Pierre-André Taguieff

Die Macht des Vorurteils

Der Rassismus und sein Double

Aus dem Französischen von Astrid Geese
618 Seiten
ISBN 978-3-930908-62-2
Erschienen Oktober 2000

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Das Erstarken einer Neuen Rechten in Europa erfordert die Überprüfung der Theorie und Praxis eines Antirassismus, der seinen Ausgangs- und Bezugspunkt immer noch im Nazismus hat. Pierre-André Taguieff bezweifelt, daß dieser Antirassismus eine erfolgreiche Strategie gegen rassistische Ideologie, Politik und rassistisches Handeln sein kann und versucht dies durch eine »Kritik der antirassistischen Vernunft« zu belegen. An die Stelle des Reiz-Reaktions-Schemas, das die Beziehung zwischen Rassismus und Antirassismus kennzeichnet und den Antirassismus hilflos macht, will der französische Sozialphilosoph Grundlagen für reflektiertes Handeln setzen. Handeln aber setzt Wissen voraus: Ohne eine Selbstanalyse des antirassistischen »Lagers« mit seinen Stereotypen und Ritualen und ohne Verständnis der Gründe für die Zählebigkeit des Rassismus in der Gesellschaft wird sich die Rivalitätsbeziehung zwischen den feindlichen Brüdern nicht beenden lassen. Nicht Beschwörungen und einfache Umkehrung von Parolen helfen gegen die Macht des Vorurteils, gegen Tendenzen der Ausgrenzung und hierarchisierenden Gruppenbildung; wirksam kann nur ein Konzept für einen nicht-ideologischen Humanismus sein. Um sich ihm anzunähern, unternimmt der Autor einen großangelegten Durchgang durch die im 19. Jahrhundert beginnende Geschichte des Rassismus/Antirassismus in ihren Varianten und Wandlungen.

Taguieff will eine Basis für konsequent nicht-rassistisches Verhalten schaffen. Dieses müßte seinen Ausgang in der Anerkennung der Menschheit als Einheit und des Primats des Anderen nehmen: darin liegt nach seiner philosophischen Überzeugung das Wesen des Universalismus, das eine Gesellschaft hervorbringt, die nur die Rechte beansprucht, die sie auch gewährt. Gegen das rassistische Ideal von der geschlossenen organischen Gemeinschaft stellt Taguieff die »zwischen dem Individuum und dem Universellen vermittelnde Gemeinschaft, die Gemeinschaft als Welt. Ausgehend davon wird ein gewaltfreier Universalismus denkbar.«

Der Universalismus steht als Forderung, als Verweis auf eine nicht vollendete Mission. Um angesichts der Widerstände auf dem Weg dahin nicht zu resignieren, bedarf es einer Haltung des »heroischen« Humanismus im Sinne von Jacques Maritain: Er allein setzt uns in den Stand und verpflichtet uns, das große Abenteuer des Menschen, das mit dem Wort Zivilisation nur unzureichend beschrieben ist, zu suchen.

AutorIn/Hg.

Pierre-André Taguieff

geboren 1946, Philosoph und Politologe, ist Forschungsdirektor am CNRS in Paris.

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Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe   11

Einleitung: Zweifel am Antirassismus   18
   Die Wandlungen der Ideologie   18
   Polemik und verschleierte Funktion   27
   Rassismus als Ideologie   29

Teil I   Kritik der antirassistischen Vernunft   35

1. Heterophobie, Heterophilie: Der Widerspruch in der Definition   37
   Der grundlegende Widerspruch   37
      Grundsätze und Hypothesen   46
      Axiome und Definitionen   47

2. »Rassismus«: Die alltägliche und die wissenschaftliche Verwendung des Wortes. Vom Wort zum Begriff   50
   »Rassismus« auf den Anderen angewendet   51
   Das Wort und seine Verwendung   55
   Die wissenschaftliche Beschreibung   63
      Die Theorie der drei Ebenen der Heterophobie   63
          »Primärrassismus« und ethischer Antirassismus (63)
          Kann man kämpfen, und wie kann man kämpfen? (67)
         Der ethische Antirassismus (76)
         »Sekundärrassismus« und rationalistischer Antirassismus (79)
         »Tertiärrassismus« und kritisch-entmystifizierender Antirassismus (85)
   Der antirassistische Diskurs in der Theorie. Typen und Grenzen   89
   Die Trennung der legitimen Wissenschaft von den »Rassen« vom Rassismus   91
      Die Unmöglichkeit der neutralen Differenzierung (94)
   Die wissenschaftliche Delegitimierung des Konzepts der Rasse   95
   Rasse als soziales Produkt   97
   Die These von der Rassenbildung mit und ohne »Rasse«   100

3. Entstehung, Funktion und Wandlung des Begriffs »Rassismus«   104
   Die beiden inkommensurablen Erscheinungsformen des Wortes »Rassismus« (1895-1897, 1925)   105
   Der Rassismusbegriff in der Vorläuferversion (1895-1897, 1902): Rassist sein, Franzose sein   108
   Der Rassismusbegriff   110
      Die »rassische Theorie« 1921 (110)
      Erstes Aufkommen des Begriffs »raciste/rassistisch« (1922) und Rassismus (1925) (112)
      Französischer »Nationalismus« gegen deutschen »Rassismus« (1927, 1937) (115)
   Die Vorbereitungen des ideologisch-diskursiven Feldes (1914-1918) und seine Vollendung (1936-1938)   121
      Universalismus oder deutsche Barbarei (Eine Polemik der Action française, 1915)   121
      Die »deutsche nationalistische Ideologie« in der Sichtweise der französischen antirassistischen Ideologie
      (Ein Vortrag von Edmond Vermeil, 19. Dezember 1936)   126
         (Ein nazifizierter Spengler (1933-1936) (130)
      Die beiden Kernelemente der Definition: Reinheit, Ungleichheit   131

4. Ein Idealtypus: »Der Rassismus« als ideologische Konstruktion   134
   Der Rassismus des Antirassismus   134
   Ungleichheit und Unterschied: Die doppelte Logik der Rassenbildung   145
      Die Logik des Vernichten-Müssens   148
      Paradoxe Selbstrassenbildungen   152
      Zwei Idealtypen des Rassismus   156
   Beschwörung oder Begriffsbildung   159

Teil II   Genealogie der dogmatischen Kritik des Vorurteils   165

5. Die intellektuellen Quellen des Antirassismus: Die »Bekämpfung der Vorurteile«   167
   Die antirassistische Pflicht, keine Vorurteile mehr zu haben
   (Über eine Seite von Jean Hiernaux)   168
   Der Traum von einer Welt ohne Vorteile. Eine universalistische Utopie   172
   Untersuchungen einiger im »Kampf gegen das Vorurteil« enthaltener Vorurteile   177
      Das Vorurteil gegenüber den Vorurteilen: Die militante Leidenschaft des Rationalismus   177
      Die Autorität der Vernunft: Vom empirisch-rationalistischen Synkretismus zur cartesianischen Orthodoxie des Radikalismus   183
      Cartesianisches Denken und ideologisch-politischer Cartesianismus   186
      Die Strategie des Appells an die Toleranz: Voltaire, Fanatiker der Toleranz   189
      Am Anfang: Montaigne:   192
   Die beiden Quellen des modernen rationalistischen Universalismus: Universeller Zweifel, universelle Wissenschaft   195
   Ein antifanatischer Fanatismus (Ein Programm nach Spinoza)   198
      Die Vorurteile der Theologen   199
      Das grundlegende Vorurteil   201
      Jenseits von Vorurteilen und Aberglauben   203
   Der Appell an die großen Namen: Stärke und Schwäche des Antirassismus   207

6. Die Theorien des Vorurteils und die Bedeutung des Rassismus   211
   Die wissenschaftliche Bedeutung: Rassismus, Rassenvorurteil, Diskriminierung   214
      Rassismus als Ideologie   216
      Rassismus als Vorurteil   219
      Rassismus als Diskriminierung   231
         Fragen  zur Diskriminierung (234)
      Die »Theorien des Vorurteils«   245
   Die populäre Bedeutung: Konzentration auf Haß, Mißachtung und Ungleichheit   249
      Wie kann man vermeiden, Rassist zu sein?   249

7. Antirassismus und Ideologie gegen das Vorurteil   253
   Wie kämpfen? Utopische Orientierungen und Lösungen   253
      Der Rassismus als falsche, verlogene und überholte Theorie   253
         Was tun? Eine szientistische Utopie der antirassistischen Konditionierung und Indoktrination (254)
   Die Grenzen der Ideologie gegen das Vorurteil   256
      Doktrinen und Anwendungen des Vorurteils   256
      Die Umkehrung des Spiels der Kritik: Antirassismus als Vorurteil, Intoleranz und Exklusion   259

Teil III   Rassismus und Antirassismus: Paradoxa, Analysen, Modelle, Theorie   269

8. Über den Rassismus: Modelle, Idealtypen, Varianten, Paradoxa   271
   Ein theoretisches Modell des Rassismus   271
   Die Logiken des »Rechts auf Differenz«
   (Variationen zu einem Text von Louis Dumont)   284

9. Die Angst vor der Mischung: Die These der Mixophobie   289
   Die Ablehnung der Mischung   289
   Die sozialpsychologische Hypothese von Pagès-Lemaine:
   Der Wunsch nach der physischen Stammlinie des Menschen   299

10. Vom Antirassismus: Idealtypus, Korruption der Ideologie, Perversion der Wirkung   307
   Das Elend des rückerinnernden Antirassismus (ein Idealtypus)   307

11. Elemente für eine Theorie der ideologischen Debatten   338
   Grundsätze einer Konzeptionalisierung   338
   Der Schock der Rhetorik: Die Unmöglichkeit des Dialogs zwischen Margaret Mead und James Baldwin   341
      Die beiden Antirassismen   346
      Das dualistische Modell   346
      Aporie und Dialog   352

Teil IV   Jenseits des Rassismus   357

12. Pessimismus: Philantropie trotz des Menschen   361
   Heroischer Pessimismus: Der postoptimistische Humanismus   361
   Die Schwächen des abstrakten Universalismus. Genozid und Wertverlust kultureller Unterschiede   365

13. Diffiziler Universalismus   369
   Das Postulat der reinen Philantropie   370
   Die Pflicht der Wahrheit   373
   Die universalistische Orientierung: Grund, Sinn, Glauben   377
      Kommunikation: Der universelle Horizont der Vernunft   377
         Die Ethik der kommunikativen Gemeinschaft (379)
      Verständnis: Vom Bereich der Rhetorik zum Sinn des Dialogs   381
      Der Gemeinsinn: Die Gemeinschaft gemeinsamer Überzeugungen   389
         Die Universalität: Von der gemeinsamen Basis zur unendlichen Aufgabe (402)
         Die erhoffte Vernunft (403)

14. Die Ethik: Die Unendlichkeit des Gesetzes über das Gesetz?   406
   Von der Pflicht zu den Zwecken und Werten (Kant)   406
   Die Rechte des Anderen (Lévinas)   411
   »Antirassistische« Klugheit: Der indirekte Weg (Scheler)   416
   Die Menschenrechte - trotz alledem   418

15. Republikanische Metapolitik: Universalismus oder Barbarei? Universalismus ohne Barbarei?   423
   Der indirekte Weg der Differenz   425
   Die republikanische Idee   430
   Der Anspruch der Universalität. Der heroische Humanismus   433

Anmerkungen   441
Literatur   563
Personenregister   613

 
Originalausgabe La force du préjugé: Paris: Éditions La Découverte 1988