Elizabeth Harvey

„Der Osten braucht dich!“

Frauen und nationalsozialistische Germanisierungspolitik

Aus dem Englischen von Paula Bradish
479 Seiten, mit 35 Abb.
ISBN 978-3-86854-218-9
Erschienen März 2010

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»Harvey zeigt sehr anschaulich das selbstgefällige, herrschaftliche Auftreten der reichsdeutschen Besatzerinnen, die sich Kultur und Land buchstäblich aneigneten.« Elissa Mailänder Koslov, sehepunkte

Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 boten Kampagnen zum »Schutz des Deutschtums« im ländlichen Osten Deutschlands jungen Frauen ein Betätigungsfeld als sogenannte Grenzlandaktivistinnen: Sie sollten helfen, ein Bollwerk gegen slawische und jüdische Fremde aufzubauen. Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 wurden deutsche Mädchen und Frauen aus dem »Altreich« für soziale und erzieherische Aufgaben für den »deutschen Osten« rekrutiert.

BDM-Führerinnen, Teilnehmerinnen am Arbeitsdienst für die weibliche Jugend oder Studentinnen im Ferieneinsatz sollten ihren spezifisch weiblichen Beitrag zum rassenpolitischen Umbau der besetzten Gebiete leisten, vor allem durch Kontrolle und Indoktrination der »volksdeutschen« Umsiedler im Sinne der nationalsozialistischen Volkstumspolitik. Als vermeintlich naturgemäße Hüterinnen von deutscher Ordnung, Hygiene und Tradition war es ihre Aufgabe, Kindergärten und Schulen für deutsche Kinder einzurichten, als »Ansiedlerbetreuerinnen« volksdeutsche Familien in Haushaltsführung und Kinderpflege zu unterweisen und Dorffeste oder Versammlungen zu organisieren, um so einen »volksdeutschen Gemeinschaftsgeist « zu wecken. 

Elizabeth Harvey rekonstruiert die Rolle von Frauen und Mädchen im Besatzungsalltag und in der deutschen Expansionspolitik und lotet deren Motive und Handlungsspielräume aus. Dazu wertet sie Arbeitsberichte und NS-Veröffentlichungen ebenso aus wie Briefe und Tagebücher und ihre eigenen Interviews mit Frauen, die im besetzten Polen tätig waren. Aus Überzeugung, Karrierebestrebungen, Geltungsbedürfnis, Abenteuerlust, Neugier oder einfach nur, weil sie der Enge der Familie entkommen wollten, beteiligten sich diese Frauen an einer Politik, die die Deutschen als »zukünftige Herren im Osten« sah. Zu ihren »weiblichen« und vermeintlich unpolitischen Tätigkeiten zählte auch die Herrichtung von Häusern für »Volksdeutsche« unmittelbar nach der Vertreibung der polnischen Bewohner durch die SS, die Disziplinierung von »Eingedeutschten«, die hartnäckig weiter mit den polnischen Nachbarn freundschaftliche Beziehungen pflegten, oder das Requirieren von Hausrat aus geraubten jüdischen Beständen für deutsche Umsiedler. 

Insbesondere die von Harvey geführten Interviews machen deutlich, wie unterschiedlich das Engagement von Frauen im Rahmen der mit Versklavung und Vernichtung einhergehenden Mission der rassenpolitischen »Neuordnung« Osteuropas sein konnte. Diese Gespräche geben auch Aufschluss darüber, wie die beteiligten Frauen sich heute an ihre damalige Tätigkeit, an ihre Beweggründe und Wahrnehmung, an Deutungsmuster erinnern, aber auch über die blinden Flecken in ihrer Erinnerung. 

Harveys Studie vermittelt auf intellektuell anregende Weise neue Erkenntnisse sowohl über die Strukturen und Mentalitäten der Besatzungsgesellschaft im Osten als auch über die häufig unterschätzte Bedeutung der Mitwirkung von deutschen Frauen am nationalsozialistischen Unrechtsstaat. 

AutorIn/Hg.

Elizabeth Harvey

Dr. phil., Professorin für Geschichte an der University of Nottingham. Sie forscht und veröffentlicht zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, insbesondere zu Fragen der gender history. Gegenwärtig untersucht sie aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte den politischen Tourismus in Europa während des Zweiten Weltkriegs.

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Inhalt

Einleitung
Frauen, »Deutschtum« und Nationalsozialismus   7

»Gegen die polnische Gefahr«
Deutsche Frauen und die »Grenzlandarbeit« 1919-1939   45

Die Anwerbekampagne
»Weibliche Aufgaben« und Eindeutschungspolitik im besetzten Polen    94

»Unheimliche Weite« oder »deutsche Heimat«?
Vorstellung vom »Osten« bei deutschen Frauen   157

Mütterlichkeit und Herrentum
Siedlerbetreuung in den eingegliederten Gebieten   198

Die nächste Generation formen
Dorfschullehrerinnen im »Reichsgau Wartheland«   262

Kinderbetreuung und Kolonisation
Kindergärten im Generalgouvernement   319

»Auf dem Vulkan aufgebaut«
Die Ausbildung von Dorfberaterinnen im Kreis Zamosc   366

Den Osten hinter sich lassen   398

Schluss   413

 

Danksagung   423

Karten 426

Biografische Angaben zu den inverviewten Frauen   433

Abkürzungsverzeichnis   436

Quellen- und Literaturverzeichnis   437

Register   463

 
Originalausgabe Women and the Nazi East: Agents and Witnesses of Germanization: Yale University Press, 2003