Alain Supiot

Der Geist von Philadelphia

Soziale Gerechtigkeit in Zeiten entgrenzter Märkte

Aus dem Französischen von Ilse Utz
143 Seiten
ISBN 978-3-86854-231-8
Erschienen März 2011

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Allgemeiner und dauerhafter Frieden kann nur auf sozialer Gerechtigkeit und der Sicherung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen aufgebaut werden. So wurde es in der Erklärung von Philadelphia vom 10. Mai 1944 formuliert, die bis heute als Gründungsdokument moderner Sozialstaatlichkeit gilt. Entstanden als Abschluss einer Konferenz der Internationalen Arbeitsorganisation, die heute im Auftrag der Vereinten Nationen arbeitsrechtliche Standards entwickelt, prägte der Geist dieser Erklärung das wenige Wochen später verabschiedete Abkommen von Bretton Woods, im Jahr darauf die Gründung der Vereinten Nationen und schließlich, im Jahr 1948, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Was ist heute aus diesen Einsichten geworden? Sie sind, schreibt der renommierte Arbeitsrechtler Alain Supiot, in den vergangenen Dekaden auf dem Altar der Doktrin vom entgrenzten Markt geopfert worden. Der gegenwärtige neoliberale Globalisierungsprozess, in dem das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit systematisch den ökonomischen Anforderungen des Marktes unterworfen wird, ist eine Pervertierung der Erklärung von Philadelphia. Der blinde Glaube an die Unfehlbarkeit der Finanzmärkte hat das Streben nach sozialem Ausgleich und nach gerechter Verteilung des Reichtums verdrängt. Und die gegenwärtige Finanzkrise hat keineswegs zur »Rückkehr des Staates«, sondern zur Privatisierung seiner Aufgaben auf Kosten der Mehrheit geführt. Die zahllosen Verlierer der neuen Wirtschaftsordnung sind zu Migration und einem Leben in Armut und Unsicherheit verurteilt. Daraus ergibt sich für Supiot die Forderung nach einer sozialen Gerechtigkeit, die an fünf lange unterdrückte Tugenden appelliert: an den Sinn für Grenzen, an Zurückhaltung, angemessenes Handeln, Verantwortung und Solidarität.

Supiot plädiert vor diesem Hintergrund für eine an die Umstände der Gegenwart angepasste Rückbesinnung und Erneuerung der Werte der Erklärung von Philadelphia.

AutorIn/Hg.

Alain Supiot

Professor für Sozialrecht und Rechtsvergleich an der Universität Nantes, Direktor des Institut d´études avancées in Nantes und Mitglied des Institut universitaire de France. Als ausgewiesener Experte in den Bereichen Arbeitsrecht, Sozialpolitik und den sozialen Aspekten der Globalisierung überschreitet er in seiner Publikationstätigkeit immer wieder die Grenzen zur Rechtsphilosophie und beschäftigt sich vor allem in jüngerer Zeit zunehmend mit Fragen der anthropologischen Grundlagen des Rechts.

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Inhalt

Einleitung   9

Erster Teil Die große Kehrtwende    23

   I Die Vermählung von Kommunismus und Kapitalismus    25
   II Die Privatisierung des Wohlfahrtsstaats    37
   III Der totale Markt    47
   IV Die Trugbilder der Quantifizierung    59

Zweiter Teil Die Aktualität sozialer Gerechtigkeit    71

   V Die Kunst, Grenzen zu ziehen    77
   VI Der Sinn für das rechte Maß    89
   VII Die Handlungsfähigkeit    100
   VIII Die Pflicht zur Verantwortung    111
   IX Die Netze der Solidarität    121

Anhang
Erklärung über die Ziele und Zwecke der Internationalen Arbeitsorganisation, Philadelphia, 10. Mai 1944    133

Bibliografie    136

 
Originalausgabe L'esprit de Philadelphie : La justice sociale face au marché total: Éditions du Seuil