende   355
   Der »Geist von 1914« im Nationalsozialismus   362
   Das Ende des Mythos vom »Geist von 1914«   369

Der Mythos vom »Geist von 1914« in der politischen Kultur Deutschlands, 1914-1945   374

Abkürzungsverzeichnis   385
Quellen und Literatur   386