Pierre-Jean Luizard

Die Falle des Kalifats

Der Islamische Staat oder die Rückkehr der Geschichte

Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt
152 Seiten
ISBN 978-3-86854-310-0
Erschienen März 2017

Zum Buch

Die auf Gewalt beruhende Errichtung eines transnationalen Staatsprojekts des IS zwingt die internationale Gemeinschaft zu militärischen Interventionen. Luizard dechiffriert diese Strategie als Falle, aus der ein Entkommen mangels erfolgversprechender Konzepte immer schwieriger wird.

Der Islamische Staat hat sich mit blutigen Aktionen die Bühne der internationalen Politik erobert. Von den andauernden Krisen in Syrien und im Irak profitierend, hat der IS Macht und Kontrolle über große Regionen erlangt und verfügt über umfangreiche finanzielle Ressourcen.

Der Historiker Pierre-Jean Luizard legt eine umfassende Genese der dschihadistisch-salafistischen Gruppe vor und ordnet sie in einen soziopolitischen Kontext ein. Er fragt nach den Ursachen und Triebkräften für den augenscheinlichen Erfolg des Islamischen Staates und sieht in dem transnationalen Staatsbildungsprojekt eine Falle, die der IS der internationalen Gemeinschaft stellt: Die Errichtung eines Kalifats und die damit einhergehende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, auch gegen westliche Geiseln, zwingen die internationale Staatengemeinschaft in eine militärische Konfrontation.

Moralisch ist diese Auseinandersetzung nicht zu gewinnen, da die Erinnerung der arabischen Bevölkerungen mit Leid und Zerstörung nach Interventionen verbunden ist und nicht mit erfolgversprechenden Konzepten, den von Kriegen zerrütteten Gesellschaften dieser Region ein positives Zukunftsszenario anzubieten.

Der IS kann überhaupt so erfolgreich sein – so Luizards These –, weil er sich als funktionales Staatsprojekt präsentiert, das den krisengeschüttelten Bevölkerungen eine gewisse Stabilität und eine greifbare Zukunftsperspektive zu bieten scheint; Bevölkerungen, die sich nicht länger einer postkolonialen Ordnung unterwerfen wollen.

AutorIn/Hg.

Pierre-Jean Luizard

Historiker, ist directeur de recherche im Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris und dort verantwortlich für die Forschungsgruppe Sociétés, Religions, Laïcités (GSRL). Luizard verbrachte viele Jahre in zahlreichen arabischen Ländern, vor allem in Syrien, im Libanon, im Irak, in den Golfstaaten und in Ägypten. Für sein Buch »Die Falle des Kalifats« wurde Luizard im März 2016 mit dem Prix Étudiant du Livre Politique – France Culture ausgezeichnet.

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Inhalt

Einleitung   7

1   Das Auftauchen des Islamischen Staates   11
     Die Faktoren eines Erfolgs   11
     »Staat« oder »Terrororganisation«?   18
     Den Krieg internationalisieren   24

2   Von Sykes-Picot bis Dscharubiyya,
     die Rückkehr der Geschichte
  31
     Gebrochene Versprechen   32
     Panarabische Schimären   44

3   Im Irak, ein Staat gegen seine Gesellschaft   49
     Arabischer Nationalstaat nach europäischem
     Vorbild oder sunnitischer Staat?   50
     Am Ursprung der sunnitisch-schiitischen Spaltung   59
     Die blutige Rückkehr der »irakischen Frage«   64

4   Der syrische Staat, vom Konfessionalismus eingeholt    71
     Ein konfessioneller Flickenteppich in engen Grenzen   72
     Assad, sein autoritäres Regime und die Alawiten   80

5   Stehen wir vor einem Umbruch im Nahen Osten?   89
     Der Islamische Staat vor den Toren des Libanon   90
     Ein erstarrtes Jordanien   96
     Saudi-Arabien: Der König ist nackt   100
     Türkei: Erdoghan tappt in seine eigene Falle   105

6   Die Falle des Kalifats   115
     Syrien, Irak: ein gleichzeitiger Vormarsch    115
     Der erklärte Wille, einen Staat aufzubauen   120
     Ein zukünftiger Staat?     122
     Propaganda und Kommunikation: auf hohem Niveau   127
     Die Behandlung von Minderheiten als Falle   129

Schluss   135

Nachwort (Oktober 2016)   143

Zum Autor   151

 

 

Leseprobe

Über Jahre hinweg war die Situation im Irak von den Titelseiten westlicher Medien verschwunden und sorgte allenfalls noch anlässlich von Wahlen oder besonders blutigen Attentaten für Schlagzeilen. Das Land schien in einer Art »Krieg niederer Intensität« versunken zu sein bzw. in der Sackgasse eines ziemlich chaotischen politischen Prozesses zu stecken, den offenbar nur noch Experten der Region durchschauen konnten.

Das Jahr 2014 brachte die Wende. In Rekordzeit drängte ein neuer Akteur, der Islamische Staat, auf die politische Bühne, zunächst im Irak, dann in Syrien, und sorgte dafür, dass im ganzen Nahen Osten »die Rollen neu verteilt« wurden. Und die westlichen Medien standen fassungslos vor etwas, was ihnen als »politisches UFO« erschien, eine Armee von Dschihadisten, die aus dem Nichts aufgetaucht und anscheinend von niemandem aufzuhalten war.

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Originalausgabe Le piège Daech. L'État islamique ou le retour de l'Histoire: Édition La Découverte, 2015