Zygmunt Bauman

Die Krise der Politik

Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit

Aus dem Englischen von Edith Boxberger
295 Seiten
ISBN 978-3-930908-60-8
Erschienen Oktober 2000

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Bauman behandelt die sich wandelnde Bedeutung der Politik, die Probleme der gegenwärtig existierenden Instanzen politischen Handelns und die Gründe für das Schwinden ihrer Wirksamkeit – schließlich entwickelt er eine Vision der dringend notwendigen Reformen.

Hatten die politischen Denker der beginnenden Moderne den Menschen eine positive Freiheit versprochen, die Freiheit dem Weg der Vernunft zu folgen, so hat diese Idee heute den größten Teil ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt. Zurückgeblieben ist die Idee der negativen Freiheit: Freiheit wird nur noch als Fehlen von Beschränkungen, die eine politische Autorität auferlegt, begriffen – populistisch gewendet: »Weniger Staat, mehr Geld in der Tasche«.

Ist Deregulierung das Tor zur wahren menschlichen Freiheit? Mit ihrem Verzicht darauf, zumindest den Rahmen der Entscheidungen, die den Einzelnen offenstehen, festzulegen, ist die Politik immer mehr zum Spielball der Gesetze des Marktes geworden. Die Macht ist an andere Institutionen übergegangen, die nicht mehr gewählt und nicht mehr – wenigstens im Prinzip – kontrollierbar sind. Marktzwänge ersetzen die politische Legislative.

Angesichts dieser Trennung von Macht und Politik erinnert Bauman an eine verloren gegangene Vermittlungsinstanz zwischen den privaten und den öffentlichen Interessen. Der entscheidende Schritt zur Autonomie wurde getan, als die Griechen ihren Gesetzen die Präambel voranstellten: »Es ist dem Rat und dem Volk gut erschienen«. Ohne behaupten zu wollen, man beschließe etwas, weil es gut sei, sondern mit der bescheideneren Formulierung, es sein gut erschienen, errangen die Griechen das Bewußtsein, dass sie selbst für ihre Institutionen verantwortlich waren. Und diese Selbstverantwortlichkeit brauchte einen Raum, um Entscheidungen zu diskutieren : die agora, den Marktplatz, auf dem die Vermittlung zwischen dem privaten Bereich des Hauses, dem oikos, und der ekklesia, der Volksversammlung, stattfand.

Solche öffentlichen Räume der Kommunikation bestehen gegenwärtig nicht. Ohne eine entsprechende Vermittlungsinstanz wird das Grundübel der modernen Gesellschaft jedoch nicht behoben werden können: die Unsicherheit der Einzelnen, die daraus entsteht, daß die Brücken zwischen dem privaten und dem öffentlichen Leben abgebrochen sind. Erst mit der erfolgreichen Übersetzung privater Sorgen in öffentliche Probleme wird der Tatsache Rechnung getragen, daß individuelle Freiheit nur das Ergebnis kollektiver Anstrengung sein kann.

AutorIn/Hg.

Zygmunt Bauman

Zygmunt Bauman (1925-2017) war von 1972 bis 1990 Professor für Soziologie an der Universität Leeds. 1925 in Posen geboren, floh er 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion. Ab 1954 lehrte er Soziologie an der Universität Warschau. Er verließ Polen 1968, ging nach Israel und hielt Vorlesungen an der Universität Tel Aviv.

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Inhalt

Einleitung 7

1. Auf der Suche nach dem öffentlichen Raum 19

Jemand streunt ums Haus 20
Der große Kessel der Unsicherheit 29
Unsichere Sicherheit 33
Unsichere Gewißheit 41
Unsicherer Schutz 51
Ängste in Bewegung 75
Die Abkühlung des menschlichen Planeten 82

2. Auf der Suche nach politischen Instanzen 88

Angst und Lachen 89
Wie frei ist die Freiheit? 95
Die Dekonstruktion der Politik 108
Wo sich Privates und Öffentliches treffen 117
Die agora unter Beschuß: zwei Invasionen 128
Erinnerungen an die paideia 147

Exkurs 1: Ideologie in postmoderner Welt 159

Der umstrittene Begriff 160
Die umstrittene Wirklichkeit 169
Die nicht mehr umstrittene Welt 178

Exkurs 2: Tradition und Autonomie in postmoderner Exkurs 2: Welt 190

Exkurs 3: Postmoderne, Moral und kulturelle Krise 201

3. Auf der Suche nach einer Vision 219

Die zweite Reformation und der Auftritt des modularen Menschen 223
Stamm, Nation und Republik 229
Liberale Demokratie und die Republik 236
Die Wege trennen sich 239
Die politische Ökonomie der Ungewißheit 243
Die Sache der Gleichheit in einer ungewissen Welt 248
Argumente für ein Grundeinkommen 257
Den Universalismus aus dem Exil zurückrufen 271
Multikulturalismus – oder kulturelle Polyvalenz? 281
In der Welt der Unterschiede zusammenleben 286

Literaturverzeichnis 290

 
Originalausgabe In Search of Politics: Cambridge: Polity Press 1999