John Horne/Alan Kramer

Deutsche Kriegsgreuel 1914

Die umstrittene Wahrheit

Aus dem Englischen von Udo Rennert
741 Seiten, 41 Abbildungen, 3 Tabellen, 3 Schaubilder und 8 Karten
ISBN 978-3-86854-585-2
Erschienen September 2014

Zum Buch

Haben deutsche Soldaten in den ersten Kriegsmonaten 1914 Tausende von unbewaffneten Zivilisten in Belgien und Nordfrankreich getötet und verstümmelt, ganze Dörfer in Brand gesetzt sowie bedeutende Kulturdenkmäler vorsätzlich zerstört?

Oder waren Berichte über solche Greueltaten ein Produkt der alliierten Propaganda und der Versuch von heimtückischen Angriffen illegaler Kombattanten auf die deutschen Truppen abzulenken?

Anhand der Auswertung umfangreicher Archivquellen aus acht Ländern beantworten die Dubliner Historiker John Horne und Alan Kramer diese Fragen. Sie stützen sich auf Militärakten, Tagebücher deutscher Soldaten und Aussagen alliierter Zivilisten, zeichnen den Ablauf der deutschen Invasion präzise nach und belegen die Tötung von mehr als 6000 belgischen und französischen Zivilisten durch die vorrückenden deutschen Truppen. Doch nicht nur die Ereignisse von 1914 selbst, sondern auch die Entstehung konträrer Darstellungen, Deutungen und Mythen der Kriegsgegner werden vergleichend rekonstruiert und analysiert.

Bereits im Vorfeld der Invasion führten die militärischen Rahmenbedingungen und die im deutschen Militär vorherrschenden Mentalitäten und Feindbilder zur Angst der deutschen Soldaten vor Franktireurs. Die Deutschen sahen sich als Opfer eines, so die offizielle Position, illegalen »Volkskriegs«, bei dem auch Priester, Frauen und sogar Kinder deutsche Soldaten angriffen und Verwundete verstümmelten. Tatsächlich gab es höchstens vereinzelte Übergriffe von belgischen und französischen Zivilisten; viel häufiger führten etwa »friendly fire« oder Nervosität dazu, daß die vom »Franktireurmythos« erfaßten deutschen Soldaten brutal Vergeltung übten.

Ebenso sorgfältig recherchieren und analysieren die Autoren das rasche Aufkommen entsprechender Gegenmythen auf seiten der Alliierten – schreckliche Teutonen, die Unschuldige töten, Frauen und Mädchen schänden und Kulturdenkmäler wie die Bibliothek von Löwen zerstören. Alan Kramer und John Horne weisen nach, daß die Regierungen der alliierten Länder Berichte der Vertriebenen über Greueltaten wie die Legende der Kinder mit den abgehackten Händen als Sinnbild der deutschen »Schrecklichkeit«, in einer bis dahin einmaligen Propagandakampagne um die Meinung der neutralen Staaten nutzten. Diese »Schlacht« um die Deutung der Invasionsereignisse überdauerte den Krieg um Jahrzehnte und wurde nicht nur in offiziellen Untersuchungsberichten, bei den Kriegsverbrecherprozessen und Friedensverhandlungen ausgetragen, sondern erfaßte auch den Intellektuellendiskurs und weite Teile der Nachkriegsgesellschaften in den beteiligten Ländern.

Im letzten Teil dieser preisgekrönten Studie betrachten die Autoren diese von den Kriegskontrahenten geführten Auseinandersetzungen, die damit verknüpften Erinnerungskulturen und deren Einfluß auf die Weltpolitik der Nachkriegszeit. Ihre Einschätzungen zu möglichen Kontinuitäten in der deutschen Militärtradition und deren radikalisierte Fortsetzung in der nationalsozialistischen Kriegführung im Zweiten Weltkrieg sind angesichts aktueller Debatten um das Kriegs- und Völkerrecht von nicht nur historischer Relevanz.

Fraenkel-Preis 2000 des London Institute of Contemporary History and Wiener Library (»für ein hervorragendes Manuskript zur Geschichte des 20. Jahrhunderts«)

The Western Front Association United States Branch: Norman B. Tomlinson, Jr. Prize 2002 (awarded annually for the best work of history in English on the World War One Era)

AutorIn/Hg.

John Horne

geb. 1949, ist Professor und Fellow am Trinity College, Dublin. Er lehrt neuere europäische Geschichte mit Schwerpunkt französische Geschichte.

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Alan Kramer

Prof. Dr. phil., geb. 1954, Lehrstuhl für europäische Geschichte am Trinity College Dublin. Forschungen und Veröffentlichungen zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte nach 1945, und zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte vor allem in der Zeit des Ersten Weltkriegs.

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Inhalt

Einleitung   9

Teil I Invasion 1914   17

1. Deutsche Invasion, Teil 1   19
Der Schock von Lüttich   21
Die 1. und die 2. Armee auf dem Marsch zur französischen Grenze   42
Die Zerstörung Löwens   65
Die 3. Armee und Dinant   72
2. Deutsche Invasion, Teil 2   89
Die Ardennenschlacht   89
Die Deutschen im Département Meurthe-et-Moselle   99
Bis zur Marne und zurück: September/Oktober 1914   110
Das Muster deutscher militärischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung   120
Vergleiche   126

Teil II Krieg der Illusionen? »Franktireurs« und »deutsche Greuel« 1914   137

3. Das deutsche Heer und der Mythos der Franktireurs 1914   139
Begriffe und Präzedenzfälle   139
Der Mythenkomplex des »Franktireurkriegs«   145
Die militärische Lage und die Angst vor Franktireurs   173
Die innere Dynamik der Franktireurfurcht   198
4. Erinnerungen, Mentalitäten und die deutsche Reaktion auf den »Franktireurkrieg«   211
Erinnerungen an 1870 und das Kriegsrecht   211
Deutscher Nationalismus: Externalisierung des inneren Feindes   231
Eine deutsche Art der Kriegführung? Reaktionen auf den »Franktireurkrieg«   243
5. Die Alliierten und die »deutschen Greuel«, August–Oktober 1914   260
Flüchtlinge, Soldaten und die »Invasionsangst« der Alliierten 1914   260
Alliierte Erzählungen von Opfertum   276
Vergewaltigung, Verstümmelung und abgehackte Hände   290
Die Darstellung der »deutschen Greuel«: Die Rolle der Presse   304
Erinnerungen, Mentalitäten und die Konstruktion »deutscher Greuel«   315

Teil III Der Krieg der Worte, 1914–1918: Deutsche Greuel und die Bedeutungen des Krieges   333

6. Der Kampf der amtlichen Berichte und das Tribunal der Weltöffentlichkeit   335
Der Kampf der amtlichen Berichte: Die Beschuldigungen der Alliierten   335
Der deutsche Gegenangriff: Das »Weißbuch«   349
Die belgische Erwiderung: Das »Graubuch« und Fernand van Langenhove   363
Neutrale Zeugenschaft und das Tribunal der Weltöffentlichkeit   366
7. »Wahrheitsgemeinschaften« und die »Greuel«-Frage   386
Sozialisten   386
Katholiken   392
Intellektuelle   408
8. Kriegskulturen und feindliche Greuel   429
Kriegskulturen und der unversöhnliche Feind   430
Kriegskulturen und nationales Märtyrertum   445
Das Festhalten an der Bedeutung von 1914   466

Teil IV Der unmögliche Konsens: Deutsche Greuel und Kriegserinnerungen nach 1918   479

9. Die moralische Abrechnung: Versailles und die Kriegsverbrecherprozesse   481
Versailles   482
Die Kriegsverbrecherprozesse vor dem Leipziger Reichsgericht 1921   506
Kriegskulturen nach dem Krieg   520
10. Deutsche Greuel und die Politik der Erinnerung   538
Die pazifistische Wende: Deutsche Greuel als alliierte Propaganda   538
Locarno und die Politik der Erinnerung   552
Der Zweite Weltkrieg und danach   589
Abschließende Bemerkungen und Perspektiven auf die Gewalt in der neueren Geschichte   618

Anhang 635
(1) Deutsche Kriegsgreuel 1914: Zwischenfälle mit zehn oder mehr getöteten Zivilisten   636
(2) Abkommen betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges – Haager Landkriegsordnung (1907), Auszug   653
(3) Der Friedensvertrag von Versailles, Artikel 227–230    655
(4) Alliierte Forderungen nach einer Auslieferung von Kriegsverbrechern 1920   656
Abkürzungen   660
Militärische Terminologie   661
Orte und geographische Merkmale   661
Verzeichnis der Karten, Schaubilder und der Tabelle   662
Bibliographie   663
Danksagung   710
Register   713

 
Originalausgabe German Atrocities, 1914: A History of Denial: New Haven: Yale University Press 2001