Michel Wieviorka

Die Gewalt

Aus dem Französischen von Michael Bayer
230 Seiten
ISBN 978-3-936096-60-6
Erschienen Februar 2006

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Die Gewalt – so Michel Wieviorkas Untersuchung – war bis in die 1980er Jahre noch nicht die zentrale Figur des Bösen. Man sprach von sozialen Beziehungen und somit von Konflikten und erfasste das Gemeinschaftsleben im Rahmen der Nationalstaaten. Heute ist die Gewalt an die Stelle des Konflikts getreten, und die kulturellen Identitäten erzeugen Spannungen und Ängste. Terrorismus und Krieg siegen über die friedlichen Verhandlungen und vertiefen täglich das weltweite Politikdefizit, wobei sie die Ideologie von einem »Kampf der Kulturen « zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen. Die Gewalt entfaltet sich über diese Phänomene, sie stellt das Böse dar, und die große Frage lautet, ob es möglich ist, ihr das Gute entgegenzusetzen, und wenn ja, wie.

Michel Wieviorka widmet sich der Analyse der veränderten Gewaltformen und untersucht die Herausforderung, die die Gewalt für die Sozialwissenschaften darstellt. Er bricht mit den klassischen Methoden der Soziologie, weil das Problem, dass die Gewalt aus einem Prinzip hervorgeht, welches dem Sozialen vorgelagert ist, mit den existierenden Erklärungsansätzen nicht erfasst werden kann. Dennoch ist seine Analyse eine zutiefst soziologische, da sie die Bedingungen beschreiben möchte, unter denen das Böse sich herausbildet, sich verbreitet, sich ausdrückt oder auf das es zurückgeht.

Um der Gewalt, das heißt dem Bösen, auch in seinen subjektivsten Dimensionen, eine soziale Konzeption des Guten entgegenzustellen, müssen die Probleme einerseits in Konflikte, Debatten, Reformen und Verhandlungen umgewandelt werden, und andererseits muss die Gesellschaft die Gewalt sozialisieren, ihr vorbeugen und sie unterbinden.

Und was für die Gewalt gilt, gilt auch für viele andere Gebiete: Neue Instrumente der Analyse, der Paradigmen und Herangehensweisen, die den Fragen der gegenwärtigen Welt entsprechen, müssen erfunden werden – ob es sich dabei um den Vormarsch der kulturellen Identitäten, den Rassismus, Phänomene der Entinstitutionalisierung, die Wandlung der Arbeit oder die Rückkehr Gottes handelt.

AutorIn/Hg.

Michel Wieviorka

Prof. Dr., ist Professor an der École des Hautes Études en Science Sociales ( EHESS ) in Paris und leitet als Nachfolger von Alain Touraine das Centre d’Analyse et Intervention Sociologiques. Er forscht insbesondere zu Antisemitismus, Rassismus und Gewalt.

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Inhalt

   Einleitung    9

Erster Teil: Auf dem Weg zu einem neuen Paradigma    13

   Kapitel 1 Gewalt und Konflikt    16
      Die Erfahrung der Arbeiterbewegung    19
      Das Ende des Kalten Kriegs    29
      Begrenzte Konflikte    33
      Gegen Georges Sorel, mit Frantz Fanon    35
      Schlussfolgerungen    40

   Kapitel 2 Gewalt und Staat    43
      Der Staat, Zentrum des Problems?    43
      Die große Unordnung    44
      Die Macht im Staat ergreifen, einen neuen Staat schaffen    49
      Von der politischen Gewalt zur infra- und metapolitischen Gewalt    54
      Die individuelle Gewalt     61
      Die Intellektuellen und die Gewalt     65
      Über eine berühmte Formel Max Webers     69

   Kapitel 3 Das Hervortreten der Opfer     79
       Die Geburt des Opfers     81
      Gewalt als Negierung des Subjekts     95

Zweiter Teil: Das Kennzeichen des Subjekts     109

   Kapitel 4 Gewalt, Sinnverlust und Sinngewinn     111
      Der Sinnverlust     112
      Die Überfülle an Sinn     122
      Die Selbstzerstörung     125

   Kapitel 5 Die Hypothese vom »Nicht-Sinn«     131

   Kapitel 6 Die Grausamkeit      148
      Exzess, Lust und Wahnsinn     149
      Die Lust     154
      Die Funktionalität der Grausamkeit     156
      Die Bedeutung der Situation     165

   Kapitel 7 Der Ausdruck des Subjekts     178
      Der Begriff des Subjekts     178
      Das Subjekt und die Gewalt     182
      Fünf Figuren des Subjekts     186
      Die Gewalt als begründende Kraft     199

   Schlussbemerkungen     207
       Der große Sprung     207
      Das Böse und das Gute     209

   Literaturverzeichnis      215
   Dank      226
   Personenregister      227

 
Originalausgabe La Violence. Voix et Regards: Paris: Éditions Ballard 2004