Peter Klein

Die »Gettoverwaltung Litzmannstadt« 1940 – 1944

Eine Dienststelle im Spannungsfeld von Kommunalbürokratie und staatlicher Verfolgungspolitik

680 Seiten
ISBN 978-3-86854-203-5
Erschienen Februar 2009

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Zur Geschichte des Gettos im »deutschen Litzmannstadt«, des zweitgrößten Gettos im besetzten Polen, existieren Überlieferungen der jüdischen Selbstverwaltung, Zeugenaussagen, Memoiren und Erinnerungen, durch die das Leben der Eingesperrten anschaulich wird. Viel weniger hingegen ist von der lokalen deutschen Verwaltung des Gettos bekannt. Wie war diese Dienststelle aufgebaut, wem unterstand sie und welche Aufgaben nahm sie wahr? Welche Handlungsspielräume konnte sie entwickeln, wenn eine ganze Reihe deutscher Organisationen eine Zuständigkeit für die »Judenfrage« beanspruchte?

Peter Kleins Untersuchung des städtischen Amtes, das im direkten Reichsauftrag das Getto in Łódź; verwaltete, leistet weitaus mehr als eine konventionelle Verwaltungsgeschichte. Der Historiker beleuchtet das Zusammenspiel der verschiedenen mit dem Getto befassten Behörden auf allen Entscheidungsebenen und verwendet hierzu das soziologische Konzept des Netzwerks, um deren Wirken vor Ort zu analysieren. Das in Litzmannstadt entstandene »Netzwerk« der Verfolgung war keineswegs nur von chaotischen Strukturen geprägt, sondern erzeugte eine effiziente Zielgerichtetheit: Dynamik der Verfolgung nicht aufgrund von Konkurrenz, sondern als Ergebnis von Kooperation.

Doch im vertikalen Instanzenweg von Reichsverwaltung, territorialer Administration und Lokalverwaltung herrschte nicht nur Einvernehmen. Die gemeinsame Strategie einer möglichst effizienten Ausbeutung der Juden für die deutsche Rüstung war stets abhängig von den changierenden Plänen zur »Endlösung der Judenfrage«. Und hier vertraten rivalisierende Entscheidungsträger unterschiedliche Vorstellungen, die immer wieder in die lokale Verwaltung hineinwirkten.

Im Getto selbst wurde die jüdische Bevölkerung aus wirtschaftlichen und fiskalischen Nützlichkeitserwägungen zur Arbeitsleistung verpflichtet, womit sehr schnell langfristige Strukturen und Verbindlichkeiten geschaffen wurden und das Getto in das Interessennetz verschiedener privater und Reichsbetriebe eingebunden wurde. »Arbeitsfähigkeit« war nun das entscheidende Kriterium für Leben oder Tod. Doch die Ökonomisierung des Gettos war umstritten.

Klein kann zeigen, dass die Sicherung der Subsistenz der Juden stets erstes Ziel der Verwaltungsbehörde war, wohingegen Rentabilitätsstrategien schon an der Infrastruktur des Geländes scheitern mussten. Anhand neuer Quellen aus der deutschen Gettoverwaltung, der Territorialverwaltung sowie der Reichsbehörden werden die Handlungsmotive der Entscheidungsträger, das Verhältnis von Ausbeutung, Vernichtung und Profit sowie das lokale Netzwerk der Verfolgung analysiert. Erstmals wird eingehend an einem bedeutenden Fallbeispiel beleuchtet, wie eine bislang wenig beachtete Tätergruppe des nationalsozialistischen Regimes – die Angehörigen der lokalen zivilen Verwaltung – sich aktiv am Holocaust beteiligte.

AutorIn/Hg.

Peter Klein

Dr. phil., Historiker, von 1999 bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Sprecher im Team der Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944«.

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Inhalt

Einleitung   9

Die Stadt in der Hand der Deutschen   23

Vor der Gettogründung: Umsiedlungsorganisationen und städtische Behörden bei der Verfolgung jüdischer Einwohner in der Stadt Lodsch   32
Schiffer, Marder und die Deportationen aus Lodsch   32
Uebelhoers Gründungserlass für ein Getto   40
Die RKF-Siedlungsdienststellen und die »Eindeutschung« der polnischen Metropole   44
Die Rolle der städtischen Behörden   53

Die regionale HTO-Dienststelle und die Beraubung der Juden   62

Das entstehende Getto als innenpolitischer Verhandlungsgegenstand   73

Die Gettoschließung   80
Umzug und Schließung als administrative Einschnürung   80
Der Routinedienst zwischen städtischem Referat und jüdischer Selbstverwaltung   91
Das Verhältnis zwischen dem Ältesten der Juden in Litzmannstadt-Getto und der Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Getto im Sommer 1940   100
Die Finanzierung des Lebensunterhalts: Zwangsarbeit, Pauperisierung und Einlösung von Außenständen   110

Vom Provisorium zur Dauereinrichtung: Das Getto und der Madagaskar-Plan   123

Personalia: Wilhelm Koppe und Herbert Mehlhorn   134

Dauereinrichtung Getto   152
Laufende Ernährung, Heizung und die Winterbevorratung   153
Beschaffung von Werkstätten, Maschinen, Rohstoffen, Aufträgen und Möglichkeiten des Arbeitseinsatzes   176
Spendenverwaltung und Forderungsinkasso   191

Expansive Bürokratie und Beschäftigtenstand: Von der Ernährungsund Wirtschaftsstelle zur »Gettoverwaltung Litzmannstadt«   198
Beschäftigtenstand   200

Personalia: Biebows Konkurrent Alexander Palfinger   208

Greisers gescheiterte Initiative im Schatten des Dritten Nahplans   221

Personalia: Werner Ventzki, neuer Oberbürgermeister von Litzmannstadt   231

Ein Langzeitproblem: Die Frage nach dem Steueraufkommen von Juden im Getto   237
Das Gutachten des Rechnungshofs des Deutschen Reichs: Regiekosten, Steuerpauschale und gewährter Kredit   246
Die Sitzung am 13. August 1941 zur Klärung der Steuer- und Regiekostenfrage im Reichsfinanzministerium   252

Der Prüfungsbericht des Reichsrechnungshofs als historische Quelle   256

Die Professionalisierung der Produktion 1941   266
Die Zahl der produktiv eingesetzten jüdischen Zwangsarbeiter   266
Auftragsverlagerungen der Wehr- und Rüstungswirtschaft und Werbung um private Kunden   269
Das Transportwesen im Getto   276
Die Einrichtung weiterer Werkstätten   279

Der Kampf um die Rationen: Die Lebensmittelversorgung im Getto   283

Großeinsätze von Juden außerhalb des Gettos und die Frage ihrer tariflichen Entlohnung   296
Der Tarifstreit um die Entlohnung der jüdischen Zwangsarbeiter   297
Kranke und Arbeitsunfähige in den RAB-Lagern   317

Die Kontroversen um die gauweiten Einsiedlungen 1941   325

Besprechungen in der Reichsstatthalterei und im Führerhauptquartier im Juli 1941   336

Litzmannstadt als Deportationsziel für Juden aus dem Westen: Eine Kontroverse auf allen Ebenen   353

Die Folgen der Auseinandersetzungen   372
Keine unmittelbare Verwaltung des Gettos durch das Reichsinnenministerium   372
Die Suche nach neuen Transportzielen im RSHA   377
Ein Getto unter Federführung der Sicherheitspolizei: Theresienstadt   378
Der Aufbau des Vernichtungslagers Kulmhof   383
Amtsverständnis und Sturz Friedrich Uebelhoers   394

Die Sinti und Roma aus der »Ostmark« als Verwaltungsproblem   407

Die Einsiedlung der Juden aus dem Altreich, Wien, Luxemburg und Prag im Oktober/November 1941   419

Die »Gettoverwaltung Litzmannstadt« und der Massenmord an den Juden im Reichsgau Wartheland 1942   437
Selbstselektion unter Aufsicht – Transporte aus dem Getto   439
Die Anweisung zur Selektion neu eingesiedelter Juden   446
Arbeitsteilung: Gettoverwaltung und Polizei bei der Räumung von Landgettos   454
Die Deportation der Kinder und Alten aus dem Getto Litzmannstadt   470

Die Finanzierung der regionalen »Endlösung« und die »Gettoverwaltung Litzmannstadt«   479
Das Sonderkonto 12300 bei der Stadtsparkasse Litzmannstadt   480
Wiederholte Abbuchungen und Barauszahlungen   482
Rätselhafte Buchungen   486
Eine notwendige Investition: Das Verwertungslager in Pabianice bei Litzmannstadt   489 
Bareinzahlungen aus Kulmhof   495
Barschaften und Fundgelder aus Gettoauflösungen   496
Der Zugriff auf das Sonderkonto   497

Gettoverwaltung, Gettowirtschaft und Versorgungslage 1942/43   507
Die Gettoverwaltung   508
Die Gettowirtschaft   517
Die Versorgungslage   530

Das Verhältnis zwischen Gettoverwaltung und Gestapo im Längsschnitt   541
Kooperation seit Gettoschließung   543
Konfrontation um die Einsiedlungen aus dem Westen   550
Abhörziele Biebow und Uebelhoer   552

Personalia: Von Schefe/Weygandt zu Dr. Otto Bradfisch   563

Ein Getto auf Abruf   569
Greiser und Himmler zerschlagen das kommunale Netzwerk   572
Das Getto als Konzentrationslager?   590

Die »Gettoverwaltung Litzmannstadt« im Chaos der Auflösung: Von Kulmhof zu Auschwitz   612

Zusammenfassung, Einordnung, Ausblick   624
Die Gettoverwaltung im Netzwerk der Behörden   626
Die Durchsetzung der »Endlösung« in Litzmannstadt   635
Ausblick: Gettoverwaltungen als nachgeordnete Organisationen von Zivilbehörden   641

Danksagung   643

Quellen und Literatur   645

Abkürzungen   671

Personenregister   675