Wolfgang Kraushaar

Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus

300 Seiten, 31 Abb.
ISBN 978-3-936096-53-8
Erschienen Juli 2005

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Nicht die Rote Armee Fraktion war die erste Gruppierung, die in den Untergrund ging, sondern eine, die sich nach südamerikanischem Vorbild Tupamaros nannte – die Tupamaros West-Berlin. Sie plazierten am 9.November 1969 eine Bombe, die von einem Agent provocateur des Verfassungsschutzes stammte und im Jüdischen Gemeindehaus während einer Gedenkveranstaltung explodieren sollte.

Am Jahrestag des Nazi-Pogroms wollten sie für ein Fanal sorgen. Die Bombe versagte zwar, der Schock jedoch saß tief. NS-Überlebende hätten erneut Opfer werden sollen – diesmal durch die Kinder der Täter-Generation. Was bei der Olympiade 1972 in München mit dem blutigen Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft schließlich traurige Wirklichkeit wurde, fand hier bereits seinen Auftakt.

- Wer hat am 9. November 1969 diese Bombe gelegt?
- Gab es Auftraggeber?
- Was ist aus dem Bombenleger geworden?

Die Spuren, die über Jahrzehnte hinweg verblaßt und darüber hinaus absichtlich verwischt worden sind, können mehr als nur neu gelesen werden – diesmal, 35 Jahre danach, können sie entziffert werden.

Die Tupamaros West-Berlin waren ein Produkt jener linksradikalen Subkultur, die aus einer orientierungslos gewordenen 68er-Bewegung hervorgegangen war und seit dem Herbst 1969 West-Berlin mit einer Serie von Bombenanschlägen überzog. Im Vordergrund standen nicht nur Angriffe auf Justizangehörige, Richter und Staatsanwälte. Auch israelische und jüdische Einrichtungen wurden zu erklärten Zielscheiben. Den Protagonisten der Tupamaros West-Berlin ging es darum, den Vietnamkrieg durch den Nahostkonflikt zu ersetzen und den Guerillakampf in das Land der NS-Täter zu holen. Indem Jüdische Gemeinden zu »Agenturen des zionistischen Staates Israel« erklärt wurden, gehörten sie plötzlich zu einer »Kampfzone«, bei deren Eröffnung es angeblich um die Solidarität mit den Palästinensern gehen sollte.

AutorIn/Hg.

Wolfgang Kraushaar

Dr. phil., Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Arbeitsschwerpunkt: Protestbewegungen in der Zeit des Kalten Krieges. Gastprofessuren an der Freien Universität in Berlin, an der Bejing Normal University und an der Eidgenössischen technischen Hochschule, Zürich

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Inhalt

Einleitung    7

I. Die Überdeterminierung eines historischen Datums: Der 9. November in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts    19
II. Die Gedenkveranstaltung vom 9. November 1969    22
III. Der Bombenfund am 10. November 1969    29
IV. Die Veranstaltung »Palästina – ein neues Vietnam?«    40
V. Das Bekenner-Flugblatt »Schalom + Napalm«    46
VI. Die Razzia im Republikanischen Club    49
VII. Das Bekenner-Tonband    62
VIII. Dieter Kunzelmanns »Brief aus Amman«    66
IX. Tilman Fichters Antisemitismus-Exkurs    73
X. Der Antisemitismus im Antizionismus wie das »Gewitter in der Wolke«    79
XI. Die Kampagne gegen den israelischen Botschafter Asher Ben-Natan    86
XII. Das »Knast-Camp« in Ebrach    105
XIII. Die ersten Aufenthalte in den palästinensischen Trainingscamps    116
XIV. Die Palästina-Reise der Kunzelmann-Gruppe    127
XV. Die Tupamaros als Vorbild    142
XVI. Von den Haschrebellen zu den Tupamaros West-Berlin    149
XVII. Die Verhaftungen Dieter Kunzelmanns und Ina Siepmanns    162
XVIII. Peter Urbach, der agent provocateur    173
XIX. Die Kronzeugin    182
XX. Der Freispruch im Kunzelmann-Prozeß    211
XXI. Die Stasi-Spur: Bommi Baumanns »Who’s Who« des bewaffneten Kampfes    224
XXII. Der Bombenleger    234
XXIII. Im Auftrag oder aus eigenem Antrieb?    260
XXIV. »Dies ist keine Bombe«    264
XXV. Kunzelmann und der linke Schuldabwehrantisemitismus    282
XXVI. Die Konstituierung der Stadtguerilla als antisemitischer Akt    289

Personenregister   295