Robert Castel

Die Krise der Arbeit

Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
383 Seiten
ISBN 978-3-86854-228-8
Erschienen März 2011

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Robert Castel analysiert scharf und schonungslos die Strukturen unserer westlichen Gesellschaft. Er entwickelt auf dieser Basis eine wirkliche Gesellschaftstheorie, die auf die aktuellen Herausforderungen der Krise der Arbeit und der dadurch bewirkten Krise des Sozialstaats in einer immer stärker entkollektivierten Gesellschaft antworten kann.

Die Autonomie des freien und mündigen Menschen gilt als Leitbild der Moderne. Für den Soziologen Castel eine unbestreitbare Errungenschaft, deren Kehrseite jedoch Konsequenzen hat, auf die es Antworten zu finden gilt, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht weiter zu gefährden. Denn der Mensch ist in unserer »Gesellschaft der Individuen« mit Umbrüchen in der Arbeitswelt konfrontiert, die tief greifende soziale und anthropologische Konsequenzen haben. Er sieht sich Ansprüchen ausgeliefert, denen er nicht immer gewachsen ist.

Diese Überhöhung des Individuums hat die Welt der Arbeit längst erobert. Gefordert werden Verantwortungsgefühl, Risikobereitschaft und Unternehmungsgeist, um angesichts der heutigen ökonomischen Situation die berufliche Leistung zu steigern und die nötige Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen. Begleitet ist dieser Appell an den Einsatz des Individuums stets von einer Verdammung staatlicher Zwänge.

Die Forderung nach einer Befreiung des Individuums aus den »Fesseln kollektiver Regelungen« ist zu einer allgemeinen Glaubenslehre geworden. Doch dieses bedingungslose Lob auf die Fähigkeiten des Einzelnen schwebt gleichzeitig hoch über der konkreten Erfahrung vieler Individuen, die in unserer Gesellschaft leben. Das Individuum ist kein Wesen, das im Vollbesitz seiner zur Selbstverwirklichung nötigen Fähigkeiten vom Himmel gefallen ist und nur darauf wartet, dass man es durch die Befreiung vom Gestrüpp der Gesetze und Vorschriften, mit denen es der Staat zugedeckt hat, aus seinem Dornröschenschlaf weckt. Die Fähigkeit, sich als freies und selbstverantwortliches Individuum zu verwirklichen beruht auf Voraussetzungen, die nicht von vornherein gegeben und vor allem nicht allen in gleichem Maße gegeben sind.

Die Notwendigkeit, soziale Sicherung in einer »Gesellschaft der Individuen« neu zu begreifen, verlangt auch ein neues Verständnis der Funktion des Staates und der Prinzipien des Arbeitsrechts - also zwangsläufig ein Eingreifen der Politik, um den wachsenden sozialen Unsicherheiten und dem gefährdeten gesellschaftlichen Zusammenhalt etwas entgegensetzen zu können.

 

 

AutorIn/Hg.

Robert Castel

Robert Castel war einer der einflussreichsten Soziologen Frankreichs mit hohem internationalen Renommee. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Pierre Bourdieu und orientierte sich an der Schule Michel Foucaults. Er war Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales und Mitgründer der Gruppe GRASS – Groupe d´analyse du social et de la sociabilité. In der Hamburger Edition erschienen »Die Stärkung des Sozialen« (2005) und »Negative Diskriminierung« (2009). Robert Castel starb am 12. März 2013 im Alter von 79 Jahren.

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Inhalt

Vorbemerkung  7

Einleitung
Eine »große Transformation«  9

ERSTER TEIL
Die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse  55

1. Arbeit zwischen Knechtschaft und Freiheit. Die Bedeutung des Rechts  57
2. Worin liegt die Bedeutung der Arbeit?  76
3. Umgestaltung oder Neubegründung des Arbeitsrechts?  98
4. Haben Jugendliche ein anderes Verhältnis zur Arbeit?  113
5. Jenseits der Lohnarbeit oder diesseits des Arbeitnehmerstatus? Die Institutionalisierung des Prekariats  128

ZWEITER TEIL
Der Umbau der Sozialsysteme  149

6. Im Namen des Sozialstaats  151
7. Die Sozialarbeit in der Entwicklung des Sozialstaats  180
8. Was ist soziale Sicherheit? Die sozio-anthropologische Dimension sozialer Sicherung  199
9. Liberaler oder linker Reformismus?  219

DRITTER TEIL
Die Wege der Entkoppelung  239

10. Der Roman der Entkoppelung. Über »Tristan und Isolde«  241
11. Die Marginalisierten in der Geschichte  263
12. Die Fallstricke des Exklusionsbegriffs  276
13. Warum die Arbeiterklasse den Kampf verloren hat  294
14. Bürgerschaft und Alterität. Die Ungleichbehandlung der ethnischen Minderheiten in Frankreich  309

Schluss
Die Herausforderung, ein Individuum zu werden. Entwurf einer Genealogie des hypermodernen Individuums  327

Dank  369
Bibliografie  371
Personenregister  380

 
Originalausgabe La montée des incertitudes. Travail, protections, statut de l'individu: Éditions du Seuil