Gerd Hankel

Die Leipziger Prozesse

Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg

550 Seiten, 26 Abbildungen
ISBN 978-3-930908-85-1
Erschienen März 2003

Zum Buch

Gerd Hankel »erschließt umfassend einen fast vergessenen aber zentralen Abschnitt juristischer Zeitgeschichte einschließlich seiner Folgewirkungen für das Verständnis von Krieg und Recht im Zweiten Weltkrieg.«
Zeitschrift für Politikwissenschaft. 14(2004)

Ein Strafverfahren der Siegermächte gegen deutsche Kriegsverbrecher - wie 1945/46 in Nürnberg - sollte schon nach dem Ersten Weltkrieg stattfinden. Die Erbitterung über die deutsche Kriegführung, die sich an der Bekämpfung des angeblichen belgischen Volkskriegs und der Behandlung der Kriegsgefangenen, an dem uneingeschränkten U-Bootkrieg und der Politik der verbrannten Erde festmachte, war zu groß, als daß in einem Friedensvertrag wie üblich eine Amnestie hätte vereinbart werden können.

Gerd Hankel analysiert warum es zu den damals geplanten Verfahren nicht kam und welch weitreichende Konsequenzen diese Entscheidung mit sich brachte. Die Alliierten verzichteten auf ihre Durchführung vor allem, weil sich Deutschland bereit erklärte, die Beschuldigten selbst vor das höchste deutsche Gericht, das Reichsgericht in Leipzig, zu stellen. Von den etwa 900 deutschen Militär- und Zivilpersonen, deren Auslieferung verlangt worden war, und den vielen Hundert, gegen die Deutschland, um seinen guten Willen zu demonstrieren, aus eigener Initiative Ermittlungen eingeleitet hatte, wurden letztlich nur zehn verurteilt (zu Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren) und sieben freigesprochen. Alle anderen Verfahren endeten mit einem Einstellungsbeschluß - der letzte erging 1931.

Ungeachtet der Ergebnisse im konkreten Fall mußte in diesen Verfahren jedoch zum ersten Mal zur Rechtmäßigkeit von Kriegshandlungen Stellung genommen werden. Was ist überhaupt ein Kriegsverbrechen? Inwiefern unterscheidet es sich von einem gewöhnlichen Verbrechen? Wann macht sich ein Soldat strafbar? Auch wenn die Antworten der deutschen Justiz auf diese und ähnliche Fragen fast durchweg günstig für die Beschuldigten waren, traten die Unterschiede zwischen der deutschen und der internationalen Auffassung von Kriegsrecht, zum Beispiel im Hinblick auf die sogenannte Kriegsnotwendigkeit, die Behandlung von Zivilsten und Partisanen oder von Kriegsgefangenen, doch deutlich zu Tage. Zugleich lassen die unterschiedlichen Antworten aber auch die Grenzen des Kriegsrechts und der strafrechtlichen Ahndung von Kriegsverbrechen deutlich werden. Die Massivität der Gewaltanwendung, die Unübersichtlichkeit des Geschehens und dessen propagandistische Überzeichnung erschwerten in vielen Fällen die Beweisführung oder machten die Zuweisung einer konkreten Verantwortlichkeit unmöglich.

Doch ob die Urteile und Beschlüsse nun letztlich auf nationalistische Parteilichkeiten und/oder auf unklaren Tathergängen beruhen, in jedem Fall festigten sie auf deutscher Seite ein Kriegsverständnis, in dem das Kriegsziel als jederzeit nutzbare Rechtfertigung erschien. Darin ist, wie der Autor am Ende der Untersuchung darstellt, ein entscheidender Grund für die nahezu völlige Mißachtung des Kriegsrechts im Zweiten Weltkrieg zu sehen.

AutorIn/Hg.

Gerd Hankel

Dr. jur., geb. 1957, Völkerrechtler und Sprachwissenschaftler; Gastwissenschaftler der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

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Inhalt

Einleitung   9

Teil 1: Vorgeschichte – Vom Kriegsende bis zum Beginn der Verfahren (1918–1921)   19

Das Bestrafungsverlangen der Alliierten   21
Die Herausbildung eines Kriegsziels   23
Gründe für die Verweigerung einer Amnestie   31
Deutsche Gegenmaßnahmen und alliiertes Nachgeben – Der erste Schritt zur Revision von Versailles   41
Eine »Frage der Ehre«   42
Der vorläufige Verzicht auf die Auslieferung   46
Die sogenannte »Probeliste«   54
Vom Beginn der Ermittlungen bis zum ersten Verfahren vor dem Reichsgericht   58
Der Aufruf an die Beschuldigten und weitere Maßnahmen   58
Die Ergänzungsgesetze vom März 1920 und vom Mai 1921   63
Das erste Verfahren vor dem Reichsgericht   67
Exkurs: Das geplante Verfahren gegen Wilhelm II. und dessen Scheitern   74

Teil 2: Die Verfahren vor dem Reichsgericht und die Ermittlungen der Reichsanwaltschaft (1921–1927)   89

Gegenstand und Verlauf der Verfahren   91
Was ist ein Kriegsverbrechen? – Über die Abwesenheit eines Begriffs   91
Urteile, Einstellungsbeschlüsse und Einstellungsverfügungen – Ein Überblick   97
Zum Tatvorwurf: Begehung von Greueltaten und systematisches unmenschliches Verhalten deutscher Truppen   105
»Der Deutsche kann das nicht«   108
Mißhandlung von Zivilpersonen – Das Verfahren gegen Max Ramdohr (108); Erschießung von Gefangenen und Verwundeten – Das Verfahren gegen die Offiziere Karl Stenger und Benno Crusius (123); »Auf der Flucht erschossen « – Das Verfahren gegen Oberleutnant Adolf Laule (143); Die »Hunnenrede« Wilhelms II., das Verbot der Tötung feindlicher Gefangener oder Verwundeter und die Rechtsprechung des Reichsgerichts (146)
Aerschot, Andenne, Dinant, Löwen – Stationen eines blutigen Vormarsches   197
Aerschot, 19. und 20. August (200); Andenne, 20. und 21. August (201); Dinant, 21. bis 24. August (203); Löwen, 25. bis 28. August (206)
Greueltaten in anderen Städten und Ortschaften   207
Die Ermittlungen des Oberreichsanwalts und die Entscheidungen des Reichsgerichts   210
Die reichsanwaltlichen Ermittlungen und die reichsgerichtlichen Beschlüsse vor dem Hintergrund des damals geltenden nationalen Rechts und Völkerrechts   228
Zum Begriff des Kriegsbrauchs (228); Zum Begriff der Kriegsnotwendigkeit (240); Das Handeln auf Befehl (247)
Systematisches unmenschliches Verhalten unterstellter Einheiten   259
Zu den Tatvorwürfen von belgischer Seite (260); Zu den Tatvorwürfen von französischer Seite (282); Der Fall Mackensen (295)

Zum Tatvorwurf des Mordes und des Totschlags an Angehörgen der feindlichen Zivilbevölkerung   301
Wahrheit, Psychose oder Propaganda – »abscheuliche Verbrechen« und »haltlose Beschuldigungen«   302
Die Zulässigkeit von Repressalien – Der Fall Vallade   309

Zum Tatvorwurf der Mißhandlung von Kriegsgefangenen   321

Die Tätigkeit der Kommission Schücking   326
Die Verfahren vor dem Reichsgericht   333
Falsch verstandenes Pflichtgefühl (334); Dreitausendfacher Mord? Die Fleckfieberepidemie im Kriegsgefangenenlager Kassel-Niederzwehren (341); »Nicht der Schatten eines Beweises « – Das Verfahren gegen den Frauenarzt Dr. Oskar Michelsohn (347); Ernsthafte juristische Aufarbeitung oder Justizkomödie? – Zu den reichsgerichtlichen Urteilen in Sachen Gefangenenmißhandlung (351)
Die Einstellungsbeschlüsse des Reichsgerichts zum Vorwurf der Gefangenenmißhandlung   356
Repressalien an Kriegsgefangenen: eine verbreitete Praxis, die Verantwortlichkeiten verwischte   371

Zum Tatvorwurf der Deportation und Zwangsarbeit   378

Zum Seekrieg im allgemeinen und zum Tatvorwurf der warnungslosen Versenkung von Schiffen im »uneingeschränkten « U-Boot-Krieg im besonderen   396
Minen, Seeblockade, Sperrgebiete und U-Boot-Krieg – Der Untergang des Seekriegsrechts   399
Die Reduzierung der alliierten Beschuldigtenliste in bezug auf den Seekrieg und die gleichwohl uneingeschränkte deutsche Strafverfolgung   416
Die Versenkung von Lazarett- und Passagierschiffen und das Unvermögen, Verantwortlichkeiten zuzuweisen – der Fall des Kapitänleutnants Karl Neumann und anderer Beschuldigter (420); Die Hinrichtung des englischen Kapitäns Charles Fryatt (442); Die Versenkung von Rettungsbooten und das Verfahren gegen die Oberleutnants zur See Ludwig Dithmar und John Boldt (452); Ernst von Salomons »Die Geächteten« und die sogenannte Kriegsbeschuldigtenfrage (464)

Über die Schwierigkeit, Verbrechen im Luftkrieg zu ahnden   471

Teil 3: Nachwirkungen und Korrekturen (1928–1945)   479

Abwesenheitsverfahren in Belgien und Frankreich und ihre Folgen   481
Noch einmal: Die Versenkung der Llandovery Castle oder: Wie ein Verbrechen verschwindet   500
Kriegsrecht und Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg   507

Schluß   518

Abkürzungsverzeichnis   524
Quellen- und Literaturverzeichnis   526
Unveröffentlichte Quellen   526
Veröffentlichte Quellen   526
Monographien, Memoiren, Broschüren, Aufsätze und Artikel   527
Personenregister   544

Termine

Frankfurt/Oder, Europa-Universität Viadrina, 20. Mai 2015

Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse

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Brüssel, Université Libre de Bruxelles, 12. März 2015

Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse

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