Peter Waldmann

Der konservative Impuls

Wandel als Verlusterfahrung

348 Seiten
ISBN 978-3-86854-307-0
Erschienen März 2017

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Radikaler Wandel löst häufig Angst aus und wird abgelehnt. Aber der Rückgriff auf Vertrautes und Bewährtes kann eine Entwicklungsdynamik auch fördern und zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen werden.

Wie gehen Menschen mit einschneidenden Veränderungen um? Wie werden z. B. Tod und Trauer, Exil und der Verlust der Heimat, aber auch Hyperinflationen, Revolutionen oder sozioökonomische Entwicklungssprünge sowohl individuell als auch gesellschaftspolitisch wahrgenommen und bewältigt?

Peter Waldmann geht davon aus, dass Situationen radikalen Wandels, die überkommene Strukturen prinzipiell infrage stellen, häufig Verlustängste auslösen und ein Festhalten an Altem und Vertrautem zur Folge haben – viele Menschen geben sich, in solche Ereignisse involviert, dem »konservativen Impuls« hin, sie sehen sich als künftige Modernisierungsverlierer. In anderen Bevölkerungskreisen stoßen die Veränderungen jedoch auf Beifall und wecken Hoffnungen auf eine verheißungsvolle Zukunft. Die Gesellschaft spaltet sich in gegensätzliche Lager.

Die Untersuchung des bekannten Soziologen bezieht sich auf die jüngste Neuzeit und handelt von Fällen individuellen und rapiden sozioökonomischen Wandels sowie politischer Umbrüche an der europäischen Peripherie als auch in Lateinamerika, im Mittleren Osten und in Ostasien. An neun idealtypischen Beispielen vermisster die Stärke des konservativen Impulses. Denn je nach Zeitpunkt, Kontext und Kräfteverhältnis können Äußerungen und Triebkräfte des konservativen Impulses nicht nur die Entwicklungsdynamik bremsen, sondern dieser auch förderlich sein oder sogar zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen werden.

Disruptiver Wandel löst folglich regelmäßig gegensätzliche Reaktionen aus: einerseits das verzweifelte, letztlich vergebliche Festhalten an der Vergangenheit, andererseits, angesichts der Notwendigkeit, sich auf die neue Situation einzustellen, das Bemühen, dieser gerecht zu werden. Das Abarbeiten der Spannung zwischen diesen beiden Polen ist eine Voraussetzung dafür, dass die Betroffenen in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben. Der konservative Impuls ist, so Waldmanns Fazit, eine hochambivalente Größe.

AutorIn/Hg.

Peter Waldmann

ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Augsburg. Von 1997 bis 2005 war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er war als Gastprofessor in Buenos Aires und Cordoba (Argentinien), Santiago de Chile, Madrid, San Sebastian und Sevilla, in Bern und Harvard tätig.

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Inhalt

Einleitung   9

I   Individuelle Verlusterfahrungen   33
    Tod und Trauer   35
    Exil und Diaspora   48
    Die Infragestellung der Geldwertillusion: Hyperinflation   65

    Zwischenbilanz 1   80

II  Verlust politischer Stabilität:
     Revolution und Reaktion
  87
     Die Französische Revolution von 1789 und ihre Folgen   89
     Spaniens gewundener Weg zur Demokratie    110
     Eine konservative Revolution: Iran 1979   136

     Zwischenbilanz 2    164

III Alles gerät in Bewegung:
     Prozesse nachholender Entwicklung
  171
     Südkoreas Sprung zur industriellen Exportnation   173
     Auf der Schwelle stehengeblieben: Argentinien   192
     Widerwillig, gleichwohl  erfolgreich:
     Modernisierung im Baskenland   225

     Zwischenbilanz 3   246

IV  Verluste und Gegenreaktionen:
     der konservative Impuls im Kontext
   257

V   Theoretische Verortung    299
     Literatur   332
     Abbildungen   346
     Dank   347

Leseprobe

Das sich fortschrittlich gebende Neue, das auf sämtliche Nachzüglergesellschaften einstürmt, sind stets dieselben »Errungenschaften« der Moderne: die jüngsten Produkte des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts, die eine Steigerung der Lebensqualität versprechen, weniger soziale Ungleichheit und mehr soziale Gerechtigkeit als Normen im gesellschaftlichen Bereich sowie demokratische Partizipation und Beachtung der Menschenrechte als Norm im politischen.

Wie weit und in welcher Form diese Zielvorstellungen umgesetzt werden, welche Chance sie haben, zu allgemein akzeptierten Orientierungswerten und Verhaltensmustern zu werden, hängt neben äußeren Gegebenheiten, vor allem den jeweiligen wirtschaftlichen Ressourcen, in starkem Maße von den gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen und dem Selbstverständnis der etablierten Gruppen ab.

In der kooperativen oder konfliktiven Interaktion zwischen den Protagonisten von Neuerungen und den Vertretern traditioneller Werte und Machtpositionen entscheidet sich, welche Funktion dem konservativen Impuls in Bezug auf die Prozesse des Wandels jeweils zukommt.

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Termine

Augsburg, Universität Augsburg, 10. Juli 2017

Peter Waldmann: Der konservative Impuls
Wandel als Verlusterfahrung

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